
Presseinformation 286 vom 21.12.2006 - Vom 7. Januar bis 1. Juli immer sonntags: Kulturradio blickt zurück auf 125 Jahre Berliner Philharmoniker
Die Berliner Philharmoniker – ein Klang-Superlativ. 2007 feiert das berühmteste deutsche Orchester sein 125-jähriges Jubiläum. Kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) zelebriert den Geburtstag mit einem Klangfest in 26 Folgen. Vom 7. Januar bis 1. Juli 2007 geht das Kulturprogramm des RBB immer sonntags von 15.04 bis 17.00 Uhr der Geschichte der „kleinen Republik“, wie Wilhelm Furtwängler das Orchester nannte, nach. Kulturradio fragt, wie es den Rang als bester, luxuriösester, für manchen Dirigenten aber auch schwierigster Klangkörper in Deutschland erwarb.
Eine Sendereihe zum Staunen
Kulturradio vom RBB sucht Einblicke in die inneren Strukturen, Beweggründe und Konflikte hinter den Kulissen und spricht mit Zeitzeugen über die Geschichte des Orchesters. Die ersten 125 Jahre der Berliner Philharmoniker wurden vom Aufblühen der Schallplatten- und CD-Industrie begleitet. Unter Wilhelm Furtwängler avancierten die Berliner Philharmoniker zum Inbegriff des so genannten deutschen Klangs. Zur Zeit Karajans wandelten sie sich zum Motor und Schrittmacher einer neuen, moderneren Klangästhetik.
Was das Besondere ihres Orchesters ist, was seine Magie und seinen Mythos ausmacht, bringt Kulturradio in Aufnahmen von 1913 bis heute zu Gehör und stellt dabei die Fragen: Brachte jeder Chef seinen eigenen Klang mit? Hatten die Berliner Philharmoniker von Beginn an eine unverwechselbare, erkennbare Persönlichkeit? Sind sie unerreicht? Wie stehen sie heute da? Kulturradio lädt ein auf eine philharmonische Reise durch die Geschichte der ersten 125 Jahre der Berliner Philharmoniker.
Die Sendungen im Überblick:
1. Kapitel:
Musikalische Rollschuhbahn – woher kommen die Berliner Philharmoniker?
7. Januar: Leise Auftakte oder: Wie man aus Unzufriedenheit weltberühmt wird
Wer sind die Berliner Philharmoniker – und warum sind sie? Dieses Orchester würde nicht existieren, hätten nicht 54 Musiker die Nase voll gehabt. 1882 verließen sie die Kapelle des kargen und launischen Benjamin Bilse und machten in einer umgebauten Rollschuhbahn ihr eigenes Unternehmen auf. Ein Definitionsversuch in Tönen.
Anton Bruckner
Sinfonie Nr. 7 E-Dur
Jascha Horenstein (1928)
14. Januar: Beethoven muss sein – von Rattle zurück zu Bülow
Das philharmonische Alphabet fängt bei „B“ an. Beethoven, Brahms und Bruckner haben sie alle gemacht – für Schallplatten und CDs. An den Auffassungen der Chefs und Gastdirigenten von Beethovens Fünfter lassen sich ganze Philosophien ablesen. 125 Jahre in Klangbildern. Eine Blütenlese als Vorblick aufs Kommende.
Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67
Arthur Nikisch,
Wilhelm Furtwängler,
Herbert von Karajan,
Claudio Abbado,
Simon Rattle
21. Januar: Fünf Häuser und zwei Herren – Furtwängler, Karajan und ihre Säle
Ein Orchester kann nie besser sein als sein Saal. Kein Zufall, dass die besten Orchester – ob in Berlin, Wien, Amsterdam, St. Petersburg oder Boston – auch über die besten Konzertsäle verfügen. Nach Stationen in Kreuzberg, Steglitz und Charlottenburg eröffnete Herbert von Karajan 1963 die Philharmonie und 1987 den Kammermusiksaal – und hatte mit beiden Glück. Eine Raumerkundung mit offenen Ohren.
Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 9 d-Moll, op. 125
Gundula Janowitz, Sieglinde Wagner, Luigi Alva, Otto Wiener
Chor der St. Hedwigs-Kathedrale
RIAS-Kammerchor
Herbert von Karajan
28. Januar: Ein Maestro wird gewählt – die Orchesterrepublik
Dem Gedanken dirigentischer Alleinherrschaft haben die Philharmoniker nie getraut. Von Beginn an wählten sie ihre Götter selbst – und haben stets erstaunlich klug gewählt. Warum erstaunlich? Eine Rückbetrachtung in sechs Wahlgängen.
