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"Man stellt sie sich höher vor, als sie ist." Mit diesen Worten fasst die 16-jährige Lea aus Bayern ihren ersten Eindruck der Berliner Mauer zusammen. Mit knapp 15 anderen Mädchen aus ihrer Klasse sitzt sie im Eingangsbereich des Dokumentationszentrums in der Bernauer Straße 111.
Obwohl ihre Führung noch nicht begonnen hat, konnten sich die Mädchen bereits ein Bild von der Mauer machen: Ein großes Fenster eröffnet den Blick über die Straße hinweg auf ein Stück Vorderlandmauer, das – durch außen rostende und innen polierte Stahlwände an den Seiten künstlerisch verfremdet – jetzt Teil einer Gedenkstätte ist.
Einige Treppen über der Klasse steht Michael Jensen aus Dänemark auf einer Aussichtsplattform und blickt auf die Mauer herunter. Von hier kann man erkennen, dass in der Gedenkstätte der gesamte Todesstreifen erhalten ist: von der Vorderlandmauer über den betonierten Kontrollstreifen bis zur Hinterlandmauer, dazwischen die originale Lichttrasse. Seitlich der Stahlwände verläuft entlang der früheren Grenze eine Wiese: Hier wurden die Mauer-Anlagen bereits abgerissen.
Harmloser Eindruck
Leas erster Eindruck ist für Gedenkstätten-Sprecherin Christina Lauer nichts Ungewöhnliches. "Die Mauer sollte bewusst harmlos aussehen", erklärt sie, "dabei war sie ein hoch entwickeltes Sicherungssystem aus vielen Elementen". So waren im Grenzstreifen Nagelplatten im Boden versteckt: der so genannte Stalinrasen. Dazu kamen Signalzäune – und Farbe: Auf der DDR-Seite war die Mauer weiß getüncht, damit die Grenzer leichter Schatten erkennen konnten.
Dieses "System Mauer" soll den Besuchern noch detaillierter erklärt werden. Der Berliner Senat hat ein Gedenkstätten-Konzept beschlossen, laut dem die Erinnerung an die Mauer-Opfer künftig ihren "zentralen Ort" in der Bernauer Straße hat. Die Gedenkstätte soll wachsen und die Brache des Mauerstreifens von der Garten- bis zur Brunnenstraße einbeziehen.
Lebensläufe der Opfer
"In der Bernauer Straße wurde deutlich, was die Teilung für die Menschen bedeutet hat", erklärt Lauer die Bedeutung des Ortes. Denn die Fassade der Häuser war die Mauer. "Die Bewohner waren Ostberliner, hätten sie aber nur einen Fuß hinter ihr Haus gesetzt, wären sie in Westberlin." Daher versuchten viele Bewohner der Straße, sich aus dem Fenster in den Westen zu retten - woraufhin die DDR-Führung erst die Fenster in Richtung Westen zumauern ließ und letztlich die Häuser abriss.
Bis dahin hatten viele DDR-Bürger ihre Flucht mit dem Leben bezahlt - durch die Schüsse der Grenzer oder die Folgen eines Sturzes aus den oberen Etagen. Ihre Schicksale soll künftig eine neue sehr biografisch orientierte Ausstellung nahe bringen; außerdem sollen auf dem nahe gelegenen Sophienfriedhof, über den die Grenze lief, Fotos an die Toten erinnern.
Gras oder Sand?
In einem "Kernbereich" will die Gedenkstätte darüber hinaus weitere Spuren der Mauer freilegen und erhalten. Wie das geschehen soll, ist allerdings noch unklar. Bisher ist geplant, dass die Keller der abgerissenen Grenzhäuser teilweise wieder zugänglich werden sollen. Und: Das einzige Haus, das nach der Wende auf dem Todesstreifen gebaut wurde, darf stehen bleiben.
Wie aber zum Beispiel mit dem Streifen selbst umgehen? Zu DDR-Zeiten wuchs hier kein Gras, es gab nur geharkten Sand. Dennoch sei auch das Gras ein historisches Zeichen, erklärt Lauer: "Zu Mauerzeiten hat die DDR massiv mit Pestiziden gearbeitet, deshalb wächst hier nicht alles."
