Geschichte -
Kerstin Barutha aus Lichtenberg war fast noch ein Kind als sie 1987 in ein DDR- Erziehungsheim eingewiesen wurde. Noch heute leidet sie unter den Folgen, wie zehntausende andere ehemalige Heimkinder.
Es ist 26 Jahre her. Kerstin Barutha war 15 Jahre alt. Ihre Mutter hatte sie aus Berlin hierher gebracht - in ein kleines Dorf in Sachsen, nach Rödern. Wo sie hier stand, erfuhr sie erst, als sie das Schild über dem Eingang las.
Kerstin Barutha
"Ich wusste gar nicht, dass ich in einen Jugendwerkhof komme, meine Mutter hatte mir erzählt, dass ich jetzt in eine Art Internat komme, wo ich eine Ausbildung machen kann. Das wäre auch etwas, womit ich einverstanden gewesen wäre. Aber dass ich in einen Jugendwerkhof komme, mich hat das richtig schockiert. Ich hatte so eine Wut auf meine Mutter, weil ich schon als Jugendliche wusste was in Jugendwerkhöfen passiert."
Kerstin Barutha war in einem der 200 Spezialheime der DDR gelandet. Wer als schwererziehbar galt, kam in ein Spezialkinderheim oder ab 14 in den Jugendwerkhof. Kerstins Vergehen: Sie hatte 24 Tage die Schule geschwänzt, trieb sich auf der Straße herum und galt als Punkerin als "moralisch-sittlich gefährdet". Diese Jugendlichen wichen ab vom sozialistischen Erziehungsmodell. Sie sollten wieder auf die richtige Spur gebracht werden. Welche psychischen, familiären Probleme sie wirklich hatten, interessierte im Jugendwerkhof niemanden.
Christian Sachse, Historiker
"Also, es war vor allem eine Erziehung zur Unterordnung, und die ist ja eigentlich politisch neutral. Man hätte sie in jedem Land der Welt einsetzen können, das autoritär ist. Und das Spezielle ist dann, dass man es politisch untersetzt. Es soll eine sozialistische Persönlichkeit werden. Wobei eine soziale Persönlichkeit immer darin bestand, sich einzuordnen, unterzuordnen und vor allem gut zu arbeiten. "
Es ist ein Alltag mit strengen Regeln und permanenter Kontrolle. Um 05:30 Uhr aufstehen, von 07:00 bis 16:00 Uhr in der Fabrik arbeiten, wer die Norm nicht erfüllt, wird bestraft – vom Kollektiv. Jeder Brief wird auch vom Erzieher gelesen. Eine Privatsphäre gibt es hier nicht. Kerstin Barutha flieht mit einer Freundin.
Kerstin Barutha
"Man hatte für sich gar keinen Ansprechpartner, so wo ich so die Sorgen, die Gedanken lassen konnte. Das war schwer… Und ja, wie das mit dem Weglaufen so ist…nach 2 Tagen…Man war wieder hier."
Es war ihr erster und letzter Fluchversuch. Kerstin passt sich an – wie die meisten im Jugendwerkhof. Erst heute wird das ganze Ausmaß sichtbar: 135.000 Kinder und Jugendliche waren von 1949 bis 1989 in diesen sogenannten Spezialheimen untergebracht. Wer da abhaute, riskierte alles.
Szene aus "Jugendwerkhof“ / R: Roland Steiner / 1982 / Progress
"Nun Du hast Dein Urteil ja selbst gesprochen. Ich habe heut mit Berlin gesprochen, wir werden Dich vorläufig erstmal nach Torgau bringen."
Torgau galt als einziger geschlossener Jugendwerkhof – und schlimmer als Knast. Doch jeder Jugendwerkhof hatte eine Arrestzelle – bis zu 12 Tagen konnten hier die Jugendlichen eingesperrt werden.
Christian Sachse, Historiker
Dieser kleine Mikrokosmos hat natürlich eine unglaubliche Gewaltförmigkeit gehabt, der dann den Jugendlichen auf den Erzieher fixiert hat. Der dann sagte, du machst jetzt das und das, und das funktionierte dann. Das ist so ein bisschen die Nachbildung der DDR im Kleinen.
Zu den Methoden der Umerziehung gehörte auch die Arbeitserziehung. Jeden Morgen wurden die 14- bis 18-jährigen nach Großenhain gefahren – in den VEB Textilveredlung. Acht Stunden täglich nähte Kerstin im Akkord 500 Geschirrtücher und verpackte bedruckte Stoffballen für den Westen, für "C&A" - für 9,66 Mark im Monat.
Kerstin Barutha
"Wir sind dort einfach zu Unrecht anderthalb Jahre eingesperrt worden. Noch dazu hat man sich an unserer Arbeitsleistung bereichert. Das möchte ich entschädigt haben. Auch die Zeit, die wir dort gearbeitet haben, erscheint teilweise gar nicht in unseren Sozialbeiträgen, sprich in unserer Rente. Das muss irgendwie entschädigt werden. Wir haben jeden Tag anderthalb Jahre auf Akkord gearbeitet."