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 5
Simon Rattle
4. Februar: Tief tönt der Brunnen der Vergangenheit – Nikisch, Bülow und das Rauschen
Raunen, stöhnen, aber noch fast kein Ton. Die ersten Schallplattenaufnahmen klingen, als halte man sein Ohr ganz dicht an eine Muschel. Bemerkenswert nah an uns heran rückt dabei die ferne Zeit. Im Vergleich wird so manche neue Aufnahme von alten Fundstücken überstrahlt.
Franz Liszt
Ungarische Rhapsodie Nr. 1 f-Moll
Arthur Nikisch (1920)
11. Februar: Weißt du, wie das war – Wagner und kein Ende
Eine Orchestersuite aus „Parsifal“ gilt als die erste Aufnahme der Philharmoniker (1913 unter Alfred Hertz). Seither haben sie viel Wagner aufgeführt. Selbst Krisenzeiten konnten der Aufführungsdichte seiner Werke wenig anhaben. An Wagners Klangzaubereien lässt sich vielleicht am ehesten die Frage klären: Wie klingt eigentlich dieses Orchester?
Richard Wagner
„Tristan und Isolde“,
„Die Meistersinger von Nürnberg“,
„Der Ring des Nibelungen“
Herbert von Karajan,
Rudolf Kempe
18. Februar: „Wir fangen an, wenn es uns reicht“ – Auftakte und Anfänge mit und seit Furtwängler
Ein legendärer Witz erzählt, die Wiener Philharmoniker hätten unter Furtwängler immer dann zu spielen eingesetzt, wenn sein Taktstock langsam an einem bestimmten Notenpult vorbeistrich. Die Berliner Philharmoniker machten es anders. Sie begannen, so lautet das Philharmoniker-Bonmot, wenn sie die Geduld verloren. Über Taktschlagen, Dirigierstile und Maestroattitüden.
Johannes Brahms
Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur, op. 83
Edwin Fischer, Klavier
Wilhelm Furtwängler (1942)
25. Februar: Der wilde Mann – Sergiu Celibidache als Chef
Eine große Liebe war die Verbindung mit „Celi“ nicht. Eher eine offene Rechnung – bis zum Schluss. Die Konzerte des frühen Feuerkopfes ebenso wie des späten Zen-Buddhisten gehören dennoch ins goldene Schatzkästlein der Philharmoniker. Als Sternstunden mit Temperament.
Felix Mendelssohn-Bartholdy
Sinfonie Nr. 4 A-Dur, op. 90, „Italienische“
Sergiu Celibidache (1950)
4. März: Im Gleichschritt gegen die Zeit – Furtwänglers Ära während der NS-Diktatur
Wilhelm Furtwängler erhielt nach Kriegsende zunächst Dirigierverbot. Schon 1946 wurde er – unter Mithilfe von Yehudi Menuhin und anderen – entnazifiziert. Gab es ein philharmonisch „richtiges“ Leben in falscher Zeit? Eine Sendung im Gespräch.
Franz Schubert
Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759, „Unvollendete“
Erich Kleiber (1935)
2. Kapitel:
Der Klang von Berlin – die Philharmoniker heute
11. März: Zeitgeist – Karajan, der Schallplatten-Ingenieur
Keiner hat die Bedeutung von Schallplatten und CDs so scharfsichtig erkannt – und treffsicher für sich instrumentalisiert – wie Herbert von Karajan. Der Klangzauberer polierte im Studio kräftig nach. Und hat dabei zuweilen sogar zu viel an Schön- und Breitwandklang zum Standard erklärt.
Giuseppe Verdi
„Otello“
Jon Vickers (Otello)
Mirella Freni (Desdemona) u. a.
Herbert von Karajan
18. März: Hausverbote und Liebesehen – was tut ein Philharmoniker-Intendant?
„Und abends in die Philharmonie“ hieß die schöne Autobiographie des wohl erfolgreichsten Intendanten der Berliner Philharmoniker, Wolfgang Stresemann. Man könnte sich fragen: Warum erst abends? Was hat er tagsüber gemacht? Eine Sendung über Macht und Ohnmacht. Und über die Kunst, philharmonischen Frieden zu wahren.
Wolfgang Amadeus Mozart
Requiem
Wilma Lipp, Hilde Rössl-Majdan, Anton Dermota, Walter Berry
Wiener Singverein
Herbert von Karajan (1961)
25. März: Die Modernen von gestern – Neue Musik bei Furtwängler und Karajan
Nicht erst Rattle oder Abbado haben neue Musik dirigiert und in Auftrag gegeben. Unter Furtwängler und Karajan kamen Hindemith, Strawinsky und Boulez – mit zum Teil eigenen Werken. Eine Sendung über schöne neue Musik und deren ehrwürdige Wurzeln bei den Philharmonikern.
