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STILBRUCH
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Do 26.01.12 22:30

Horrorjobs

In einem Maskottchen-Kostüm durch ein Fußballstadion laufen? - sicherlich kein schöner Job. Tobias Kurfer hat viele dieser oft schlecht bezahlten Aushilfsjobs ausprobiert und seine Eindrücke in einem Buch festgehalten.

Schon das Anziehen ist schweißtreibend: Wer in die Rolle des Fußballmaskottchens Ritter Keule schlüpft, muss sich plagen. Was für jeden echten FC Union-Fan mit Sicherheit ein Traumjob wäre, stellte sich für den Berliner Autor Tobias Kurfer als harte Arbeit heraus. Und das, obwohl die Fans ein geradezu "erotisches" Verhältnis zu ihrem Maskottchen pflegen.

Tobias Kurfer, Buchautor

"Wenn die einen sehen, dann geht es los: Ritter-Keule-ist-die-geilste-Sau-der-Welt! Man selber fühlt sich sicher nicht als die geilste Sau der Welt, sondern eigentlich wie ein armer Hampelmann."


Den Hampelmann spielen auf dem Arbeitsmarkt: Dieses Experiment hat sich Tobias Kurfer angetan. Er hat elf skurrile Aushilfsjobs ausprobiert und darüber ein sehr erhellendes Buch geschrieben. Vom Tellerwäscher zum Hundesitter und – Klomann. So launig sich seine Geschichten lesen: Hinter dem Ganzen tut sich eine bitterernste Realität auf – die der schlecht bezahlten "Horrorjobs". Wer in einem der berühmten Berliner Clubs Klos putzt, kriegt fünf-sechs Euro – und muss sich dafür auch noch anpöbeln lassen.

Tobias Kurfer
"Das kostet hier wirklich schon Überwindung. Toiletten-Schrubben ist wirklich eklig. Aber das, was noch schlimmer ist an dem Job, ist die Art wie man behandelt wird, da kanns einem schlecht werden."


Warum tut jemand sich so etwas an? Wir hören verblüfft: Oft sind es Menschen, die noch einen anderen "richtigen" Beruf ausüben.

Tobias Kurfer
"Die Klofrau, mit der ich zusammengearbeitet habe, ist eigentlich Erzieherin von Beruf. Das, was sie dort verdient, bei einem Vollzeitjob, reicht nicht aus. Und deswegen putzt sie zweimal nachts in der Woche Toiletten und bekommt 60-70 Euro pro Nacht. Ein großer Teil davon ist Trinkgeld."

Die Arbeitslosenzahl ist so niedrig wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Warum? Weil wir mittlerweile bereit sind, jede Dreckarbeit zu machen, um nicht zu verhungern?

Was früher einmal als Horrorjob galt, zeigt der Filmklassiker "Moderne Zeiten" mit schmerzlicher Komik: Stakkatohafte Fließbandarbeit, die Charlie Chaplin mit seiner Clownerie aufs Korn nimmt.

Tobias Kurfer
"Wenn man sich nochmal ins Gedächtnis ruft: Charlie Chaplin, den bekannten Film und die Szenen am Fließband, dann hat man vielleicht die Vorstellung, dass das schlechte Arbeitbedingungen waren, aber ich habe so viele Leute gesehen, wo ich das Gefühl habe, die werden eigentlich behandelt wie das schreckliche Humankapital. Mehr sind die nicht: Kostenfaktor."

Ein Kostenfaktor – das sind wir also. Und dabei ist es fast schon ein Glücksfall, wenn man in der Industrie am Fließband arbeiten darf. Denn hier gibt es ihn meistens noch, den arbeitsrechtlich abgesicherten Tarifvertrag. Anders bei den vielen Zeitarbeits- und Aushilfsjobs, die die Statistiken beschönigen.
Das Verblüffende dabei ist, wie Tobias Kurfer in seinem Buch enthüllt: auch die, die in dieser Jobwelt gelandet sind, üben ihre Jobs mit größtem Ernst aus. Sargträger zum Beispiel. Auch das hat Kurfer ausprobiert. Und lernte, bei einem Stundenlohn von 7,50 Euro, Menschen mit enormem Stolz kennen.

Tobias Kurfer
"Da hat mich schwer beeindruckt, dass die bei einer Beerdigung, zu der kein Publikum kam, keine Angehörigen, mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Würde und mit dem gleichen Respekt dem Verstorbenen gegenüber gearbeitet haben, wie bei einer Beerdigung mit Angehörigen. Das hat mich beeindruckt und zeigt, dass die Leute ihre Arbeit ernst nehmen und gut machen wollen."


Was bedeutet uns Arbeit? Welchen Job würden wir annehmen, um zu überleben? Ist letztlich alles nur eine Frage der Bezahlung?

Das unterhaltsame Buch wirft uns mit seinen Fragen auf uns selbst zurück. Geht es uns nicht immer noch gut – im Vergleich zu denen, die in der Dritten Welt für uns Turnschuhe und Markenklamotten herstellen. Wir möchten mit einem Horrorjob nichts zu tun haben – und wissen doch, dass es jeden von uns treffen kann. Was muss passieren, damit wir auf die Barrikaden gehen?

Tobias Kurfer
"Wir brauchen sicher nicht nur eine Solidarität der Niedriglöhner, Klofrauen, Erschrecker der Welt, sondern gesamtgesellschaftlich mehr Solidarität und Unterstützung dieser Leute."


Vielleicht wäre er ja am besten dazu geeignet, um die Leute zu mehr Union-Einigkeit aufzurütteln: Ritter Keule. Tobias Kurfer wirft einen frechen und schlauen Blick auf die Welt der Jobs, in der wir lieber nicht landen möchten.


Autor: Norbert Kron

Dieser Text gibt den Sachstand vom 26.01.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

"Horrorjobs - Wie ich mich probehalber ausbeuten ließ"

von Tobias Kurfer

208 Seiten, Broschur
ISBN: 978-3-596-19109-3
Verlag: Fischer Taschenbuch
Preis: 9,99 Euro
Erscheinungstermin: 19.01.2012

[Fischer Verlage]

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_26_01/horrorjobs.html

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