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STILBRUCH
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Do 17.11.11 22:15

Neues Buch

Simon Adler. Eierhändler in Berlin

Als 1936 der Eierhandel in Deutschland "arisiert" wurde, war auch der jüdische Eierhändler Simon Adler betroffen. Sein Schicksal steht für viele jüdische Kaufleute, denen die Nationalsozialisten erst die Existenz – und dann das Leben nahmen.

Sie sind fast so klein wie Fingerhüte - diese fünf silbernen Becher. Sie stehen im Museum Neukölln und machten die Kulturwissenschaftlerin Karolin Steinke neugierig. Wem gehörten diese Kiddusch-Becher, mit denen jeder fromme Jude zum Shabbat den Wein segnet? Welche Geschichte steckt - dahinter?

Karolin Steinke, Autorin, Kulturwissenschaftlerin
"Das war eigentlich wie ein Recherchekrimi, der da vonstatten ging. Denn am Anfang gab es nur ein Interview mit der Spenderin der Becher, einer nichtjüdischen Neuköllnerin, einer Milchhändlerin, die dem Museum 1988 diese Becher geschenkt hatte. Und die hat erzählt von diesem Eierhändler. Er hatte ihr diese Becher überlassen vor einer geplanten Emigration. Und mehr hatte ich am Anfang nicht."

Im Geschichtsspeicher des Museums fand sie das Interview mit der Milchhändlerin - eine erste Quelle und nur der Anfang eines großen Puzzles. Drei Jahre lang suchte Karolin Steinke in Archiven, in Geburts-, Sterbe-und Handelsregistern nach den Spuren der Besitzer. Sie fahndete in Polizei- und Gerichtsakten, suchte in Israel und London nach Verwandten von - Simon und Rosa Adler.

Karolin Steinke, Autorin, Kulturwissenschaftlerin
"Ein Ehepaar, das aus Galizien eingewandert ist. 1905. Das liegt heute in der Westukraine, eine Kleinstadt – Haliztsch, da ist Simon Adler geboren und er hat in Berlin eine Lehre gemacht  - zum Eierhändler."

Karolin Steinke hat dem unbekannten Leben des Eierhändlers Simon Adler nachgespürt. Es ist eine berührende Zeitreise in die erste Hälfte des 20.Jahrhunderts. Berlin ist eine pulsierende Metropole, als Simon und Rosa Adler wie viele osteuropäische Juden in Berlin ihr Glück suchen. Und das liegt für sie im Eierhandel, denn die schnell wachsende Großstadt kann den Bedarf längst nicht mehr decken…

Karolin Steinke, Autorin, Kulturwissenschaftlerin
"Es gab einen kolossalen Eierkonsum zu der Zeit, so dass 40 Prozent der Eier aus dem Ausland importiert wurden, das heißt aus Galizien, das sind 1000 km mit der Eisenbahn."

Auch Simon und Rosa Adler werden zu so genannten "Eierjuden". Sie halten Kontakt zur alten Heimat und handeln mit galizischen Eiern. In der Friedelstraße in Neukölln, dort wo sich heute eine Konditorei befindet, sieht alles noch fast so aus wie damals im Kolonialwarenladen des Simon Adler…

Karolin Steinke, Autorin, Kulturwissenschaftlerin
"Also, Simon Adler hat sein erstes Geschäft 1909 eröffnet hier in Neukölln. Und er hat innerhalb von kurzer Zeit, nicht nur einen Eiereinzelhandel, sondern auch einen Eiergroßhandel aufgemacht. Er hatte einen Kutscher und seine Frau hat Eier auf dem Markt verkauft. Dann hat er 1923 auf dem Höhepunkt der Inflation sogar ein Wohnhaus gekauft in Kreuzberg, in der Schönleinstraße."

Schon ein Jahr später verbieten die Nazis die Einfuhr ausländischer, vor allem jüdischer Eier. Der Rassenwahn als Irrwitz. Im Reichsernäherungsministerium ist dafür Bernhard Grzimek, der später berühmte Tierarzt, zuständig.

Karolin Steinke, Autorin, Kulturwissenschaftlerin
"Er war zuständig für die Durchführung dieser Eierverordnung. Er war da schon an zentraler Stelle, ob er im Detail tatsächlich an der Schließung jüdischer Geschäfte beteiligt war, konnte ich noch nicht herausfinden."

Die jüdischen Eierhändler verschwinden bald aus dem Alltag der Deutschen. Die sollen deutsche Eier essen. Doch das klappt nicht. Der Nachschub hinkt. 1935 herrscht Eierknappheit und der Schwarzhandel blüht. Heimlich wird weiter beim Eierjuden gekauft. Wer da entdeckt wird, den denunziert man beim Naziblatt "Der Stürmer". Offiziell isst der Deutsche da längst nur noch arische Ostereier… Simon Adler hat zu gleichen Zeit sein Geschäft schließen müssen. Er hat seinen Besitz verkauft und plant im Frühjahr 1936 mit seiner Familie die Ausreise nach Palästina.

Karolin Steinke, Autorin, Kulturwissenschaftlerin
"Und das ist das große Rätsel an dieser Geschichte. Er hatte schon eine Fahrkarte, aber er ist nicht emigriert, er ist mit seiner Frau Rosa in Berlin geblieben und wir wissen einfach nicht, warum."

Es gibt nur eine Vermutung. Zwei seiner Söhne sind schon emigriert, doch Heinrich – hier in der Mitte zu sehen – ist das Sorgenkind der Familie. Er ist geistig behindert, sie können ihn nicht mitnehmen und wollen ihn nicht allein zurücklassen. Er wird 1940 eines der ersten Euthanasie-Opfer... Simon und Rosa Adler versuchen zu überleben. Sie näht Lampenschirme, er wird Zwangsarbeiter bei Siemens. Als 1943 die letzten Juden aus Berlin deportiert werden, tauchen sie unter. Ein Jahr lang können sich die beiden fast Sechzigjährigen verstecken. Im April 1944 wird Rosa Adler verhaftet – wie Zeugen berichten…

Karolin Steinke, Autorin, Kulturwissenschaftlerin
Da ist also bezeugt, dass Rosa Adler auf offener Straße, sie kam gerade von ihrem Gemüsehändler, erkannt wurde von jüdischen Spitzeln und verhaftet wurde. Und ihr war das klar und den Spitzeln war das klar, dass das eigentlich ihr Ende bedeutet.

Rosa Adler wird gezwungen, dass Versteck ihres Mannes preis zu geben. Sie kommen beide nach Auschwitz. Simon Adler überlebt seine Frau nur um wenige Wochen.


Autorin: Marina Farschid

Dieser Text gibt den Sachstand vom 17.11.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Neues Buch

Karolin Steinke
Simon Adler
Eierhändler in Berlin
88 Seiten, Broschur
21 Abbildungen
ISBN: 978-3-942271-30-1
Preis: 8,90 Euro
Verlag: Hentrich & Hentrich

[hentrichhentrich.de]

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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