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Balaton (Quelle: rbb)

Do 15.10.09 22:05

Zeitgeschichte

Deutsche Einheit am Balaton

Urlaub und grenzenlose Freiheit: In den 70er und 80er Jahren bedeutete das für viele Ost- und Westdeutsche eine Reise an den Balaton. Eine intermediale Ausstellung des Künstlers Péter Forgács zeigt nun einen Teil der deutschen Geschichte, der sich außerhalb des Landes ereignete.

Der Balaton am Plattensee. Glückliche ostdeutsche Menschen im Kalten Krieg. Auf den Campingplätzen Ungarns suchten sie Entspannung und fanden sie. Mit dabei: tausende Westdeutsche. Die kamen mit großem Campingwagen und sehr viel Neugierde. Neugierde auf das Land und die Leute, die hier Urlaub machten. Auch Elisabeth Schmidt aus Westberlin traf mit ihrem Sohn auf eine Familie aus Thüringen.

Elisabeth Schmidt, Berlin-Kreuzberg
"So startete eine zehn Jahre lange Freundschaft. Wir haben uns jedes Jahr getroffen. Und ich hab immer gesagt, wenn ich den Urlaub unter ein Motto stellen sollte, dann würde ich sagen: Glück."

Man ging gemeinsam essen und Frau Schmidt zahlte. Man sang und spielte Gitarre, Frau Schmidt brachte die englischen Texte mit und man stellte fest: Es gibt sehr viel, was einen verbindet.

Elisabeth Schmidt, Berlin-Kreuzberg
"Nie werde ich vergessen, wie Dieter immer Wurstdosen für uns mitbrachte aus Thüringen und immer sagte: Sonst können se nich viel, aber Wursten können se."

Im Einheitstaumel dieser Tage ist dem ungarischen Kulturzentrum ein sehr emotionaler Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte gelungen. In neun Einzelschicksalen wird in der Ausstellung sichtbar, was sich über drei Jahrzehnte am Balaton abspielte. Da erzählt eine Leipzigerin ihre Liebesgeschichte, die sie vom Balaton im Kofferraum in den Westen führte. Unter den Augen der Stasi. Die hatte auch die Jugendtreffen zwischen Ost und West genau im Blick. Kirchengruppen trafen sich jedes Jahr am Balaton und redeten nicht nur über die Bibel. So unterschiedlich die Geschichten sind, es verbindet sie eines: die große Politik zu unterlaufen. 

János Can Togay, Direktor Collegium Hungaricum Berlin
"In der Hinsicht, dass sie über die Überwindung der Teilung sprechen und über die Sehnsucht nach Freiheit. Und die Sehnsucht sich auf irgendeine Weise zu vereinigen. Also, es sind Liebesgeschichten, es sind Geschichten von Freundschaften, es sind Vater-Sohn-Geschichten. Sehr interessante. Es sind sehr konfliktreiche Geschichten, die auch außerhalb dieser Geschichte sehr konfliktreich sind."

Lutz Hildisch aus Neubrandenburg hat die Trennung vom Vater nie verwunden. Der Vater war 1950 nach der Scheidung in den Westen gegangen und traf sich mit dem Sohn 1969 am Balaton. 

Lutz Hildisch, Neubrandenburg
"Wir waren lange getrennt, er wusste auch nicht wie er mit mir umgehen soll. Also, das war schon ne kleine Herausforderung. Aber, wir haben das dann auf das Niveau gebracht, wir wollen einen netten Urlaub verbringen. Wir wollen es genießen."

Am Balaton schien sie nichts zu trennen. Lutz Hildisch spürte einen Hauch von freier Welt und sehnte sich noch mehr zum Vater in den Westen. Zu einem Wohlstand, der sich so selbstverständlich gab.

Lutz Hildisch, Neubrandenburg
"Und das hat er mir ja dort auch vorführen können, in einem eben Porsche ähnlichen Sportwagen, in dem er anreiste. Und so was alles. Ich muss sagen, ich war nun nicht überwältigt, ich musste nun nicht auch gleich eine Porsche haben. Aber da dachte ich: 'So kann das Leben auch verlaufen'. Und das hab ich bewundert."

Am 21. August 1968 wollte Lutz Hildisch über Prag zum Vater in den Westen fliehen. Die Flucht scheiterte. Sie gelang erst seinem Sohn im September 1989 über Ungarn.

János Can Togay, Direktor Collegium Hungaricum Berlin
"Also, das ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, das ist auch ein Blick in die Gegenwart und in die Zukunft. Denn diese Menschen und diese Schicksale und diese Schicksalswege bestimmen – höchstwahrscheinlich, es muss so sein, es kann keine Ausnahme sein – auch die Zukunft Deutschlands und auch die Einheit."

Wenn ungarische Ausstellungsmacher die Deutschen nach ihrer gemeinsamen Geschichte befragen, dann ist ihnen jedes Vorurteil fremd. Und das schafft zum Teil verblüffende Einsichten. Zum Beispiel, wie nostalgisch Wessis sein können.

Elisabeth Schmidt, Berlin-Kreuzberg
"Und als 1990 in Zwickau die letzten Trabanten vom Band liefen und einen Polomotor hatten, da hab ich sofort einen Trabanten gekauft."

Elisabeth Schmidt, die Kreuzberger Feministin, spritzte ihren Trabi lila und nennt ihn Margot. Er fährt bis heute unfall- und störfrei. Zurück in die Zukunft?

Autorin: Marina Farschid

Stand vom 15.10.2009

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 15.10.2009 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Ausstellung

Deutsche Einheit am Balaton

Die private Geschichte der deutsch-deutschen Einheit
intermediale Ausstellung von Péter Forgács
im Collegium Hungaricum Berlin
Ungarisches Kulturinstitut
Dorotheenstr. 12.
10117 Berlin
Tel: 030-212-340-400
Fax: 030-212-340-488
E-Mail: collegium@hungaricum.de
Weitere Informationen unter
www.hungaricum.de

Das Buch zur Ausstellung

Deutsche Einheit am Balaton – Die private Geschichte der deutsch-deutschen Einheit
von Jürgen Haase und János Can Togay
160 Seiten, gebunden
be.bra verlag
ISBN: 978-3-89809-086-5
19,95 Euro www.bebraverlag.de

Péter Forgács

Weitere Informationen über den Künstler unter
www.forgacspeter.hu

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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