Neues Buch -
Brad Pitt, Loriot oder Quentin Tarantino – sie alle waren schon einmal in der Auguststrasse in Clärchens Ballhaus. Hier wird seit 100 Jahren getanzt und sich amüsiert. Pünktlich zum Jubiläum erscheint jetzt ein Buch mit vielen Anekdoten über das alte Ballhaus mitten in Berlin.
Freitag kurz vor Mitternacht. Wer noch etwas Besonderes erleben will, geht in "Clärchens Ballhaus". Ein Szenetreff ohne Szene, dafür mit Livekapelle. Wer hier mit wem tanzt, ist völlig egal - und das seit 100 Jahren.
Marion Kiesow, Buchautorin
"Die Menschen merken hier relativ schnell, dass sie hier so sein dürfen, wie sie sind. Sie müssen auch gegenüber dem Türsteher nicht zeigen, dass sie die neueste Mode anhaben. Sie kommen einfach erst mal rein, es geht sehr demokratisch an der Tür zu und dann finden sich die Menschen irgendwie. Ja, es sind Gleichgesinnte, würde ich sagen, und da fühlte ich mich schnell zugehörig, und habe jetzt auch schon von einigen gehört, dass ich diese Arbeit auf mich genommen habe, dass sie sich auf die Geschichte von Clärchens Ballhaus freuen, weil auch viele diese Fragen hatten, wie hat das hier angefangen."
Das erste Buch über Clärchens Ballhaus ist witzig, pointiert. Mit vielen unbekannten Details erzählt Marion Kiesow in Porträts, Sitten- und Tanzbildern eine Berliner Kulturgeschichte. Eine Zeitreise durch 100 Jahre Tanzvergnügen. Das beginnt am 13. September 1913, an einem kühlen Samstag im Spätsommer - und die Chefin hinter den Kulissen heißt: Clara.
Marion Kiesow, Buchautorin
"Sie muss ein sehr, sehr energischer Mensch gewesen sein. Sie war sehr diszipliniert, sie hat auch selber viel körperlich gearbeitet, das war sie auch gewohnt als Schäferstochter aus der Provinz. Sie hat in einem Hotel in Cottbus gelernt und ist dann in die große Stadt gekommen. Und dann hat sich für sie hier einfach die große Chance ergeben."
Egal, welcher Ehemann an ihrer Seite steht - ob Fritz Bühler oder Arthur Habermann - Clärchen bleibt die Patronin. Die steht früh mit den Bierkutschern auf und trifft sich selten zum Vergnügen - mit den Berliner Ballhauschefinnen.
Immer muss sie irgendeine Krise überstehen: Nach dem Ersten Weltkrieg will kaum einer tanzen - also vermietet sie den Spiegelsaal zum verbotenen Mensurfechten. Und um die Frauen wieder in den Tanzsaal zu locken, veranstaltet sie Witwenbälle.
Heute finden im Spiegelsaal die Tangonächte statt, wie schon damals. 1933 jedoch undenkbar. Jeder "undeutsche" Tanz war von Goebbels untersagt. Am 1. September 1939, als die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert, lädt Clärchen ein letztes Mal zum Strohwitwenball.
Alexander Darda, Tangotänzer
"Der Ort ist hier unverändert, ich glaube seit 1913. Der ist nie renoviert worden. Der ist 1944 geschlossen worden und 2005 wieder eröffnet worden. Dazwischen hat er einen Dornröschenschlaf geschlafen, und das merkt man diesem Ort an, diese Authentizität. Alle anderen Säle sind kaputtrenoviert und schön saniert. Und hier kann man die Geschichte wirklich noch sehen und spüren."
Kleinsten Spuren ging die Autorin nach. Heraus kamen aberwitzige Geschichten. Im Spiegelsaal findet die alte Clara Heereskarten. Offiziere der Wehrmacht hatten sie zurückgelassen. Nach dem Krieg macht Clärchen auf den Rückseiten ihre Garderobenrechnungen.
Und zwischen Cha Cha und Rumba lädt Harry der Keusche zur Damenwahl. Clärchens Ballhaus gilt zu DDR-Zeiten als ein wenig verrucht: preiswertes Vergnügen für Soldaten, Westberliner Türken und Dienstreisende ohne Anschluss.
Klaus Schliebs, Empfangschef
"Wenn Sie an die Ostzeit denken, da war es ja so jewesen, da haben die Frauen alle meist außen rum getanzt. Und die Damen, die keinen hatten, wollten ja gesehen werden."
Für Stammgäste wie Lona, die seit 50 Jahren ins Ballhaus kommt, sind die Kerle nebensächlich. Das Ballhaus ist das zweite Wohnzimmer, wie auch für Günter Schmidtke, den Garderobier. Seit 1967 gehört er quasi zum Inventar. Er kennt noch das alte strenge Clärchen, die keinen rein ließ in Jeans und Flip Flops. Aber heute? Steht ja allet Kopp.
Günter Schmidtke, Garderobier
"Das stimmt. Jetzt ist es alles verrückter, verstehe ich nicht. Ich werde nächstes Jahr 80, bin normal geblieben, bin Kriegs-und Nachkriegskind. Die werden 100, die anderen liegen bald in einer Urne, können Sie glauben."
