Sie sind hier:
rbbonline | Kleist-Jahr 2011 | Die Akte Kleist


Kleist hat in einem Brief an seine geliebte Cousine einen Hinweis auf ein Gemälde gegeben, das vielleicht der Schlüssel zu seinem "in Szene gesetzten" Suizid ist. Es handelt sich dabei um das Gemälde "Sterbende heilige Magdalena" des französischen Malers Simon Vouet (1590 bis 1649), das Kleist in einer Kirche in Châlons-sur-Marne gesehen haben muss.
Als Preußen nach der Niederlage gegen Napoleon in der Schlacht bei Auerstedt und Jena am 14. Oktober 1806 zusammenbrach und Napoleon am 27. Oktober kampflos in Berlin einmarschierte, wurde Heinrich von Kleist zu einem leidenschaftlichen deutschen Patrioten ("Die Hermannsschlacht").
Auf dem Weg von Königstein nach Dresden wurde er im Januar 1807 in Berlin als Spion verdächtigt und von den Franzosen einige Monate zuerst in Fort de Joux bei Besançon, dann in Chalons-sur-Marne eingesperrt, das heißt in diesem Falle konkret: Kleist durfte die Stadtmauern von Chalons-sur-Marne nicht verlassen, sich aber in ihnen frei bewegen.
Kleist schreibt 1807, als er sich in Chalons-sur-Marne (heute Chalons-en-Champagne) in Gefangenschaft befindet, einen Brief an Marie von Kleist:
Ausschnitt des Briefes von Heinrich von Kleist an Marie von Kleist (1807)
"In einer der hiesigen Kirchen ist ein Gemälde, schlecht gezeichnet zwar, doch von der schönsten Erfindung, die man sich denken kann, und Erfindung ist es überall, was ein Werk der Kunst ausmacht. Denn nicht das, was dem Sinn dargestellt ist, sondern das, was das Gemüt, durch diese Wahrnehmung erregt, sich denkt, ist das Kunstwerk. Es sind ein paar geflügelte Engel, die aus den Wohnungen himmlischer Freude niederschweben, um eine Seele zu empfangen. Sie liegt, mit Blässe des Todes übergossen, auf den Knien, der Leib sterbend in die Arme der Engel zurückgesunken. Wie zart sie das zarte berühren; mit den äußersten Spitzen ihrer rosenroten Finger nur das liebliche Wesen, das der Hand des Schicksals jetzt entflohen ist. Und ein Blick aus sterbenden Augen wirft sie auf sie, als ob sie in Gefilde unendlicher Seligkeit hinaussähe: Ich habe nie etwas Rührenderes und Erhebenderes gesehen."
Entdeckung des Gemäldes durch die Filmemacher
"Aufgrund des o.g. Briefzitats gehen wir (die Autoren, Anm.d.Red.) davon aus, dass dieses Gemälde Kleists Todessehnsucht deutlich macht. Das Gemälde haben wir vor unserer Entdeckung ausschließlich als schwarz-weiß Druck in diversen Kleist-Biografien gesehen.
Wir haben uns auf den Weg nach Chalon-sur-Marne (heute Chalons-en-Champagne) gemacht und im Archiv nach dem Gemälde gesucht und es dort auch gefunden.
Diese Kirche wird allerdings momentan renoviert und alle Gemälde wurden ins Archiv des Museums der schönen Künste (Musée des Beaux-Arts) in Chalons-en-Champagne gebracht. Dort konnten wir das Gemälde dann endlich ausfindig machen und wir waren begeistert: das Gemälde, das für Kleist ein Schlüsselbild war, endlich im Original und insbesondere in Farbe zu sehen.
Laut Museum soll das Bild erst restauriert werden, bevor es erneut ausgestellt wird. Ob das Bild zurück in die Kirche St. Loup kommt, ist noch nicht sicher."
Simone Dobmeier
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/themen/kleist/akte-kleist/kleist_und_seine_todessehnsucht.html