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STILBRUCH
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Kiez-Kultur

Rettet die Eckkneipe

Früher traf man sich in der Eckkneipe um mal richtig seine Meinung zur Politik oder zur Bundesliga zu sagen. Heute werden, gerade in Berlin, aus immer mehr Eckkneipen Szenebars, statt Herrengedeck gibt es jetzt Mojito oder "Spritz".

Molle ade? Selbst wenn Eckkneipen in vielen Bezirken längst geschlossen sind, in Neukölln verteidigen sie tapfer ihre letzten Bastionen.

Beim "Steckenpferd" steht die Kunst nicht nur vor der Tür, hier im Körnerkiez wird gleich die ganze Kneipe zur Kunst erklärt – zumindest für ein Wochenende. Die Idee dazu hatte Monika Chassagnon, Stammgästin und Flüchtling vom Prenzlauer Berg.

Monika Chassagnon, Initiatorin, Eckkneipen-Aktivistin
"Eine Eckkneipe zur Kunst-Aktion zu machen heisst heutzutage in Kiezen, die im Wandel sind, die zunehmend gentrifiziert werden, die Eckkneipe als Institution, die sie immer gewesen ist, wieder in die Erinnerung der Leute zu bringen oder sie überhaupt erstmal in den Fokus zu bringen."

Denn zunehmend wird der Bezirk von Menschen bevölkert, die Alkohol für sich ablehnen und statt Fudschi lieber Latte Macchiato in den neu entstandenen Szene-Cafes trinken.

Die sollen mit Altberliner Schwof im Stil der zwanziger Jahre eine Zeitreise erleben und dabei die Erkenntnis gewinnen, dass die Eckkneipe kein Denkmal ist.

Monika Chassagnon, Initiatorin, Eckkneipen-Aktivistin
"Die Berliner Eckkneipe ist ein Kulturgut insofern, als es sie immer schon gab, dass es sie schon seit 150 Jahren gibt und gab, es immer weniger gibt und die Eckkneipe wichtig ist dafür, dass der Kiez rund herum funktioniert und die Leute, die rund um ihre Eckkneipe wohnen, miteinander in Kontakt bleiben."

Die Bühnenbildnerin Pia Wessels hat viele Eckkneipen fotografiert und dabei festgestellt, dass sich ihre soziale Funktion längst verändert hat.

Pia Wessels, Kuratorin Projekt "25 Wohnzimmer"
"Ich kenne das noch aus Erzählungen von meinem Vater aus Studentenzeiten, dass man in Moabit in die Eckkneipe ging und sich die Hucke vollgesoffen hat.
Da waren eben alle miteinander da, da war es nichts Ungewöhnliches, dass jemand von außen gekommen ist. Und mittlerweile ist das ein kleiner, reduzierter Kreis, der geschlossen ist."

Resistent gegen jede Form von Veränderung hat sich nur die Inneneinrichtung erwiesen.

Ton Pia Wessels, Kuratorin "25 Wohnzimmer"
"Die spezifische Ästhetik würde ich beschreiben als sehr wohnliches, im klassischen Sinne, was wirklich mit Gardinen, Grünpflanzen und unheimlich viel Dekoration zu tun hat. So dass man immer den Eindruck hat, es ist ein Teil eines Heims, in dem man sich befindet."

So scheußlich, dass es auch schon wieder schön ist.

Pia Wessels, Kuratorin “25 Wohnzimmer”
"Das, was so Trash ist und was gerne in die Kunst, in die Mode oder ins Theater übernommen wurde, also diese trashige Ästhetik, die kommt ja auch aus einer Beobachtung. Einer Beobachtung von etwas Verschwindendem und deshab würde ich sagen: Das gehört alles zusammen, das Schöne wie das sogenannte Hässliche, aber eigentlich ist das alles eins."

Im "Steckenpferd" wollen sie sich aber keinesfalls für den nächsten Retro-Trend missbrauchen lassen.

Monika Chassagnon, Initiatorin, Eckkneipen-Aktivistin
"Möchten wir, dass die Eckkneipe zum Kult wird? Ich glaube nicht. Wir möchten einfach, dass sie weiter existiert - wie sie all die Zeit existiert
hat."

Doch die Tage der Eckkneipe sind mit oder ohne Kunst auch in Neukölln bald gezählt.


Autor: Lutz Ehrlich

Dieser Text gibt den Sachstand vom 16.06.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Destillengeschichten: Momentreisen durchs Milljöh

Zum Steckenpferd
Emser Str. 8
12051 Berlin-Neukölln

Fr.: 19 – 22 Uhr
Sa.: 17 – 21 Uhr
So.: 12 - 17 Uhr

Im Rahmen von "48 Stunden Neukölln"

www.zumsteckenpferd-blogspot.com

Kunst- und Kulturfestival "48 Stunden Neukölln"

17.-19.06.2011, 19 - 19 Uhr

www.48-stunden-neukoelln.de

“Berliner Eckkneipen - 25 Wohnzimmer”

Ausstellung bis 05.06.2011
Fotografien von Peter Liptow

Ausstellungskatalog erhältlich in der:
Galerie Saalbau Neukölln
Karl-Marx-Straße 141
12043 Berlin-Neukölln

www.kultur-neukoelln.de

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_16_06/rettet_die_eckkneipe.html

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