Clärchens Ballhaus überstand Kriegswirren, Bombennächte, Modernisierungswahn - und beweist: Man muss lieben, was man tut, dann geht man einfach nicht unter.
Autorin: Marina Farschid
Marion Kiesow, Buchautorin
"Die Menschen merken hier relativ schnell, dass sie hier so sein dürfen, wie sie sind. Sie müssen auch gegenüber dem Türsteher nicht zeigen, dass sie die neueste Mode anhaben. Sie kommen einfach erst mal rein, es geht sehr demokratisch an der Tür zu und dann finden sich die Menschen irgendwie. Ja, es sind Gleichgesinnte, würde ich sagen, und da fühlte ich mich schnell zugehörig, und habe jetzt auch schon von einigen gehört, dass ich diese Arbeit auf mich genommen habe, dass sie sich auf die Geschichte von Clärchens Ballhaus freuen, weil auch viele diese Fragen hatten, wie hat das hier angefangen."
Das erste Buch über Clärchens Ballhaus ist witzig, pointiert. Mit vielen unbekannten Details erzählt Marion Kiesow in Porträts, Sitten- und Tanzbildern eine Berliner Kulturgeschichte. Eine Zeitreise durch 100 Jahre Tanzvergnügen. Das beginnt am 13. September 1913, an einem kühlen Samstag im Spätsommer - und die Chefin hinter den Kulissen heißt: Clara.
Marion Kiesow, Buchautorin
"Sie muss ein sehr, sehr energischer Mensch gewesen sein. Sie war sehr diszipliniert, sie hat auch selber viel körperlich gearbeitet, das war sie auch gewohnt als Schäferstochter aus der Provinz. Sie hat in einem Hotel in Cottbus gelernt und ist dann in die große Stadt gekommen. Und dann hat sich für sie hier einfach die große Chance ergeben."
Egal, welcher Ehemann an ihrer Seite steht - ob Fritz Bühler oder Arthur Habermann - Clärchen bleibt die Patronin. Die steht früh mit den Bierkutschern auf und trifft sich selten zum Vergnügen - mit den Berliner Ballhauschefinnen.
Immer muss sie irgendeine Krise überstehen: Nach dem Ersten Weltkrieg will kaum einer tanzen - also vermietet sie den Spiegelsaal zum verbotenen Mensurfechten. Und um die Frauen wieder in den Tanzsaal zu locken, veranstaltet sie Witwenbälle.
Heute finden im Spiegelsaal die Tangonächte statt, wie schon damals. 1933 jedoch undenkbar. Jeder "undeutsche" Tanz war von Goebbels untersagt. Am 1. September 1939, als die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert, lädt Clärchen ein letztes Mal zum Strohwitwenball.
Alexander Darda, Tangotänzer
"Der Ort ist hier unverändert, ich glaube seit 1913. Der ist nie renoviert worden. Der ist 1944 geschlossen worden und 2005 wieder eröffnet worden. Dazwischen hat er einen Dornröschenschlaf geschlafen, und das merkt man diesem Ort an, diese Authentizität. Alle anderen Säle sind kaputtrenoviert und schön saniert. Und hier kann man die Geschichte wirklich noch sehen und spüren."
Kleinsten Spuren ging die Autorin nach. Heraus kamen aberwitzige Geschichten. Im Spiegelsaal findet die alte Clara Heereskarten. Offiziere der Wehrmacht hatten sie zurückgelassen. Nach dem Krieg macht Clärchen auf den Rückseiten ihre Garderobenrechnungen.
Und zwischen Cha Cha und Rumba lädt Harry der Keusche zur Damenwahl. Clärchens Ballhaus gilt zu DDR-Zeiten als ein wenig verrucht: preiswertes Vergnügen für Soldaten, Westberliner Türken und Dienstreisende ohne Anschluss.
Klaus Schliebs, Empfangschef
"Wenn Sie an die Ostzeit denken, da war es ja so jewesen, da haben die Frauen alle meist außen rum getanzt. Und die Damen, die keinen hatten, wollten ja gesehen werden."
Für Stammgäste wie Lona, die seit 50 Jahren ins Ballhaus kommt, sind die Kerle nebensächlich. Das Ballhaus ist das zweite Wohnzimmer, wie auch für Günter Schmidtke, den Garderobier. Seit 1967 gehört er quasi zum Inventar. Er kennt noch das alte strenge Clärchen, die keinen rein ließ in Jeans und Flip Flops. Aber heute? Steht ja allet Kopp.
Günter Schmidtke, Garderobier
"Das stimmt. Jetzt ist es alles verrückter, verstehe ich nicht. Ich werde nächstes Jahr 80, bin normal geblieben, bin Kriegs-und Nachkriegskind. Die werden 100, die anderen liegen bald in einer Urne, können Sie glauben."
Clärchens Ballhaus überstand Kriegswirren, Bombennächte, Modernisierungswahn - und beweist: Man muss lieben, was man tut, dann geht man einfach nicht unter.
Autorin: Marina Farschid


