Presseinformation 104/2003 vom 24.10.2003 - „Der Unzugehörige. Peter Weiss – Leben in Gegensätzen“: Neue Dokumentation von Ullrich H. Kasten hat am 27.10. TV-Premiere
Ein Lebensweg zwischen Nowawes und Stockholm: Der Schriftsteller, Maler und Filmemacher Peter Weiss (1916 – 1982) steht im Mittelpunkt des neuen Dokumentarfilms des RBB. „Der Unzugehörige. Peter Weiss – Leben in Gegensätzen“ nannte der renommierte Regisseur Ullrich H. Kasten sein anspruchsvolles Porträt, das der RBB Brandenburg am Montag, 27.10.2003, 22.00 Uhr, in einer Fernsehpremiere ausstrahlt.
Stationen eines ungewöhnlichen Lebens
Er schrieb über Marat und Sade, Trotzki, Hölderlin und Kafka – und wie sie fühlte sich Peter Weiss oft als Außenseiter. Der Dokumentarfilm schildert die Hintergründe der Entwurzelung und zeichnet die Lebensstationen des Mannes nach, dem Kunst immer ein Fluchtpunkt war.
Nach dem Verlust seiner geliebten Schwester und der Emigration aus Nazideutschland fand der junge Peter Weiss in Schweden die Kraft, um die schwierige Ablösung von seinen Eltern zu vollziehen, zu malen, zu schreiben, zu filmen – und selbst eine Familie zu gründen. Seit 1946 schwedischer Staatsbürger, lernte er eine ebenfalls ganz der Kunst verbundene Gefährtin kennen: Gunilla Palmstierna, eine der berühmtesten Bühnenbildnerinnen Skandinaviens.
Weiss bekennt sich zum Marxismus, wird im Westen angefeindet, vom Osten hofiert. Von 1975 bis 1981 entsteht die große Roman-Trilogie „Die Ästhetik des Widerstands“. 1982 stirbt Peter Weiss in Stockholm.
Die Dokumentation ist eine Koproduktion des RBB mit SWR und dem Schweizer Fernsehen DRS. Eine einstündige Fassung des Films wird der SWR 2004 im Rahmen der Reihe „Deutsche Lebensläufe“ ausstrahlen.
Biografie von Peter Weiss
Wie die Gestalten seiner Werke „Marat/Sade“ (1964), „Trotzki im Exil“, „Hölderlin“ (1971) oder „Kafka“ (1982), fühlte sich Peter Weiss ein Leben lang als Außenseiter: in der Familie, der Gesellschaft, in literarischen und politischen Bewegungen.
Die Anfänge der Entwurzelung, der „Unzugehörigkeit“ von Peter Weiss, liegen in seiner Kindheit: 1916 wird er in einem Haus in der Berliner Straße in Neu-Babelsberg geboren. Als Sohn eines Ungarn jüdischer Abstammung mit tschechoslowakischem Pass und einer Schweizerin zieht er früh von Nowawes nach Bremen und zurück nach Berlin, ist „der Ausländer“ in seiner Klasse, emigriert mit den Eltern über England und Böhmen nach Schweden, ohne Halt in dem, was andere ihre „Heimat“ oder „Vaterland“ nennen. In der Familie selbst empfindet er „gähnende Leere“, eine Lieb- und Beziehungslosigkeit besonderer Art.
Sein Haltepunkt ist die sechs Jahre jüngere Schwester Margit Beatrice. Als sie 1934 von einem Auto überfahren wird, zerfällt auch diese Bindung. Ein schwerer Schock für den 18-Jährigen, der in seiner Trauer Halt in der Kunst sucht.
Weiss malt apokalyptische Bilder. Hesse wird sein erster Mentor, bei Kafka lernt er den härteren Blick, aber noch entscheidender für sein Selbstverständnis sind Psychoanalyse und Surrealismus, aus denen seine experimentellen Filme hervorgehen.
Erst in den 60er Jahren gerät Weiss mit seinen Stücken „Die Ermittlung“ und „Vietnam-Diskurs“ in den Strudel einer sich politisierenden Welt und begreift nun seine Kunst als Sprachorgan der gleich ihm nach Selbstbestimmung verlangenden Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“. Plötzlich ist er ein Mann der Öffentlichkeit, hofiert im Osten, angefeindet im Westen. Doch mit seiner Parteinahme für Außenseiter,auch unter den Linken, gerät er wieder zwischen die Fronten und bemerkt zudem, wie das politische Theater seine eigene Stimme immer dünner, die Gestalten seiner Dramen immer schemenhafter werden lässt. Er bricht physisch zusammen und kehrt mit der Romantrilogie „Ästhetik des Widerstands“ noch einmal an seine Anfänge zurück.
Der u. a. mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnete Künstler starb 1982 im Alter von 65 Jahren in Stockholm.
Der Filmautor Ullrich H. Kasten
Ullrich H. Kasten wurde 1938 geboren. Er studierte u. a. Germanistik und Kunstwissenschaft, war als Autor beim DDR-Rundfunk tätig und veröffentlichte Bücher über F.W. Murnau und Fritz Lang (zus. mit Fred Gehler). Von 1962 an arbeitete Ulrich H. Kasten auch als Autor beim Fernsehen – ab 1970 als Regisseur. Bis 1991 produzierte er vor allem Filme über die europäische Literatur- und Filmklassik. Seit 1992 war Ullrich H. Kasten für den ORB tätig und realisierte viele erfolgreiche Dokumentationen, u. a. „Victor Klemperer – mein Leben ist so sündhaft lang“, „Victor Klemperer – und so ist alles schwankend“, „Über den Abgrund geneigt – Johannes R. Becher“, „Es geschah im August – Der Bau der Berliner Mauer“, „Arnolt Bronnen – was für ein chaotisches Leben“, von denen einige mit dem Grimme-Preis und dem deutschen Kritiker-Preis ausgezeichnet wurden.
Liebe Pressekollegen,
Fotos zum Film stehen unter www.ard-foto.de zur Verfügung.