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Bis 1945 war Berlin die wichtigste Wirtschaftsregion Deutschlands. Zwei Drittel aller Aktiengesellschaften hatten hier ihren Sitz. Das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv bewahrt diese regionale Wirtschaftsgeschichte, die sich oft auch in privaten Dokumenten widerspiegelt.
Das Berlin -Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv wurde vor vier Jahren gegründet. Träger ist ein Förderverein. Hier werden Unterlagen von Wirtschaftsunternehmen aus Berlin und Brandenburg aufbewahrt, die in öffentlichen Archiven keinen Platz finden.
1,4 Kilometer Akten
Unterlagen von mehr als 350.000 Berliner und Brandenburger Unternehmen werden hier archiviert. Langweilig ist das nicht, denn in Berlin und Umgebung wurde viel erfunden: von der Reißzwecke bis zum künstlichen Herzen, vom Faxgerät bis zur Thermoskanne.
Im Archiv lagern alte Akten von Siemens, Flick und Kempinski, der IHK oder der Berliner Stadtgüter. Rechnungen, Bilanzen und Steuerunterlagen von der Schultheiss-Brauerei bis zu kleinen Handwerksbetrieben. Vorstandsprotokolle und alte Fotoalben erzählen Geschichten aus vergangenen Zeiten.
Lagerung in ehemaliger Waffenfabrik
Die Bestände lagern in einer ehemaligen Waffenfabrik in Reinickendorf – und wachsen und wachsen. Die historischen Unterlagen der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft in zwei Dutzend Kisten sind gerade neu dazugekommen. Beim Öffnen der Kisten muss man vorsichtig sein, denn Schimmel ist gefährlich, wissen erfahrene und angehende Archivare. Das Highlight in den Beständen der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft sind Wachsabformungen von Hautkrankheiten, z.B. Lepra, Handekzeme oder ein offenes Bein.
Forschung im Archiv
Im Archiv wird aber auch geforscht. Gerd Hardach, Professor für Wirtschaftsgeschichte möchte ein Buch schreiben zum Thema „Berlin in der Weltwirtschaft“. Berliner Firmen bauten zum Beispiel ein Walzwerk in Indien oder eine Kunstdüngerfabrik in Ägypten.
Vor allem verschiedene Firmen aus dem Westteil der Stadt haben in den 50er Jahren versucht, Zugang zu Auslandmärkten zu finden. Jetzt forscht Professor Hardach im Archiv nach Informationen - teils über Akten der Industrie- und Handelskammer oder über Zeitungsausschnitte.
Private Briefe und Postkarten
Auch alte Briefe sind spannend – vorausgesetzt, man kann sie lesen. Im Wirtschaftsarchiv helfen Senioren ehrenamtlich beim Abtippen der Handschrift des Marinezahlmeisters Otto Schulze von 1907.
Mehr als eintausend sehr private Postkarten und Briefe in Sütterlin hat Otto Schulze Anfang des vorigen Jahrhunderts von seinen Reisen an seine Verlobte geschickt.
Der Zahlmeister war in Ägypten, Russland und China unterwegs . Für das Wirtschaftsarchiv sind natürlich die weniger privaten Berichte interessant. Da geht es um Globalisierungsgeschichte, um Rohstoffe und um die Vorherrschaft auf den Meeren. Daraus soll nun ein neues Buch entstehen.
Beitrag von: Anja Nehls






