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STILBRUCH
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Do 26.01.12 22:30

Oper

"Der Freischütz" an der Komischen Oper

Calixto Bieito ist bekannt für drastische Bilder. Der spanische Regisseur setzt oft auf Sex, Gewalt und nackte Menschen. Den romantischen "Freischütz" hat er jetzt in einen Thriller verwandelt - und in einen Wald verpflanzt.

Dieser Wald verwandelt seine Besucher in Monster. Die entführen, vergewaltigen und morden. Besessen von ungezügelten Trieben und dunklen Mächten. Regisseur Calixto Bieito zeigt den Freischütz als verstörenden Thriller.

Calixto Bieito, Opernregisseur

"Viele denken, der Freischütz sei ein Märchen für Kinder, aber das ist gar nicht so. Diese Oper, gerade weil sie im Wald spielt, hat für mich eine starke psychologische Komponente, die an Freud erinnert."

Eigentlich gilt "Der Freischütz" als romantische Oper: Der Jägerbursche Max will die Förstertochter Agathe heiraten. Vorher muss Max beim Wettschießen gewinnen, verhexte Munition soll ihm den Sieg bringen. Aber die magischen Kräfte wenden sich gegen ihn.

Zentrum dieser Inszenierung ist der Wald. Hier - fernab der Zivilisation - offenbart sich die Natur in ihrer ungebändigten Kraft und entlockt den Menschen ihre finsteren Seiten.

Rebecca Ringst, Bühnenbildnerin

"Es gibt kaum einen Raum, der unergründlicher ist oder wo es mehr Märchen und Phantasien zu gibt, die eigentlich organisch, lebendig sind. Also man geht in den Wald rein und dann kommen die Assoziationen, dass Wurzeln anfangen zu wachsen, dass Äste sich einen Menschen krallen, dass diese Bäume einen eigenen Willen haben und lebendig sind und sich bewegen.“

Rebecca Ringst hat das Bühnenbild entworfen. Sie arbeitet schon seit Jahren mit Calixto Bieito zusammen.
Bei einem Waldspaziergang ist ihr die Idee gekommen, den Freischütz nicht im romantischen Zauberwald spielen zu lassen, sondern in einem düsteren, angsteinflössenden Gehölz. Dafür hat Rebecca Ringst jeden einzelnen der 60 Stämme akribisch genau angeordnet. Und damit alles noch echter wirkt, wollte sie auch echte Bäume verwenden.

Rebecca Ringst, Bühnenbildnerin

"Nachdem die Idee raus war mit dem Wald, gab es ziemlich viele Gespräche mit dem technischen Direktor: Wie kriegen wir es hin, dass wir echte Bäume hier auf die Bühne bringen. Und irgendwann waren wir dann an dem Punkt, wo er ganz klar gesagt hat: Geht nicht, es geht nicht, wegen dem Gewicht. Also so ein echter Baum wiegt einfach, so ein Baumstamm hier, fünf Meter lang, der wiegt 300-400 Kilo, je nachdem wie stark er schon ausgetrocknet ist. Und das können die Techniker einfach nicht jeden Abend hin und her schieben."

Stattdessen bewegen die Techniker nun detailgetreu nachgebaute Stämme, die deutlich leichter, aber nicht gerade handlicher sind.

Auch die Sänger müssen sich auf den vielen Bäumen erst zurecht finden. Die Sopranistin Julia Giebel fühlt sich manchmal wie eine singende Seiltänzerin.

Julia Giebel, Sängerin

"Ich kämpfe auch manchmal noch ein bisschen mit meiner Balance. Ich habe auch Höhenangst und bin manchmal noch nicht so ganz sicher im Stand sozusagen, was dann natürlich auch Auswirkungen aufs Singen hat. Dann gibt es so einen Ruck oder das Tempo ist nicht gleich, weil man konzentriert sein muss auf die Füße."

Calixto Bieito, Opernregisseur

"Aber ich glaube, dass dieses Bühnenbild, diese verschachtelten Stämme auch helfen, beim Singen auf andere Ebenen zu kommen, auf die die Sänger sonst nicht kämen."

Dezent platziert der für seine Skandalstücke bekannte Regisseur schließlich einen nackten Max im Wald. Es wäre eben keine Inszenierung von Calixto Bieito, wenn es nur um Bäume ginge.


Autorin: Katharina Wenzel

Dieser Text gibt den Sachstand vom 26.01.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

"Der Freischütz"

Romantische Oper in drei Aufzügen
von Carl Maria von Weber
Regie: Calixto Bieito

Premiere: 29.01.2012 (19 Uhr)
Weitere Aufführungen:
04.02, 07.02., 21.02., 24.02., 04.03, 09.03, 29.03., 04.04. und 06.07.2012

Komische Oper Berlin
Behrenstraße 55-57
10117 Berlin-Mitte

[Komische Oper Berlin]

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

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