Paul Hindemith
Symphonische Metamorphosen
Wilhelm Furtwängler (1947)
1. April: Tanzschritte – die Philharmoniker im Dreivierteltakt
Beinahe zur Geheimgeschichte der Philharmoniker zählen die Auftritte im Dienste der leichten Muse. Lehár, Strauß und von Suppé brachten den Philharmonikern unter Karajan gutes Geld. Unter Abbado schunkelte man sich sogar bis zu Paul Lincke. Über den Ernst im Leichten und die Schwierigkeit, als Berliner einen Wiener Walzer zu tanzen.
Nico Dostal
„Ein Mond für Verliebte“
Nico Dostal (1979)
8. April: Eine Frau ist eine Frau zu viel – Sabine Meyer soll nicht Philharmonikerin werden
Mit dem Ziel, erstmals eine Frau an ein Solo-Pult der Philharmoniker zu berufen, bewies Karajan 1983 ein scharfes Ohr für die Klarinettistin Sabine Meyer. Er scheiterte. Der Fall war der Anfang vom Ende der Beziehung zwischen den Philharmonikern und ihrem Chef. Eine musikalische Krisensitzung.
Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622
Sabine Meyer, Klarinette
Claudio Abbado
15. April: Philharmonischer Mahler – Barbirolli und die Folgen
Von erstaunlich wenigen Komponisten haben die Philharmoniker Aufnahmen gemacht, die bis heute klassisch sind. Von Beethoven und Wagner gewiss. Mit Gustav Mahler beschäftigten sie sich erst eingehender seit den legendären Pult-Gastspielen von John Barbirolli. Eine Mahler-Quersumme mit Aufnahmen von Bernstein bis Böhm, Karajan bis Abbado, Rattle und Gästen.
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 9
John Barbirolli (1964)
22. April: Der steinerne Gast – die Ära des späten Karajan
Harnoncourt oder Boulez wurden von ihm nicht geduldet. Wenn der greise Chef selbst den Taktstock erhob, glänzte der blank gewienerte Philharmoniker-Klang wie bei keinem sonst. Die Zeugnisse aus den späten 80ern galten früher manchem als überperfekt, fast suspekt. Klingen sie heute wie für die Ewigkeit?
Richard Strauss
Eine Alpensinfonie op. 64
Herbert von Karajan
29. April: Die Botschafter – philharmonische Zapfenstreiche in und außerhalb Berlins
In Salzburg, Luzern, Aix-en-Provence oder Tokio funktionieren die Philharmoniker als Botschafter Berlins. Zuhause in der Philharmonie – laut Richard von Weizsäcker die „Mitte der Welt“ – werden philharmonische Konzerte zum politischen Symbol. So auch im „Europa-Konzert“, bei den Terminen des Bundespräsidenten und beim historischen Konzert zum Fall der Mauer.
Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 C-Dur, op. 15
Daniel Barenboim, Klavier
6. Mai: Auch Philharmoniker haben noch Träume – Bernstein, Sanderling, Wand und Kleiber zu Gast
Nur ein Mal dirigierte Leonard Bernstein, zwei Mal Carlos Kleiber die Berliner Philharmoniker. Schon wurden sie als Konkurrenten, wenn nicht sogar als Nachfolger für den alternden Karajan gehandelt. Absurd war es. Und doch Zeichen für unerfüllte Wünsche selbst bei diesem Traum-Orchester. Eine Sendung zum Träumen.
Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 15 A-Dur, op. 141
Kurt Sanderling
3. Kapitel:
Wohin die Reise geht – das Orchester des 21. Jahrhunderts
13. Mai: Die Zukunft von gestern – Harnoncourt, Gardiner und die Öffnung zum Barock
Spät kam man, doch man kam. Erst in den 90er Jahren schlossen die Berliner zur Alten Musik auf. Zuvor wurde Haydn von Eugen Jochum, Bach von Carlo Maria Giulini dirigiert. Durch Abbado wurde der Klang gelüftet. Und mit Hogwood, Harnoncourt, Gardiner oder Herreweghe klang man plötzlich alt – und damit wieder ganz neu.
