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Die 7. Berlin-Biennale startet erst im April, hat aber schon ihren ersten Skandal. Der Künstler Martin Zet will Sarrazin-Bücher sammeln und danach recyceln. Die Aktion stößt auf Kritik, da sie Assoziationen zur Bücherverbrennung weckt.
Als er Anfang der Woche aus Tschechien nach Berlin kommt, ist der Künstler Martin Zet entsetzt, dass alle Zeitungen über ihn schreiben. Er fühlt sich zur Zeit als der "meist gehasste Mann" Deutschlands. Im Büro der Berlin Biennale zeigt ihm Pressesprecher von Harling, wie hoch die Wellen schlagen: knapp 500 Kommentare - harsche Kritik an dem Künstler und seiner Idee, Thilo Sarrazins Buch in einer Kunstaktion zu verarbeiten.
Der Tscheche hat das Buch "Deutschland schafft sich ab" in Tschechisch gelesen. Übrigens die einzige Übersetzung.
Der Inhalt hat ihn schockiert. Deshalb ruft Martin Zet dazu auf, das Buch abzugeben, an "Sammelstellen" - das Wort provoziert in Deutschland, weckt Erinnerungen an die Büchervernichtung der Nationalsozialisten. Mit so einer Reaktion hat der Künstler jedoch nicht gerechnet.
Martin Zet, Künstler
"Für mich ist das Buch an sich schon eine Provokation. Wenn sich dieses Buch 1,3 Millionen Mal verkauft – ich weiß nicht, wer sich damit identifizieren kann. Ich habe natürlich damit gerechnet, dass viele Menschen diesen Aufruf ablehnen."
Thilo Sarrazins Buch einsammeln - ist das eine dem Inhalt angemessene Aktion? Die Berlin Biennale setzt dieses Mal auf "politische Kunst". Das ist ja schon mal begrüßenswert! Sie wollen sich einmischen.
Diese Berlin Biennale stemmt der Pole Artur Zmijewski. Was ist das eigentlich für ihn - "politische Kunst"?
Artur Zmijewski, Kurator Berlin Biennale
"Etwas, was wirklich funktioniert, was echt ist. Nicht so ein Kunstwerk, das irgendwo in einer Galerie präsentiert wird. Etwas, was - wie in diesem Fall - einen sozialen Prozess aktiviert."
60.000 Bücher wollen sie einsammeln. Nach der Kunstinstallation sollen die Bücher "recycled" werden. Und was heißt das? Hier beginnt das nächste Missverständnis: Ist das ein öffentlicher Aufruf zur Vernichtung von Büchern?
Artur Zmijewski, Kurator Berlin Biennale
"Ich habe nicht wie Ihr die Vorstellung, dass hier die Bücher vernichtet werden. Ich zerstöre keine Bücher."
Werner Treß, Historiker am Moses Mendelssohn Zentrum
"Unabhängig vom Inhalt stellt das Buch einen kulturellen Wert an sich dar, den es zu respektieren gilt, das darf man nicht einfach zerstören."
Werner Treß widerstrebt es eigentlich, Thilo Sarrazins Buch zu verteidigen. Auch er lehnt den Inhalt ab. Aber deswegen ein Buch recyceln? Als Historiker hat er die Vernichtung von Büchern untersucht und ermahnt uns, wachsam zu bleiben.
Werner Treß, Historiker am Moses Mendelssohn Zentrum
"Buchhinrichtung meint ja auch immer den Autor. Das Buch wird zerstört, gemeint ist aber der Autor, insofern hatte das auch immer eine Hinrichtungssymbolik. Es gab öffentliches Zerreißen mit dem Schwert, Zerschlagen, ins Wasser werfen oder auch Palimpsestieren, d.h. man hat dann die Buchstaben von den Blättern abgeschabt. Auch das war eine Form der Vernichtung von schriftlicher Überlieferung. Und ich hatte eigentlich gehofft, dass wir das überwunden haben."
Christoph Tannert, Kurator
"Mit diesen Mitteln sind sie in fataler Weise daneben getreten."
Christoph Tannert lehnt die Aktion ab. Zumindest im Künstlerhaus Bethanien soll es keine "Sammelstelle" für Sarrazin-Bücher geben. Tannert erinnert das Einsammeln an Zensur. Eine vorausgehende inhaltliche Diskussion hätte er sinnvoller gefunden.
Christoph Tannert, Kurator
"Es hätte genügt einen Zettel zu schreiben und eine öffentliche Diskussion oder eine Diskussion im Kunstrahmen über solch ein Projekt zu führen, könnte man, was wäre wenn, lasst uns diskutieren."
Martin Zet, Künstler
"Aber das ist es doch! Was passiert denn grade? Das ist doch phantastisch. Die ganze Nation ist - irgendwie - irritiert.”
Worüber diskutieren wir? Über eine vermeintliche Büchervernichtung? Aber was ist mit dem diffamierenden Inhalt des Sarrazin-Buches?
Martin Zet, Künstler
"Seine Rolle als Fetisch ist manchmal stärker als seine eigentliche Rolle: Nur weil ein Buch ein Buch ist, vertrauen wir ihm. Das Buch ist wichtiger als das, was in dem Buch steht."
Sarrazins Buch hat viele Menschen persönlich verletzt. Doch mit Martin Zets Kunstaktion wird Sarrazins Thesen auch nichts entgegen gesetzt. Allerdings ist die Berlin Biennale schon mal im Gespräch.
Artur Zmijewski, Kurator
"Für mich ist es gut, dass das jetzt so passiert."
Politische Kunst? Für uns ein Fall, der bislang schief gelaufen ist. Martin Zet will sein Konzept jetzt noch ein Mal überdenken. Denn bisher erhitzt sich die Diskussion an der Form. Nicht am Inhalt. Eine Chance verpasst. In der Sammelstelle ging bislang ein einziges Buch ein.
Autorin: Grit Lederer
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_19_01/die_sarrazin_installation.html