Auch das strenge Grenzregime lasse sich nur schwer vermitteln. "Viele Besucher haben darum gebeten, einen Wachturm wieder aufzubauen", erklärt Lauer. Die Gedenkstätte ist aber skeptisch: Man wolle auf keinen Fall – selbst nur symbolisch – die Mauer wieder errichten.
Bild, Text und Ton
Im Erdgeschoss können die Besucher die Vorfälle seit dem Mauerbau aus DDR-Sicht nachlesen. Hinter einem Buch-Shop befindet sich ein Archiv mit Original-Dokumenten der Stasi in grünen Aktenordnern.
Die Ausstellung "13.08.1961" im ersten Stock informiert dagegen bislang nur über den Mauerbau. In der Mitte des etwa 100 Quadratmeter großen Raumes hängen Boxen mit Telefonhörern, Tafeln mit Fotos und andere Tafeln mit Texten. Sie verlaufen entlang bunter Markierungen am Fußboden, wobei hellblau die Berliner Sicht (Tondokumente), dunkelblau den Blick von außen (Fotos) und rot die Sichtweise in BRD und DDR (Texte) markiert.
Stacheldraht und Kirchenfenster
Fotos und Videoaufnahmen werden großflächig an die Wände projiziert, ein Original-Stacheldraht auf einem Sockel verläuft durch den Raum und eine rote Laufschrift gibt unter anderem die Parolen für die DDR-Grenzposten wieder. Nur ein Mosaikfenster in der linken hinteren Ecke erinnert daran, dass in diesem Raum einst Gebete stattfanden.
"Die DDR hat die alte Versöhnungskirche gesprengt, da sie im Grenzstreifen lag", erklärt Lauer. Die Gemeinde baute daraufhin das Gebäude, in dem sich jetzt die Ausstellung befindet. Inzwischen gibt es einen neuen Ort für ihre Andachten: die Kapelle der Versöhnung. Die runde Kapelle steht neben den Mauer-Überresten auf der anderen Seite der Bernauer Straße. Sie besteht aus gestampftem Lehm, ein Mantel aus Holzlatten verhindert den direkten Blick auf ihre Wände.
"Alles aus Materialien, die bei der Mauer nicht vorkamen", erklärt Lauer. Im Inneren brennen Kerzen, und täglich um zwölf Uhr findet eine Andacht für eins der Maueropfer statt. Danach ist die Kapelle oft wieder leer.
Besucher aus aller Welt
Viele Besucher machen sich nicht die Mühe, der Kapelle einen Besuch abzustatten. Und das, obwohl die erwarteten 190.000 Gäste für dieses Jahr laut Lauer bereits jetzt übertroffen wurden. Die meisten Gäste sind deutsche Schüler oder ausländische Touristen, vor allem aus den USA, Frankreich, den Niederlanden und – überraschend häufig – aus Norwegen, denn es gibt eine besondere Zusammenarbeit mit den dortigen Schulen.
Auch Ola Kibsgaard-Petersen ist Norweger, aber längst kein Schüler mehr. Der Familienvater steht mit seiner Frau und vier Kindern im Ausstellungsraum, die 13-jährige älteste Tochter rennt fasziniert von Telefon zu Telefon. Den Grund seines Besuchs kann Kibsgaard-Petersen schnell zusammenfassen: "Meine Kinder sollen Bürger werden, die sich der Vergangenheit bewusst sind, damit solche Dinge nicht wieder passieren."
Hinweis: Wer sich an der Diskussion über die künftige Gestaltung der Gedenkstätte beteiligen möchte: Am 5. September 2006 gibt es hier um 19 Uhr eine Bürgerversammlung zum Thema. Ab nächstem Frühjahr soll es nach den Plänen des Senats dann eine Ausschreibung für einen Architekten-Wettbewerb geben.
Dirk Lullies
Stand vom 21.07.2006
Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 21.07.2006 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.
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