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STILBRUCH
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Do 12.01.12 22:15

Hommage

Jahrhundertkneipen

Es gibt Trinklokale in Berlin, die haben schon viel erlebt und mitgemacht. Und: man sieht es ihnen an. Und das ist auch gut so. Ein Fotobuch zeigt jetzt die nostalgische Würde dieser Traditionsgaststätten.

Die "Alte Kolkschänke" in Spandau. Die älteste Kneipe Berlins – seit 1743 wird hier getrunken. Wahrscheinlich ist sie die kleinste, bestimmt aber eine der charmantesten Tränken der Stadt. Wenn Margot Zint die Rollläden hochzieht, erlebt sie staunende Gesichter.

Margot Zint, Wirtin
"Wenn ick dann hochziehe, und die gucken dann so rinn und sagen: Kommen denn hier überhaupt noch Leute? Ick sage: Eigentlich nich, aber ich muß ja jeden Tag wenigstens een mal lüften!"

Die Zeit steht scheinbar still in der Kolkschänke. Die Wirtin führt den Laden seit 43 Jahren - mit eiserner Hand. Von den Stammgästen wird sie Heimleiterin genannt.

Ein Bildband setzt den ältesten Berliner Kneipen nun ein Denkmal. Die 15 Destillen, Budiken und Kneipen sind allesamt Orte mit Geschichte, mit Patina – ja, mit Würde. Eine eindrucksvolle Bestandsaufnahme "der letzten ihrer Art".

Manche Lokale sind Bühne und Museum zugleich, wie das Hoeck in Charlottenburg. Wilhelm Hoeck gründete seinen Laden 1892 als Likörfabrik und Probierstube, der Patriarch herrschte über 40 Jahre mit strengem Blick über Kundschaft und Kellner. In den 60ern war das Hoeck Treffpunkt der APO, auch Dutschke trank hier sein Bier.

Clemens Füsers, Buchautor

"Das Geheimnis von Kneipen, die sich über so viele Jahre, über Hundert Jahre und noch mehr halten konnten, ist eben die Authentizität dieser Lokale und das original erhaltene Interieur, die Leute lieben diese dunkle Holzvertäfelungen und auch diese alten und schweren Rückbüffets."


Eine Zeichnung mit den Hoeck'schen Gluckerflaschen von Heinrich Zille belegt, dass hier alles so geblieben ist.

In der Bornholmer Hütte im Prenzlauer Berg gibt es im Keller eine Kegelbahn, die über Hundert Jahre auf dem Buckel hat. Es ist die Älteste Berlins. Der "Club der alten Reichsbahner" liebt es selber aufzustellen.
Die Herren kommen seit 40 Jahren zum Kegeln in die Bornholmer Hütte.

Günther Dreyer, Reichsbahn-Kegelclub
"Die Gaststätte, ick weeß nich, ob ich dass sagen darf, aber im Prinzip – die hat sich seit 40 Jahren och nich verändert, die ist in dem selben Odeur da oben geblieben, wie sie immer war, ick kann mich gar nich erinnern, dass ich sie mal anders gesehen hab, als in Kaffeebraun oder in Ocker."

Im nachgedunkelten, zigarettenbraunen Ambiente drehte 1982 der Polizeiruf eine seiner Kneipenszene.

Der Polizeiruf 110 (1983)
"Wer und was hier gespielt wird, bestimmen immer noch wir. Ist das klar? Wenn du
noch so dämlich grinst fliegst du raus. Ist das klar?" "Jut, jut, nur kein Streit, Herr
Kollege, geht ja klar."


Schlägereien gabs's hier in Wirklichkeit nie, seit das Bornholmer Hütte 1905 gegründet wurde. Seit fast 60 Jahren hat hier die Familie Gerhus das Sagen. Hier ist "Aperol Sprizz" ein Schimpfwort, man ist sich treu geblieben: Bier, Buletten, Kaffee. Nur die Sperrstunde ist Vergangenheit.

Christine Gerhus, Wirtin
"Es gab eine Zeitlang, wo die Gäste pünktlich raus sein mussten. Und da hatten wir einen ganz besonderen Trick drauf. Mein Mann ist dann immer hochgestiegen und hat die Uhr eine viertel Stunde vorgestellt. Und die Gäste haben gesagt: Oh, Mann, es ist gleich zwölf, haben bestellt. Sie hatten aber nicht drauf geachtet, dass es ja noch zwanzig Minuten sind oder so, so konnten sie alle ganz in Ruhe austrinken."

Ja, damals in der DDR war alles limitiert und das Lokal Warenumschlagplatz zwischen Ost und West. Weil die jungen Leute heutzutage viel später "aus die Puschen" kommen, wie die Chefin sagt, ist nun erst tief in der Nacht Schluss. Sohn Matthias hat das Lokal an das neue Berlin angepasst.

Clemens Füsers, Kneipenexperte
"Die Bornholmer Hütte hat gute Chancen zu überleben. Ich bin glücklich darüber, wenn ich einen jungen Wirt sagen höre: ''Sie wissen ja, wo sie mich die nächsten 25 Jahre finden werden.''"


Berliner Jahrhundertkneipen, das ist eine schöne Hommage an die unveränderlichen Inseln der Trunkenheit.


Autor: Sascha Hilpert

Dieser Text gibt den Sachstand vom 12.01.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Berliner Jahrhundertkneipen

Lokale mit Geschichte und Geschichten
Clemens Füsers, Gudrun Olthoff
Fotobildband
144 Seiten mit 85 ganzseitigen Farbabbildungen
26 x 18 cm, Festeinband, Schutzumschlag, Fadenheftung
ISBN 978-3-942473-16-3
Preis: 19,90 Euro
Lehmstedt Verlag

[lehmstedt.de]

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