Johann Sebastian Bach
Suite (Ouvertüre) Nr. 1 C-Dur BWV 1066
Nikolaus Harnoncourt
20. Mai: Finanzflattern und Fracksausen – das Geld und der Auszug der Professoren
Anfang des neuen Jahrtausends gingen dem Orchester die Solisten aus. Beinahe. Binnen kurzem verließen die Konzertmeister Kolja Blacher und Rainer Kussmaul, Oboist Hansjörg Schellenberger, Bratscher Wolfram Christ, Trompeter Konradin Groth, vorübergehend auch Flötist Emmanuel Pahud das Orchester. Zu wenig Geld, uninspirierende Proben, Eheprobleme?
Richard Strauss
Konzert für Oboe und kleines Orchester
Hansjörg Schellenberger (Oboe)
James Levine
27. Mai: Zu wenig Praxis – das beste Opernorchester der Welt
Welches ist die beste Opernaufnahme der Welt? Nicht wenige Kenner (und beileibe nicht nur die Philharmoniker) würden auf diese Frage Karajans „Bohème“ aus dem Jahr 1972 nennen. Ein Mythos? Verklärung kraft einer Überdosis Freni und Pavarotti? Eigentlich spielten die Philharmoniker viel zu selten Oper, als dass ihnen solch ein Wunder gelingen konnte. Oder?
Giacomo Puccini
„La Bohème“
Mirella Freni (Mimi)
Luciano Pavarotti (Rodolfo) u. a.
Herbert von Karajan
3. Juni: Bis hierher und dann weiter – Abbados Spätphase
Nachdem Claudio Abbado die Nichtverlängerung seines Vertrages zum Ende der Saison 2001/02 bekannt gegeben hatte, wurde er schwer krank. Und doch begann, bei einem gloriosen Rom-Gastspiel mit Beethoven, die musikalisch beste Zeit zwischen ihm und dem Orchester. Musikalische Wonnemomente mit doppeltem Boden.
Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 9 d-Moll, op. 125
Claudio Abbado
10. Juni: In jedem Philharmoniker steckt ein Solist – das Kammerensemble als Ausweg
Aktuell (und offiziell) verfügen die Berliner Philharmoniker über 13 Streichquartette, acht Bläser- und 14 gemischte Ensembles, die sie aus eigenen Reihen gebildet haben. Die wirkliche Zahl dürfte wohl noch größer sein. Steckt in jedem Philharmoniker ein Kammermusiker? Haben diese Ensembles eine gemeinsame Identität?
Astor Piazzolla
La muerte del Angel
Die zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker
17. Juni: Im Auftrag ihres Maestro – Abbado und Rattle als Erneuerer
Abbado und Rattle bescherten dem Orchester neues Repertoire und neue Gastdirigenten. Aber auch prominente Jugendprojekte, Kinofilme, Hallen- und Waldbühnenkonzerte sowie halb-szenische Opernaufführungen gab es vor ihnen nicht.
Gioacchino Rossini
„Il Viaggio a Reims“
Cheryl Studer, Lucia Valentini Terrani, Luciana Serra, Sylvia McNair, Ruggiero Raimondi u. a.
Rundfunkchor Berlin
Claudio Abbado
24. Juni: Der Rhythmus macht’s – die Philharmoniker, ein Tanzorchester für die Jugend
In der Treptower Arena stießen die Philharmoniker auf ein Filmteam – und auf junge Leute, die ihnen etwas vortanzten. „Rhythm is it“ war das erste epochale Glanzstück der Ära von Simon Rattle. Und lässt die Unkenrufe verklingen, nach denen der Klang des Orchesters gelitten hat. Ein Ausblick in die Zukunft.
Igor Strawinsky
„Le Sacre du Printemps“
Simon Rattle
1. Juli: Musikalische Scherzkekse – Loriot, Silvesterprogramme und Seitensprünge
Kuriose Philharmoniker-Episoden, das waren zum Beispiel Loriots Jubiläums-Auftritt als Dirigent (1982), Silvester-Scherze wie Abbados „Lauter Finali“ und Simon Rattle als Hip-Hopper. Kurioser noch geriet die glitschige Filmmusik von Tom Tykwers „Parfum“ und der legendäre Ausflug zu den „Scorpions“. Eine Liebeserklärung zum Schluss.
