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Herbert Marcuse, 1968 in Venedig (Quelle: dpa)

30. Todestag am 29. Juli 2009

Herbert Marcuse: Ikone der Studentenbewegung

Wer Ende des vergangenen Jahrtausends am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft studierte, der erlebte das Institut in einem merkwürdigen Zwischenstadium: Auf der einen Seite die jungen, schicken Studenten, die zwischen zwei Vorlesungen am Handy hingen und auf die Frage, was sie nach dem Studium mal machen wollten, "Irgend etwas mit Medien" antworteten.
Auf der anderen Seite die meist buchstäblich etwas älteren Semester, die die Pausen nutzten, um draußen vor dem "OSI" selbstgedrehte Zigaretten zu rauchen. Fragte man letztere, was bei ihnen auf dem Nachtisch liege, kam oft "Marx", "Rousseau" - und immer wieder "Marcuse".

Aus großbürgerlichem Hause

Herbert Marcuse spricht bei einer Kundgebung am 3.6.1972 auf dem Frankfurter Opernplatz (Quelle: dpa)

Ikone der Studentenbewegung: Herbert Marcuse 1972 vor Studenten auf dem Frankfurter Opernplatz 

Damals, gut 20 Jahre nach seinem Tod am 29. Juli 1979, übte der Philosoph Herbert Marcuse immer noch eine starke Anziehungskraft auf Studenten aus. Schon in der 1968er-Studentenbewegung genoss der gebürtige Berliner große Popularität – als einer ihrer geistigen Väter, obschon der Vordenker zu jener Zeit bereits 70 Jahre alt war und ein bewegtes Leben hinter sich hatte.

Geboren wurde Herbert Marcuse am 19. Juli 1898 als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten geboren. 1916 zog ihn das Militär ein, Marcuse erlebte den Ersten Weltkrieg. Während der Novemberrevolution 1918 begann er, sich politisch zu engagieren, wurde in Berlin in den Soldatenrat gewählt, trat in die SPD ein und schnell wieder aus, dann in die sozialistische USDP und kehrte der Parteipolitik schließlich nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht den Rücken. "Entscheidend war das Scheitern der deutschen Revolution, das meine Freunde und ich eigentlich schon 1921, wenn nicht sogar noch früher, mit der Ermordung von Rosa und Karl erlebt haben. Es schien nichts da zu sein, womit man sich hätte identifizieren können", sagte Marcuse später einmal seinem Freund Jürgen Habermas und drückte damit die Enttäuschung aus, die sein politisches Denken nachdrücklich beeinflusste.

Rechzeitig geflohen

Von 1918 bis 1922 studierte Marcuse Germanistik und Philosophie in Berlin und Freiburg und promovierte dann mit einer Arbeit über den deutschen Künstlerroman. Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst im Berliner Verlagswesen, bevor er dann 1932 bei Martin Heidegger in Freiburg habilitieren wollte. Doch Marcuse geriet mit dem gewünschten Doktorvater wegen dessen anfänglicher Begeisterung für den Nationalsozialismus in Streit. Zu dieser Zeit beschäftigte sich Marcuse auch erstmals mit den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von Karl Marx, von denen er nachhaltig beeindruckt wurde. Ende des gleichen Jahres trat Marcuse dann dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main bei  und übernahm 1933 die Leitung einer Zweigstelle des Instituts in Genf.

Ein Jahr später emigrierte Marcuse nach einer Zwischenstation in Paris in die USA – in Deutschland zu bleiben wäre für den jüdischen Marxisten einem Todesurteil gleichgekommen. In den Vereinigten Staaten fand der Emigrant Arbeit an der Columbia Universität in New York. 1942 begann er, für den amerikanischen Geheimdienst zu arbeiten – hauptsächlich aus finanziellen Gründen. Dabei war er zeitweise sogar Leiter der Europaabteilung und hatte die Gelegenheit, so gegen den deutschen Faschismus zu arbeiten. Allerdings wurden seine Analysen im US-Außenministerium nur selten gelesen und nie befolgt.

Der eindimensionale Mensch

Herbert Marcuse, aufgenommen am 18. Mai 1979 (Quelle: dpa)

Marcuse machte konkrete Veränderungsvorschläge: So postulierte er etwa Konsumverzicht. 

