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Am 20. Januar 1942 trafen sich in einer Villa am Wannsee 15 Männer zu einer kurzen Besprechung. Einziger Tagesordnungspunkt: die systematische Vernichtung möglichst aller Juden in Europa. Zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz erforschen 15 Historiker die Biografien der Teilnehmer dieser Konferenz.
Um zwölf Uhr fahren sie vor: 15 Männer, SS-Leute, Staatssekretäre, Verwaltungsbeamte. Eingeladen zu einer Besprechung über die, wie es hieß, "Endlösung der Judenfrage". Diese Aufnahmen sind gestellt - keine Kamera hielt fest, was sich am 20. Januar 1942 in dieser Villa am Wannsee abspielte. Ein einziges Protokoll der "Wannsee-Konferenz" findet man nach dem Krieg: 15 Schreibmaschinen-Seiten, erstellt von Adolf Eichmann.
Christian Tietz, Regisseur und Historiker
"Wenn man glaubt, was Eichmann ausgesagt hat, dass das ganze vielleicht anderthalb Stunden gedauert hat, dann liest man diese 15 Seiten Protokoll – das sind vielleicht 7 Minuten. Das heißt was haben die 15 Menschen in diesen 90 Minuten gesprochen? Wie beschließt man in anderthalb Stunden den Tod von elf Millionen Menschen?"
Der Regisseur Christian Tietz hat aus diesen Fragen ein Projekt entwickelt, das halb Theater, halb Forschung ist: 15 Historiker haben die Lebensläufe der 15 Konferenzteilnehmer rekonstruiert. Darauf aufbauend, wollen sie nun einen möglichen Verlauf der Konferenz nachstellen. Der Versuch einer Annäherung, zum Beispiel an einen Mann wie Wilhelm Stuckart, damals Staatssekretär im Innenministerium. Seit zehn Jahren forscht der Historiker Hans-Christian Jasch über den NS-Juristen aus Wiesbaden. Er ist in Archive gegangen, hat mit Stuckarts Söhnen gesprochen. Aus diesen Puzzleteilen fügte sich für ihn das Bild eines Mannes, der im Dritten Reich rasant Karriere gemacht hat und mit nicht einmal 40 Jahren schon als die Autorität für Rassegesetzgebung gilt.
Hans-Christian Jasch, Historiker in Berlin
"Stuckart war eben einer der herausragenden Verwaltungsjuristen des Dritten Reichs, und aus Stuckarts Sicht spielte die wichtigste Rolle die Eingrenzung des Opferkreises, also die Frage, ob Mischehen und Mischehen-Partner in die Deportationen und damit in den Völkermord miteinbezogen werden sollten."
Die Konferenz ist auch ein Tauziehen zwischen Behörden, ein Rangeln um Kompetenzen. Die Ermordung der europäischen Juden ist längst beschlossen, hier geht es um das "Wie" und die Frage, wer zuständig sein darf: Die Judenvernichtung ist im NS-Staat ein Gebiet, auf dem man sich profilieren, mit dem man Karriere machen kann.
So wie Rudolf Lange: Ein mittlerer Gestapo-Beamter von Anfang 30, der nach dem Überfall auf die Sowjetunion in die besetzten Ost-Gebiete geht und dort als Kommandeur Mordeinsätze durchführt. Als "erfahrener Praktiker" für Massenexekutionen wird er nun zur Konferenz nach Berlin geladen.
Hannes Riemann, Historiker in Potsdam
"Grundsätzlich würde ich Lange als einen weltanschaulichen Überzeugungstäter bezeichnen. Er hat eine gradlinige NS-Institutionskarriere hinter sich und mit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 die Möglichkeit, sich auch praktisch zu bewähren."
Von Rudolf Lange ist im "Wannsee-Protokoll" keine Wortmeldung überliefert. Dort wird genau aufgelistet, wie sich die elf Millionen europäischen Juden auf die einzelnen Länder verteilen und was man mit ihnen vorhat: "Evakuierung nach dem Osten", die Juden würden "entsprechend behandelt". Es sind Verschleierungsversuche fürs Protokoll, wie Eichmann später zugeben wird.
Ausschnitt aus dem Eichmann-Prozess
"Es wurde von Töten und Eliminieren gesprochen. Ich könnte mich gar nicht mehr über die Sache erinnern, wenn ich nicht gedacht hätte: Schau schau, der Stuckart den man immer als einen sehr genauen, heiligen Gesetzes-Onkel betrachtete, der ist hier sehr unparagraphenmäßg gewesen."
"Der Stuckart" versucht nach dem Krieg, sein Verhalten auf der Konferenz zum Akt des Widerstands darzustellen: Sein Einspruch dagegen, auch Halbjuden zu deportieren, und sein Vorschlag, diese stattdessen zwangssterilisieren zu lassen, habe sie vor der Ermordung bewahrt.
Hans-Christian Jasch
"Er stemmt sich, glaube ich, dagegen, weil er sah, dass das politische Folgen haben könnte. Dass man mit Protesten, Beschwerden rechnen müsste. Deswegen glaube ich nicht, dass er aus humanistischer Motivation heraus handelte, als das er es später verkauft, sondern dass es ihm primär darum ging, die Schlagkraft der Verwaltung zu erhalten, eine pragmatische Lösung zu finden."
Wilhelm Stuckart kommt nach dem Krieg mit einer milden Strafe von drei Jahren davon, 1953 stirbt er bei einem Verkehrsunfall. Rudolf Lange erlebt das Kriegsende nicht mehr – er wird bei den Kämpfen um Posen Anfang 1945 verwundet und begeht Selbstmord, um einer Verhaftung zu entgehen. Die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz waren nicht die Entscheider, es waren die, die die Judenvernichtung umsetzen, "abwickeln" sollten. Als sie am 20. Januar 1942 gegen halb zwei die Villa am Wannsee verlassen, waren sie vermutlich überzeugt, an etwas Großem teilzuhaben.
Autor: Tim Evers
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_19_01/70__jahrestag_wannseekonferenz.html