2010 beantragte Kerstin ihre Rehabilitierung beim Landgericht Berlin. Vergeblich. Der Richter lehnte ihren Antrag als unbegründet ab. Sie wird nicht aufgeben. Sie will nicht, dass andere noch heute über ihr Leben von damals bestimmen. Sie will ein Stück ihrer Geschichte zurück.
Autorin: Marina Farschid
Kerstin Barutha
"Ich wusste gar nicht, dass ich in einen Jugendwerkhof komme, meine Mutter hatte mir erzählt, dass ich jetzt in eine Art Internat komme, wo ich eine Ausbildung machen kann. Das wäre auch etwas, womit ich einverstanden gewesen wäre. Aber dass ich in einen Jugendwerkhof komme, mich hat das richtig schockiert. Ich hatte so eine Wut auf meine Mutter, weil ich schon als Jugendliche wusste was in Jugendwerkhöfen passiert."
Kerstin Barutha war in einem der 200 Spezialheime der DDR gelandet. Wer als schwererziehbar galt, kam in ein Spezialkinderheim oder ab 14 in den Jugendwerkhof. Kerstins Vergehen: Sie hatte 24 Tage die Schule geschwänzt, trieb sich auf der Straße herum und galt als Punkerin als "moralisch-sittlich gefährdet". Diese Jugendlichen wichen ab vom sozialistischen Erziehungsmodell. Sie sollten wieder auf die richtige Spur gebracht werden. Welche psychischen, familiären Probleme sie wirklich hatten, interessierte im Jugendwerkhof niemanden.
Christian Sachse, Historiker
"Also, es war vor allem eine Erziehung zur Unterordnung, und die ist ja eigentlich politisch neutral. Man hätte sie in jedem Land der Welt einsetzen können, das autoritär ist. Und das Spezielle ist dann, dass man es politisch untersetzt. Es soll eine sozialistische Persönlichkeit werden. Wobei eine soziale Persönlichkeit immer darin bestand, sich einzuordnen, unterzuordnen und vor allem gut zu arbeiten. "
Es ist ein Alltag mit strengen Regeln und permanenter Kontrolle. Um 05:30 Uhr aufstehen, von 07:00 bis 16:00 Uhr in der Fabrik arbeiten, wer die Norm nicht erfüllt, wird bestraft – vom Kollektiv. Jeder Brief wird auch vom Erzieher gelesen. Eine Privatsphäre gibt es hier nicht. Kerstin Barutha flieht mit einer Freundin.
Kerstin Barutha
"Man hatte für sich gar keinen Ansprechpartner, so wo ich so die Sorgen, die Gedanken lassen konnte. Das war schwer… Und ja, wie das mit dem Weglaufen so ist…nach 2 Tagen…Man war wieder hier."
Es war ihr erster und letzter Fluchversuch. Kerstin passt sich an – wie die meisten im Jugendwerkhof. Erst heute wird das ganze Ausmaß sichtbar: 135.000 Kinder und Jugendliche waren von 1949 bis 1989 in diesen sogenannten Spezialheimen untergebracht. Wer da abhaute, riskierte alles.
Szene aus "Jugendwerkhof“ / R: Roland Steiner / 1982 / Progress
"Nun Du hast Dein Urteil ja selbst gesprochen. Ich habe heut mit Berlin gesprochen, wir werden Dich vorläufig erstmal nach Torgau bringen."
Torgau galt als einziger geschlossener Jugendwerkhof – und schlimmer als Knast. Doch jeder Jugendwerkhof hatte eine Arrestzelle – bis zu 12 Tagen konnten hier die Jugendlichen eingesperrt werden.
Christian Sachse, Historiker
Dieser kleine Mikrokosmos hat natürlich eine unglaubliche Gewaltförmigkeit gehabt, der dann den Jugendlichen auf den Erzieher fixiert hat. Der dann sagte, du machst jetzt das und das, und das funktionierte dann. Das ist so ein bisschen die Nachbildung der DDR im Kleinen.
Zu den Methoden der Umerziehung gehörte auch die Arbeitserziehung. Jeden Morgen wurden die 14- bis 18-jährigen nach Großenhain gefahren – in den VEB Textilveredlung. Acht Stunden täglich nähte Kerstin im Akkord 500 Geschirrtücher und verpackte bedruckte Stoffballen für den Westen, für "C&A" - für 9,66 Mark im Monat.
Kerstin Barutha
"Wir sind dort einfach zu Unrecht anderthalb Jahre eingesperrt worden. Noch dazu hat man sich an unserer Arbeitsleistung bereichert. Das möchte ich entschädigt haben. Auch die Zeit, die wir dort gearbeitet haben, erscheint teilweise gar nicht in unseren Sozialbeiträgen, sprich in unserer Rente. Das muss irgendwie entschädigt werden. Wir haben jeden Tag anderthalb Jahre auf Akkord gearbeitet."
2010 beantragte Kerstin ihre Rehabilitierung beim Landgericht Berlin. Vergeblich. Der Richter lehnte ihren Antrag als unbegründet ab. Sie wird nicht aufgeben. Sie will nicht, dass andere noch heute über ihr Leben von damals bestimmen. Sie will ein Stück ihrer Geschichte zurück.
Autorin: Marina Farschid