Leonard Bernstein
Ouverture zu „Candide“
Simon Rattle
Kurzbiografie Kai Luehrs-Kaiser
Kai Luehrs-Kaiser, geboren 1961 in Bremen. Studierte Philosophie, Germanistik, Musik- und Religionswissenschaft in Berlin. Lehraufträge an der Freien Universität Berlin. Promotion mit einer Arbeit zu Romanen von Robert Musil, Heimito von Doderer und Hans Henny Jahnn. Dramaturgische Arbeiten an der Schaubühne Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Literaturarchiv (Wien). Seit 1999 Musik- und Theaterkritiker u. a. für die Tageszeitungen Die Welt, Frankfurter Rundschau, tageszeitung, Berliner Morgenpost. Seit 2001 Musik- und Musiktheaterkritiker im Kulturradio vom RBB.
Eine Sendereihe zum Staunen
Kulturradio vom RBB sucht Einblicke in die inneren Strukturen, Beweggründe und Konflikte hinter den Kulissen und spricht mit Zeitzeugen über die Geschichte des Orchesters. Die ersten 125 Jahre der Berliner Philharmoniker wurden vom Aufblühen der Schallplatten- und CD-Industrie begleitet. Unter Wilhelm Furtwängler avancierten die Berliner Philharmoniker zum Inbegriff des so genannten deutschen Klangs. Zur Zeit Karajans wandelten sie sich zum Motor und Schrittmacher einer neuen, moderneren Klangästhetik.
Was das Besondere ihres Orchesters ist, was seine Magie und seinen Mythos ausmacht, bringt Kulturradio in Aufnahmen von 1913 bis heute zu Gehör und stellt dabei die Fragen: Brachte jeder Chef seinen eigenen Klang mit? Hatten die Berliner Philharmoniker von Beginn an eine unverwechselbare, erkennbare Persönlichkeit? Sind sie unerreicht? Wie stehen sie heute da? Kulturradio lädt ein auf eine philharmonische Reise durch die Geschichte der ersten 125 Jahre der Berliner Philharmoniker.
Die Sendungen im Überblick:
1. Kapitel:
Musikalische Rollschuhbahn – woher kommen die Berliner Philharmoniker?
7. Januar: Leise Auftakte oder: Wie man aus Unzufriedenheit weltberühmt wird
Wer sind die Berliner Philharmoniker – und warum sind sie? Dieses Orchester würde nicht existieren, hätten nicht 54 Musiker die Nase voll gehabt. 1882 verließen sie die Kapelle des kargen und launischen Benjamin Bilse und machten in einer umgebauten Rollschuhbahn ihr eigenes Unternehmen auf. Ein Definitionsversuch in Tönen.
Anton Bruckner
Sinfonie Nr. 7 E-Dur
Jascha Horenstein (1928)
14. Januar: Beethoven muss sein – von Rattle zurück zu Bülow
Das philharmonische Alphabet fängt bei „B“ an. Beethoven, Brahms und Bruckner haben sie alle gemacht – für Schallplatten und CDs. An den Auffassungen der Chefs und Gastdirigenten von Beethovens Fünfter lassen sich ganze Philosophien ablesen. 125 Jahre in Klangbildern. Eine Blütenlese als Vorblick aufs Kommende.
Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67
Arthur Nikisch,
Wilhelm Furtwängler,
Herbert von Karajan,
Claudio Abbado,
Simon Rattle
21. Januar: Fünf Häuser und zwei Herren – Furtwängler, Karajan und ihre Säle
Ein Orchester kann nie besser sein als sein Saal. Kein Zufall, dass die besten Orchester – ob in Berlin, Wien, Amsterdam, St. Petersburg oder Boston – auch über die besten Konzertsäle verfügen. Nach Stationen in Kreuzberg, Steglitz und Charlottenburg eröffnete Herbert von Karajan 1963 die Philharmonie und 1987 den Kammermusiksaal – und hatte mit beiden Glück. Eine Raumerkundung mit offenen Ohren.
Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 9 d-Moll, op. 125
Gundula Janowitz, Sieglinde Wagner, Luigi Alva, Otto Wiener
Chor der St. Hedwigs-Kathedrale
RIAS-Kammerchor
Herbert von Karajan
28. Januar: Ein Maestro wird gewählt – die Orchesterrepublik
Dem Gedanken dirigentischer Alleinherrschaft haben die Philharmoniker nie getraut. Von Beginn an wählten sie ihre Götter selbst – und haben stets erstaunlich klug gewählt. Warum erstaunlich? Eine Rückbetrachtung in sechs Wahlgängen.
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 5
Simon Rattle
4. Februar: Tief tönt der Brunnen der Vergangenheit – Nikisch, Bülow und das Rauschen
Raunen, stöhnen, aber noch fast kein Ton. Die ersten Schallplattenaufnahmen klingen, als halte man sein Ohr ganz dicht an eine Muschel. Bemerkenswert nah an uns heran rückt dabei die ferne Zeit. Im Vergleich wird so manche neue Aufnahme von alten Fundstücken überstrahlt.
