Fotocollage (Quelle: rbb)

- Brandenburg an der Havel: Brennpunkt des Aufstandes

Es ist ein Tag, den Werner Kießig und Hans Lüdemann nie vergessen werden. Zwei Brandenburger Lehrlinge, die am Volksaufstand am 17. Juni 1953 in der Stadt Brandenburg an der Havel teilnahmen.

Schon morgens schlossen sie sich den wütenden Arbeitern an. Überall in der Stadt gab es Proteste, alle öffentlichen Einrichtungen wurden gestürmt.

Die Volkspolizei war nicht Herr der Lage und der Oberbürgermeister der Stadt, Kühne sympathisierte wohl insgeheim mit dem Volk, ließ Provokateure sogar aus dem Fenster zu den Protestierenden sprechen, aber nicht er hat sich auf den Weg gemacht, um einen Regierungswechsel zu fordern, sondern 15-tausend Brandenburger. Sie waren nicht zimperlich. Vor dem Amtsgericht verlangten sie die Freilassung von politischen Häftlingen. Widerstand der Schutzbeamten gegen die aufgebrachte Menge war zwecklos. Sie wurden überrannt. 10 Uhr 15 Uhr stürmten die Menschen das Untersuchungsgefängnis.

14 Frauen, 28 Männer wurden befreit - eingesperrt wegen Kavaliersdelikten von Staatsanwälten und Richtern aber zu Wirtschaftsverbrechen aufgebauscht. Ein Erfolg für die Masse, die immer aufgebrachter wird.

Brandenburg an der Havel - die alte Kurstadt wurde zum Schwerpunkt des Volksaufstandes:
die Volkswerft, die Traktorenwerke, das Stahl- und Walzwerk - damals sollte die Stadt zu einem der größten Industriestandorte der DDR aufblühen - aber unter unzumutbaren Bedingungen. Mit der Normerhöhung vom Mai 1953 - da kochte nicht nur mehr Stahl in den Öfen, sondern die Wut auf das Regime, weil die Mangelwirtschaft gar nicht das geforderte zulässt. Schon tagelang vorher hatte es in Brandenburg gebrodelt.

Am 12.Juni war der Fuhrunternehmer August Taege verhaftet worden wegen einer Lappalie - eines angeblich illegalen Pferdekaufs. Seine Leute wollen seine Freilassung erzwingen, zogen vor das Amtsgericht, 2000 Menschen schlosssen sich spontan dem Protestzug an. Sie stürmten auch das benachbarte FDJ-Klubhaus Philipp Müller. Taege kam frei. Dieser Erfolg machte selbstbewusster.
15-tausend Brandenburger insgesamt zogen am 17. Juni durch die Innenstadt. Ihr Ziel: alle Einrichtungen der ungeliebten Staatsmacht, und die war scheinbar machtlos. In der Innenstadt griff niemand ein.
So kommt es zu mehreren Kundgebungen unter anderem vor der SED-Kreisleitung. "Die Regierung brachten Qualen, wir fordern freie Wahlen" - lautstarke Rufe nach einem Politikwechsel. Akten und Devotionalien der Macht fliegen unter großem Jubel überall aus dem Fenster. Die "Bonzen" wie sie beschimpft werden können flüchten. Die Emotionen: aggressiv und Lynchjustiz droht. Auf dem Neustädtischen Markt sollte Richter Harry Benkendorff erhängt werden. Er war besonders verhasst wegen seiner harten Urteile. Ein Bürgerlicher, ein Arzt, konnte den Richter retten und die Menschenmenge besänftigen, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Dann wachte die Polizei auf. Russische Panzer haben den Aufstand im Zuchthaus Brandenburg niedergeschlagen. Aus dem Stadthaus wird auf dem Demonstranten geschossen. Ein Mann wird getroffen und lebensgefährlich verletzt. 17 Uhr: Nach10 Stunden beendet die Sowjetarmee den Aufstand und ruft den Ausnahmezustand aus. Niemand darf sich mehr versammeln. Der Hoffnung wich die Angst.

Aber so hilflos die Kasernierte Volkspolizei und die Stasi in Brandenburg zunächst waren - so hart haben sie durchgegriffen im Nachhinein - 72 Menschen wurden verhaftet und erhielten Zuchthausstrafen bis zu 8 Jahren - der Oberbürgermeister der Stadt und der Polizeichef wurden wegen Untätigkeit aus der SED ausgeschlossen und suspendiert.

Stadtmuseum, Industriemuseum und Historischer Verein Brandenburg haben (gefördert von der Landeszentrale für Politische Bildung) eine außergewöhnliche Ausstellung vorbereitet. Über eine App für Smartphones kann man über die Brennpunkte des 17. Juni 53 mehr erfahren.

Beitrag von Dagmar Lembke