Schwarzweißfotografie: Junge mit Fahrrad vor dem Bundestag (Quelle: rbb)

Fotografie - Ernst Hahn: 'Berlin um 1950'

Mehr als 60 Jahre lang lagen seine Bilder in einer Blechschachtel - die Aufnahmen des Fotografen Ernst Hahn aus den 50er Jahren. Bilder von Streifzügen durch das kriegszerstörte Berlin. Jetzt erscheinen die Zeugnisse des mittlerweile 86-Jährigen in einem Fotoband.

Eine alte Blechschachtel mit mehr als 1000 Foto-Negativen. Der 86-jährige Fotograf Ernst Hahn hatte die Kiste längst vergessen, als er sie nach 60 Jahren beim Aufräumen in seiner Wohnung in Wilmersdorf wieder findet. Ein vergessener Schatz. Jetzt sind die Fotos erstmals in einem Bildband erschienen: Berlin in den 50er Jahren.

Wie in einem Tagebuch hat Ernst Hahn die Atmosphäre im Nachkriegsberlin fotografisch festgehalten.

Ernst Hahn, Fotograf
"Also, es ging ein Gefühl der Erleichterung nach dem schlimmen Kriegsende, ging bestimmt durch die Bevölkerung, in dem die sich also wirklich appetitlich auf den Straßen und nicht zerlumpet gegeben hat. Da war also unbedingt Zuversicht."


Im April 1950 kommt Ernst Hahn zum ersten Mal nach dem Krieg wieder nach Berlin. Der 23-Jährige studiert damals Fotografie in der Schweiz. Seine in wenigen Tagen entstandenen Aufnahmen finden aber keine besondere Aufmerksamkeit. Er dokumentiert das Straßenleben: Spielende Kinder in Moabit oder Marktverkäufer in Tempelhof. Ohne Auftrag fotografiert er die Stadt, wie einer, der sie neu entdeckt.

Ernst Hahn, Fotograf
"Ich bin losgelaufen aus irgendeinem Wandertrieb, und da bin ich also von Tempelhof aus, vom T-Damm aus einfach planlos losgelaufen Richtung Zentrum, durch die abgebildeten Straßen gelaufen ohne Stadtplan. Bei diesen Gelegenheiten sind mir die Motive begegnet."


Im Frühjahr 1951 kommt Ernst Hahn wieder nach Berlin. Er besucht seine Eltern in der Sowjetischen Besatzungszone in Potsdam und erkundet nebenher mit seinem Bruder die Berliner Künstlerkneipen, wie zum Beispiel die "Volle Pulle" in Charlottenburg.

Ernst Hahn, Fotograf
"Ich habe ihm gesagt: Stell Dich doch mal bitte in die Tür, um zu zeigen, wozu das Loch in dem großen Weinfass oder Bierfass eigentlich da ist. Also, das war so das einzige arrangierte Foto, gestellte Foto."


Ernst Hahn wird im Krieg wegen einer schweren Tuberkulose ausgemustert. Statt nach Stalingrad, wird er in die Schweiz zur Kur geschickt. Dort studiert er nach dem Krieg Fotografie und Gebrauchsgrafik an der Kunsthochschule Zürich bei dem berühmten Maler Johannes Itten. Der ermöglicht dem talentierten Deutschen sogar ein Stipendium.

Von Itten bekommt er den Tipp, in den Semesterferien Fotos in Berlin zu machen. Erst später wird Ernst Hahn klar, dass er in der Bildsprache der Neuen Sachlichkeit fotografiert hat. Es ging ihm nicht um Kunst, sondern um die genaue Wiedergabe der Lebensbedingungen.

Ernst Hahn, Fotograf
"Vielleicht war ich der Einzige, der just in diesem Moment, wo die Schlossfreiheit und der Schlossplatz - nebenbei hingen sogar noch die kyrillischen Buchstaben - abgesägt wurde, da war wirklich Preußen und das deutsche Reich am Ende, indem Schlossfreiheit und Schlossplatz liquidiert werden."


Ernst Hahns wiedergefundenen Fotos erinnern daran, wie viel Geschichte sich hinter jeder Berliner Straße und jedem Gebäude verbirgt. Es sind wertvolle Zeitdokumente und vor allem großartige Bilder.


Autorin: Margarete Kreuzer