Franz Liszt
Ungarische Rhapsodie Nr. 1 f-Moll
Arthur Nikisch (1920)
11. Februar: Weißt du, wie das war – Wagner und kein Ende
Eine Orchestersuite aus „Parsifal“ gilt als die erste Aufnahme der Philharmoniker (1913 unter Alfred Hertz). Seither haben sie viel Wagner aufgeführt. Selbst Krisenzeiten konnten der Aufführungsdichte seiner Werke wenig anhaben. An Wagners Klangzaubereien lässt sich vielleicht am ehesten die Frage klären: Wie klingt eigentlich dieses Orchester?
Richard Wagner
„Tristan und Isolde“,
„Die Meistersinger von Nürnberg“,
„Der Ring des Nibelungen“
Herbert von Karajan,
Rudolf Kempe
18. Februar: „Wir fangen an, wenn es uns reicht“ – Auftakte und Anfänge mit und seit Furtwängler
Ein legendärer Witz erzählt, die Wiener Philharmoniker hätten unter Furtwängler immer dann zu spielen eingesetzt, wenn sein Taktstock langsam an einem bestimmten Notenpult vorbeistrich. Die Berliner Philharmoniker machten es anders. Sie begannen, so lautet das Philharmoniker-Bonmot, wenn sie die Geduld verloren. Über Taktschlagen, Dirigierstile und Maestroattitüden.
Johannes Brahms
Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur, op. 83
Edwin Fischer, Klavier
Wilhelm Furtwängler (1942)
25. Februar: Der wilde Mann – Sergiu Celibidache als Chef
Eine große Liebe war die Verbindung mit „Celi“ nicht. Eher eine offene Rechnung – bis zum Schluss. Die Konzerte des frühen Feuerkopfes ebenso wie des späten Zen-Buddhisten gehören dennoch ins goldene Schatzkästlein der Philharmoniker. Als Sternstunden mit Temperament.
Felix Mendelssohn-Bartholdy
Sinfonie Nr. 4 A-Dur, op. 90, „Italienische“
Sergiu Celibidache (1950)
4. März: Im Gleichschritt gegen die Zeit – Furtwänglers Ära während der NS-Diktatur
Wilhelm Furtwängler erhielt nach Kriegsende zunächst Dirigierverbot. Schon 1946 wurde er – unter Mithilfe von Yehudi Menuhin und anderen – entnazifiziert. Gab es ein philharmonisch „richtiges“ Leben in falscher Zeit? Eine Sendung im Gespräch.
Franz Schubert
Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759, „Unvollendete“
Erich Kleiber (1935)
2. Kapitel:
Der Klang von Berlin – die Philharmoniker heute
11. März: Zeitgeist – Karajan, der Schallplatten-Ingenieur
Keiner hat die Bedeutung von Schallplatten und CDs so scharfsichtig erkannt – und treffsicher für sich instrumentalisiert – wie Herbert von Karajan. Der Klangzauberer polierte im Studio kräftig nach. Und hat dabei zuweilen sogar zu viel an Schön- und Breitwandklang zum Standard erklärt.
Giuseppe Verdi
„Otello“
Jon Vickers (Otello)
Mirella Freni (Desdemona) u. a.
Herbert von Karajan
18. März: Hausverbote und Liebesehen – was tut ein Philharmoniker-Intendant?
„Und abends in die Philharmonie“ hieß die schöne Autobiographie des wohl erfolgreichsten Intendanten der Berliner Philharmoniker, Wolfgang Stresemann. Man könnte sich fragen: Warum erst abends? Was hat er tagsüber gemacht? Eine Sendung über Macht und Ohnmacht. Und über die Kunst, philharmonischen Frieden zu wahren.
Wolfgang Amadeus Mozart
Requiem
Wilma Lipp, Hilde Rössl-Majdan, Anton Dermota, Walter Berry
Wiener Singverein
Herbert von Karajan (1961)
25. März: Die Modernen von gestern – Neue Musik bei Furtwängler und Karajan
Nicht erst Rattle oder Abbado haben neue Musik dirigiert und in Auftrag gegeben. Unter Furtwängler und Karajan kamen Hindemith, Strawinsky und Boulez – mit zum Teil eigenen Werken. Eine Sendung über schöne neue Musik und deren ehrwürdige Wurzeln bei den Philharmonikern.
