Presseinformation 2004-150 vom 30.08.2004 - „Ein Mann auf Hartz IV zieht Bilanz“

Lutz Oehmichen ist 45 Jahre alt, ledig, Journalist, Volkswirt, Betriebs-wirt und bei Radioeins vom RBB als Prozessmanager für die Finanzen verantwortlich. Er stellte sich im August 2004 dem Selbstversuch, mit 345 Euro einen Monat auszukommen – exakt diese Summe würde er nach dem neuen Arbeitslosengeld II erhalten.

182 Euro zum Leben
Seine ursprünglichen Fixkosten wurden mit allen Einsparungen von der Schuldnerberatung auf 163 Euro monatlich heruntergerechnet. Das heißt, Lutz Oehmichen blieben für den täglichen Bedarf inklusive Kleidung und Sonstigem 182 Euro im Monat. Hauptgrund für diesen relativ hohen monatlichen Fixkostenanteil waren eine Umweltmonatskarte für ca. 80 Euro und fällige Versicherungsbeiträge für Hausrat- und Rechtsschutzver-sicherung (ca. 20 Euro). Diese Versicherungen waren im Vorfeld für eine Laufzeit von 5 bzw. 3 Jahren abgeschlossen. Eine außerordentliche Kündi-gung ist damit nicht möglich. Eine ermäßigte Monatskarte für ALG II-Empfänger gibt es bislang noch nicht. Die verbleibenden 182 Euro waren nach 26 Tagen für den Lebensunterhalt ohne besondere Anschaffungen wie Kleidung etc. aufgebraucht, so dass Lutz Oehmichen die fälligen Versiche-rungsbeiträge schuldig bleiben musste.

Problem mangelnde Liquidität
Damit zeigte sich als erstes Hauptproblem für Lutz Oehmichen beim ALG II nicht die absolute Höhe von 345 Euro, sondern die mangelnde Liquidität, die durch die nachlaufenden Fixkosten entstanden waren. Auch waren die nur sehr zögerlichen und unvollständigen Informationen über mögliche Zuverdienste durch die Agentur für Arbeit in dieser Testphase nicht immer förderlich.

Letztlich erwies sich die Annahme eines „Ein-Euro-Jobs“ wesentlich vorteilhafter, als Nebenverdienstmöglichkeiten in der Privatwirtschaft.
Nicht nur, dass er bei einem „Ein-Euro-Job“ das verdiente Geld auch behalten konnte, oft sollte er bei privaten Stellenangeboten als Arbeits-suchender erst einmal „Geld mitbringen“ oder mit dubiosen Informati-onsdiensten über 0190-Nummern abgezockt werden.

Umzug später unausweichlich
Ein Umzug wäre für Lutz Oehmichen nach einem Jahr unausweichlich geworden. Die auf dem freien Wohnungsmarkt in der vom Sozialamt vorgegebenen Marge angebotenen besichtigten Wohnungen waren je-doch – und damit zeigte sich das zweite Hauptproblem – in einem schlechten bis katastrophalen Zustand. Schönheitsreparaturen lehnten die Vermieter ab.

Positive Erfahrungen machte er mit der Schuldnerberatung und den in privater Eigeninitiative entstandenen Tauschringen, die unentgeltlich Dienstleistungen tauschen. Als lebensfremd zeigt sich die Regelung zur Erstattung von Bewerbungskosten der Agentur für Arbeit, die diese zu-sätzlichen Kosten für ALG II-Empfänger erst nach einem Jahr erstattet. Einen mehrfach nachgefragten Termin zur Vermittlung eines Arbeitsan-gebots erhielt Lutz Oehmichen im Testzeitraum bei der Agentur für Ar-beit nicht.

345 Euro: ausreichend, aber schleichende Zahlungsunfähigkeit
So stellt Lutz Oehmichen zusammenfassend fest, dass er mit 345 Euro ausgekommen wäre. Die Begleitumstände jedoch, wie fehlende annehm-bare Wohnungsalternativen, keine ermäßigten Monatskarten, keine ge-setzlichen Regelungen für außerordentliche Kündigungen von Verträ-gen, keine vermittelten Arbeitsangebote und nachteilige Kostenerstat-tungs- und Anrechnungsregelungen der Agentur für Arbeit, führten ihn in eine schleichende Zahlungsunfähigkeit. Zuzahlungen für Medikamen-te, außerordentliche Reparaturkosten usw. fielen für ihn nicht an, wären aber auch nur möglich gewesen, wenn Lutz Oehmichen zum
ALG II einen Nebenjob angenommen hätte. Ein soziales Fazit wurde nicht gezogen.

Lutz Oehmichen: „Armut kann man nicht simulieren, sie hat auch nichts Romantisches. Wir haben lediglich journalistisch versucht, Konsequen-zen zu beschreiben.“

Programmtipps
Über die Ergebnisse des Hartz IV-Tests spricht Lutz Oehmichen am Diens-tag, 31. August, auf Radioeins in den Sendungen „Der schöne Morgen“ (6.00 bis 9.00 Uhr) und „Radioeins – der Tag“ (16.00 bis 19.00 Uhr).
Im rbb Fernsehen ist Lutz Oehmichen am gleichen Tag um 18.30 Uhr in der Sendung „zibb“ zu Gast. Alle Informationen zum Test sind unter www.radioeins.de dokumentiert.

Ein Foto von Lutz Oehmichen ist unter www.ard-foto.de abrufbar.