Überhaupt war Marcuses Tätigkeit für den Geheimdienst, die er bis 1950 ausübte, in der Rückschau etwas skurril, da der Philosoph als Sozialist strikter Kapitalismuskritiker und daher der US-Regierung suspekt war. In den folgenden Jahren zog der Philosoph als Dozent von Universität zu Universität. So erhielt er 1954 seine erste Professur für Philosophie und Politikwissenschaft an der Brandeis Universität in Massachusetts, 1964 wurde er Professor für Politikwissenschaft an der Universität von Kalifornien, San Diego. Ein Jahr später nahm er zudem eine außerordentliche Professur an der Freien Universität Berlin an.

In diesen Jahren veröffentlichte Marcuse ein Buch nach dem anderen – darunter seine beiden Hauptwerke "Triebstruktur und Gesellschaft" 1955 und "Der eindimensionale Mensch" 1964, zentrale Werke der so genannten Kritischen Theorie. Insgesamt zielte die Kritische Theorie auf eine Verbesserung der Welt und eine freiere Gesellschaft – beides unter dem Postulat der Vernunft. Marcuses zentrale These ist, dass die Menschen im Spätkapitalismus dumm gehalten würden und die vorgegebene Kultur durch die Kulturindustrie auf die Begrenztheit des Denkens ziele – der Mensch werde eindimensional. Doch anders als viele andere Vertreter der Kritischen Theorie war Marcuse kein "Konjunktiv-Philosoph": In seinen Schriften machte er konkrete Veränderungsvorschläge. So etwa in "Der eindimensionale Mensch", in dem er schreibt, Konformismus und Konsum könne man sich nur durch Verweigerung entziehen.

Rückkehr in die Geburtsstadt

Die Grabstelle von Herbert Marcuse auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin (Quelle: dpa)

Späte Heimkehr: Marcuses Grabstätte auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof 

Mit seinen Schriften und seiner eindeutigen Stellungnahme gegen den Vietnam-Krieg wurde Marcuse zu einer zentralen Figur der Studentenbewegung vor allem in den USA und Deutschland. 1967 war er Hauptredner auf einem vom Berliner SDS veranstalteten Vietnam-Kongress, der maßgeblich von Rudi Dutschke mitorganisiert wurde. Ein Jahr später reiste er zu Brennpunkten der internationalen Studentenbewegung: Paris, London, Berlin. Der mittlerweile 70-Jährige wurde von den Studenten begeistert empfangen. Nach dieser Reise legte Marcuse seine Lehrtätigkeit nieder.

Während eines Deutschlandbesuchs bei Jürgen Habermas in Starnberg verstarb der 81-jährige Herbert Marcuse am 29. Juli 1979 unerwartet. Zunächst wurde seine Asche in die USA überführt. Erst 2003 gelangte die Urne in den Besitz von Marcuses Sohn Peter und seines Enkels Harold. Die beiden beschlossen, Marcuse in seiner Geburtsstadt beerdigen zu lassen. So fand die Beisetzung unter großem öffentlichen Interesse auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin statt, wo auch Größen wie Bertolt Brecht, Heinrich Mann oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel bestattet sind. Im Anschluss daran richtete die Freie Universität Berlin eine Veranstaltung zur Aktualität von Marcuses Theorien im Auditorium Maximum aus – also genau die Hochschule, an der Jahrzehnte später die Erben der Studentenbewegung noch immer Marcuse auf dem Nachttisch liegen haben.

Alice Lanzke

Stand vom 17.07.2009

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 17.07.2009 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Hintergrund

Impessionen Studentenleben und Studentenproteste 1968 (Quelle: dpa/Montage)

Zeitgeschichte

1968 in Berlin

Ausgerechnet in Westberlin, der von der Mauer umgebenen Stadt mit dem "Insel-Status", nahmen die Studentenproteste der späten 60er Jahre ihren Ausgang. _mehr

Zerissenes Plakat auf einer Demonstration in West-Berlin 1968 (Quelle: dpa)

Lexikon

Die 68er: Begriffe, Personen, Ereignisse kurz erklärt

Wer war Benno Ohnesorg? Was bedeutet antiautoritäre Erziehung? Wofür steht APO? Die wichtigsten Begriffe, Personen und Ereignisse des Jahres 1968. _mehr

Marcuses Theorie

Herbert Marcuse

Warum der Philosoph noch immer recht hat [hr-online.de]

Infos im WWW

Herbert Marcuse (1898-1979)

Homepage des Philosophen, gepflegt von seiner Familie (engl.)

[marcuse.org]

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/themen/themen/2009/herbert_marcuse.html

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