Paul Hindemith
Symphonische Metamorphosen
Wilhelm Furtwängler (1947)
1. April: Tanzschritte – die Philharmoniker im Dreivierteltakt
Beinahe zur Geheimgeschichte der Philharmoniker zählen die Auftritte im Dienste der leichten Muse. Lehár, Strauß und von Suppé brachten den Philharmonikern unter Karajan gutes Geld. Unter Abbado schunkelte man sich sogar bis zu Paul Lincke. Über den Ernst im Leichten und die Schwierigkeit, als Berliner einen Wiener Walzer zu tanzen.
Nico Dostal
„Ein Mond für Verliebte“
Nico Dostal (1979)
8. April: Eine Frau ist eine Frau zu viel – Sabine Meyer soll nicht Philharmonikerin werden
Mit dem Ziel, erstmals eine Frau an ein Solo-Pult der Philharmoniker zu berufen, bewies Karajan 1983 ein scharfes Ohr für die Klarinettistin Sabine Meyer. Er scheiterte. Der Fall war der Anfang vom Ende der Beziehung zwischen den Philharmonikern und ihrem Chef. Eine musikalische Krisensitzung.
Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622
Sabine Meyer, Klarinette
Claudio Abbado
15. April: Philharmonischer Mahler – Barbirolli und die Folgen
Von erstaunlich wenigen Komponisten haben die Philharmoniker Aufnahmen gemacht, die bis heute klassisch sind. Von Beethoven und Wagner gewiss. Mit Gustav Mahler beschäftigten sie sich erst eingehender seit den legendären Pult-Gastspielen von John Barbirolli. Eine Mahler-Quersumme mit Aufnahmen von Bernstein bis Böhm, Karajan bis Abbado, Rattle und Gästen.
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 9
John Barbirolli (1964)
22. April: Der steinerne Gast – die Ära des späten Karajan
Harnoncourt oder Boulez wurden von ihm nicht geduldet. Wenn der greise Chef selbst den Taktstock erhob, glänzte der blank gewienerte Philharmoniker-Klang wie bei keinem sonst. Die Zeugnisse aus den späten 80ern galten früher manchem als überperfekt, fast suspekt. Klingen sie heute wie für die Ewigkeit?
Richard Strauss
Eine Alpensinfonie op. 64
Herbert von Karajan
29. April: Die Botschafter – philharmonische Zapfenstreiche in und außerhalb Berlins
In Salzburg, Luzern, Aix-en-Provence oder Tokio funktionieren die Philharmoniker als Botschafter Berlins. Zuhause in der Philharmonie – laut Richard von Weizsäcker die „Mitte der Welt“ – werden philharmonische Konzerte zum politischen Symbol. So auch im „Europa-Konzert“, bei den Terminen des Bundespräsidenten und beim historischen Konzert zum Fall der Mauer.
Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 C-Dur, op. 15
Daniel Barenboim, Klavier
6. Mai: Auch Philharmoniker haben noch Träume – Bernstein, Sanderling, Wand und Kleiber zu Gast
Nur ein Mal dirigierte Leonard Bernstein, zwei Mal Carlos Kleiber die Berliner Philharmoniker. Schon wurden sie als Konkurrenten, wenn nicht sogar als Nachfolger für den alternden Karajan gehandelt. Absurd war es. Und doch Zeichen für unerfüllte Wünsche selbst bei diesem Traum-Orchester. Eine Sendung zum Träumen.
Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 15 A-Dur, op. 141
Kurt Sanderling
3. Kapitel:
Wohin die Reise geht – das Orchester des 21. Jahrhunderts
13. Mai: Die Zukunft von gestern – Harnoncourt, Gardiner und die Öffnung zum Barock
Spät kam man, doch man kam. Erst in den 90er Jahren schlossen die Berliner zur Alten Musik auf. Zuvor wurde Haydn von Eugen Jochum, Bach von Carlo Maria Giulini dirigiert. Durch Abbado wurde der Klang gelüftet. Und mit Hogwood, Harnoncourt, Gardiner oder Herreweghe klang man plötzlich alt – und damit wieder ganz neu.
Johann Sebastian Bach
Suite (Ouvertüre) Nr. 1 C-Dur BWV 1066
Nikolaus Harnoncourt
20. Mai: Finanzflattern und Fracksausen – das Geld und der Auszug der Professoren
Anfang des neuen Jahrtausends gingen dem Orchester die Solisten aus. Beinahe. Binnen kurzem verließen die Konzertmeister Kolja Blacher und Rainer Kussmaul, Oboist Hansjörg Schellenberger, Bratscher Wolfram Christ, Trompeter Konradin Groth, vorübergehend auch Flötist Emmanuel Pahud das Orchester. Zu wenig Geld, uninspirierende Proben, Eheprobleme?
