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Für seinen Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" bekam Eugen Ruge letztes Jahr den Deutschen Buchpreis. Sein Vater Wolfgang, ein bekannter Historiker in der DDR, verbrachte 15 Jahre seines Lebens als Verbannter in Sowjetischen Lagern. Seine Erinnerungen an den Gulag hat sein Sohn jetzt neu veröffentlicht. Dieser Beitrag liegt aus rechtlichen Gründen leider nicht als Video vor.
"Die Menschen sterben wie Fliegen. Bei den meisten geschieht es fast lautlos. Sie kriechen von der Arbeit nach Hause, legen sich auf die Pritsche, strecken alle Glieder von sich und verenden. Am 1. März breche auch ich zusammen..."
Es ist der Winter 1943, ein Straflager im nördlichen Ural. Hierhin hat man den deutschen Kommunisten Wolfgang Ruge nach Kriegsausbruch deportiert. Einst kam er in die Sowjetunion, um beim Aufbau einer gerechteren Welt mitzuhelfen. Jetzt kämpft er bei minus 30 Grad ums Überleben.
Wolfgang Ruge hat überlebt, in der DDR wurde er zu einem angesehenen Historiker. Über seine Zeit im Gulag hat er öffentlich nie gesprochen, doch wer ihn fragte, bekam immer eine Antwort.
Eugen Ruge, Schriftsteller & Sohn:
"Mein Vater hat tatsächlich immer in anekdotischer Form darüber erzählt. Er sprach darüber, ganz offen, aber immer mit so einem Lächeln, in so zurückgelehnter Pose, immer mit einer Pointe am Ende. Später habe ich verstanden, dass das auch Abwehr war."
Eugen Ruge ist mit den Geschichten seines Vaters aufgewachsen. Im letzten Jahr hat der Schriftsteller einen äußerst erfolgreichen Roman geschrieben, über einen Historiker in der DDR, der in der Sowjetunion im Lager saß. Es ist die Geschichte seines Vaters, und auch seine eigene: Eugen Ruge wurde selbst noch 1954 im sowjetischen Verbannungsort Soswa geboren. Später hat er seinen Vater immer wieder gedrängt, seine Erlebnisse aufzuschreiben.
Eugen Ruge, Schriftsteller:
"Da hat er immer so reagiert 'Ach wozu, das veröffentlicht ja sowieso niemand' - also jedenfalls in der DDR nicht – und 'Wen soll das noch interessieren'. Solche Ausflüchte waren das, und ich hab gesagt: Wieso? Es ist egal, ob das jemanden interessiert – du musst das aufschreiben! Das ist wichtig und du musst das aufschreiben! Und er tat immer so, als ob er das verschiebt, auf unbestimmte Zeit, und in Wirklichkeit – ja, man muss sagen - quälte er sich eigentlich die ganze Zeit schon mit diesem Stoff."
Was Wolfgang Ruge zunächst heimlich aufschreibt, ist die bittere Bilanz eines Kommunisten im 20. Jahrhundert: Mit 16 emigriert er 1933 nach Moskau macht Abitur, studiert Geschichte. Als Nazi-Deutschland die Sowjetunion überfällt, wird er wegen seiner deutschen Herkunft in ein Lager im Ural deportiert. Von nun an geht es nur noch ums Überleben. Die Zwangsarbeiter werden zum Holzeinschlag herangezogen – Brot gibt es nur bei Normerfüllung. Es herrscht völlige Willkür: Keiner hier wurde je offiziell verurteilt, und doch gibt es keine Aussicht auf Freilassung. Auch nicht nach Kriegsende. 1948 wird Wolfgang Ruges Strafe in „ewige Verbannung“ umgewandelt, er darf den Lagerort nun per Dekret zeitlebens nicht mehr verlassen. Dass Menschen anderswo ein normales Leben führen, scheint ihm unvorstellbar. Nur ein altes Lateinlehrbuch, sein letzter Besitz, erinnert ihn daran, dass irgendwo eine andere Welt existieren muss.
Eugen Ruge, Sohn und Schriftsteller:
"Er sagte, wenn er gewusst hätte, am Anfang, als er nach Kasachstan verbannt wurde, dass diese ganze Geschichte 15 Jahre dauern würde, dann hätte er es gar nicht überstanden. Es funktioniert anders, man hofft offensichtlich, dass die Dinge sich ändern, man hofft auf das Kriegsende, dann hofft man auf irgendetwas nächstes, dann hofft man auf Stalins Tod usw. So funktioniert das, und die Zeit vergeht: Ingesamt hat er 15 Jahre seines Lebens 'verloren'."
Drei Jahre nach Stalins Tod, nachdem auch die letzten deutschen Kriegsgefangenen zurückgekehrt sind, wird Wolfgang Ruges Antrag auf Heimkehr stattgegeben. Er ist 39, als er seine Heimatstadt Berlin wiedersieht. Die DDR-Regierung bietet ihm einen Stelle als Historiker an, sie will ihn halten und Ruge, der so sehr unter Stalin gelitten hat, bleibt. Glaubt, dass es nun besser wird. Hofft. Und zweifelt.
Eugen Ruge, Sohn und Schriftsteller:
"Ich habe ihn erlebt als Menschen, der zunehmend zuerst unzufrieden und dann auch verzweifelt war. Er ist ja aufgebrochen, als junger Mann, um den Kommunismus auf der ganzen Welt mitverwirklichen zu helfen, er ist dann durch die Hölle des Stalinismus, des Gulag gegangen, dann hat er nochmal gehofft, dass der wahre Sozialismus in Gang kommt, und ist auch wieder enttäuscht worden. Und dann musste er noch den totalen Zusammenbruch des Sozialismus verkraften, also da bleibt nicht mehr viel übrig..."
Wolfgang Ruge blieb Kommunist, bis zu seinem Tod 2006. Doch in seinen Erinnerungen beschönigt er nichts. Sie sind der Bericht eines Gläubigen, der vom Scheitern dessen erzählt, woran er sein Leben lang geglaubt hat. Ein erschütterndes, berührendes, wichtiges Buch.
Autor: Tim Evers
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_12_01/wolfgang_ruge.html