Richard Strauss
Konzert für Oboe und kleines Orchester
Hansjörg Schellenberger (Oboe)
James Levine
27. Mai: Zu wenig Praxis – das beste Opernorchester der Welt
Welches ist die beste Opernaufnahme der Welt? Nicht wenige Kenner (und beileibe nicht nur die Philharmoniker) würden auf diese Frage Karajans „Bohème“ aus dem Jahr 1972 nennen. Ein Mythos? Verklärung kraft einer Überdosis Freni und Pavarotti? Eigentlich spielten die Philharmoniker viel zu selten Oper, als dass ihnen solch ein Wunder gelingen konnte. Oder?
Giacomo Puccini
„La Bohème“
Mirella Freni (Mimi)
Luciano Pavarotti (Rodolfo) u. a.
Herbert von Karajan
3. Juni: Bis hierher und dann weiter – Abbados Spätphase
Nachdem Claudio Abbado die Nichtverlängerung seines Vertrages zum Ende der Saison 2001/02 bekannt gegeben hatte, wurde er schwer krank. Und doch begann, bei einem gloriosen Rom-Gastspiel mit Beethoven, die musikalisch beste Zeit zwischen ihm und dem Orchester. Musikalische Wonnemomente mit doppeltem Boden.
Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 9 d-Moll, op. 125
Claudio Abbado
10. Juni: In jedem Philharmoniker steckt ein Solist – das Kammerensemble als Ausweg
Aktuell (und offiziell) verfügen die Berliner Philharmoniker über 13 Streichquartette, acht Bläser- und 14 gemischte Ensembles, die sie aus eigenen Reihen gebildet haben. Die wirkliche Zahl dürfte wohl noch größer sein. Steckt in jedem Philharmoniker ein Kammermusiker? Haben diese Ensembles eine gemeinsame Identität?
Astor Piazzolla
La muerte del Angel
Die zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker
17. Juni: Im Auftrag ihres Maestro – Abbado und Rattle als Erneuerer
Abbado und Rattle bescherten dem Orchester neues Repertoire und neue Gastdirigenten. Aber auch prominente Jugendprojekte, Kinofilme, Hallen- und Waldbühnenkonzerte sowie halb-szenische Opernaufführungen gab es vor ihnen nicht.
Gioacchino Rossini
„Il Viaggio a Reims“
Cheryl Studer, Lucia Valentini Terrani, Luciana Serra, Sylvia McNair, Ruggiero Raimondi u. a.
Rundfunkchor Berlin
Claudio Abbado
24. Juni: Der Rhythmus macht’s – die Philharmoniker, ein Tanzorchester für die Jugend
In der Treptower Arena stießen die Philharmoniker auf ein Filmteam – und auf junge Leute, die ihnen etwas vortanzten. „Rhythm is it“ war das erste epochale Glanzstück der Ära von Simon Rattle. Und lässt die Unkenrufe verklingen, nach denen der Klang des Orchesters gelitten hat. Ein Ausblick in die Zukunft.
Igor Strawinsky
„Le Sacre du Printemps“
Simon Rattle
1. Juli: Musikalische Scherzkekse – Loriot, Silvesterprogramme und Seitensprünge
Kuriose Philharmoniker-Episoden, das waren zum Beispiel Loriots Jubiläums-Auftritt als Dirigent (1982), Silvester-Scherze wie Abbados „Lauter Finali“ und Simon Rattle als Hip-Hopper. Kurioser noch geriet die glitschige Filmmusik von Tom Tykwers „Parfum“ und der legendäre Ausflug zu den „Scorpions“. Eine Liebeserklärung zum Schluss.
Leonard Bernstein
Ouverture zu „Candide“
Simon Rattle
Kurzbiografie Kai Luehrs-Kaiser
Kai Luehrs-Kaiser, geboren 1961 in Bremen. Studierte Philosophie, Germanistik, Musik- und Religionswissenschaft in Berlin. Lehraufträge an der Freien Universität Berlin. Promotion mit einer Arbeit zu Romanen von Robert Musil, Heimito von Doderer und Hans Henny Jahnn. Dramaturgische Arbeiten an der Schaubühne Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Literaturarchiv (Wien). Seit 1999 Musik- und Theaterkritiker u. a. für die Tageszeitungen Die Welt, Frankfurter Rundschau, tageszeitung, Berliner Morgenpost. Seit 2001 Musik- und Musiktheaterkritiker im Kulturradio vom RBB.