Gemüse an einem Stand (Quelle: rbb)

- Krummes Obst und Gemüse

Der Verbraucher ist beim Kauf von Gemüse sehr wählerisch: Krumme Gurken oder Möhren zählen als zweite Wahl und haben es schwer, in den Korb zu wandern. Nun wollen einige Handelsketten dieses Gemüse wieder in die Regale bringen. Die Resonanz bei Bauern und Verbrauchern ist unterschiedlich.

Westlich des S-Bahn-Ringes, da, wo Berlin schon aussieht wie Brandenburg, kann Christian Heymann endlich seine Vision von solidarischer Landwirtschaft verwirklichen. 15 Jahre lang arbeitete der gelernte Landwirt bei verschiedenen Bio-Bauern. Jetzt baut er eigenverantwortlich auf drei Hektar Ackerland in Spandau Kartoffeln, Mohrrüben, Küttinger Rübli und anderes Bio-Gemüse an. Heymann, ein drahtiger Enddreißiger mit Schiebermütze und schwarzer Designerbrille, vermarktet seine Produkte in Bio-Kisten, die er an derzeit 52 feste Abnehmer in Berlin liefern lässt. Die meisten Kunden wohnen in den angesagten Vierteln der Stadt - da, wo die ursprüngliche Natur fern und die Sehnsucht danach groß ist.

Heymanns Motto: Esst die ganze Ernte!

"Ich wende mich an die Menschen, die die Nase voll von der LPG und der BioCompany haben," sagt Heymann. Auf seiner Homepage und auf facebook wirbt er damit, dass er strengere Grundsätze habe als die Bio-Supermärkte: er produziere frei von Gentechnik, Agrarsubventionen und dem Einfluss von Großkonzernen. Außerdem ernte er nach dem Motto "Esst die ganze Ernte". Das heißt: auch schorfige Kartoffeln, Mohrrüben mit drei Beinen und apfelgroße Rotkohlköpfe landen nach der Ernte in den Bio-Kisten. Alles Ware, die Heymann bei den meisten Bio-Supermärkten früher nicht los geworden wäre.

"Bei Kartoffeln werden wegen den Vorgaben der EU-Vermarktungsnormen bis zu 40 Prozent der Ernte aussortiert und untergepflügt - nur weil der Verbraucher darauf konditioniert wurde, dass Gemüse möglichst gleichförmig aussieht. Das ist doch pervers!" wettert Heymann.

Bio-Company und EDEKA setzen auf krummes Gemüse

Das Ansinnen des idealistischen Öko-Bauern macht derzeit eine erstaunliche Karriere. So bieten seit zwei Monaten zehn Berliner Filialen der BioCompany Eintöpfe aus krummem Gemüse an. Sogar EDEKA testete unlängst vier Wochen lang in ausgewählten Märkten den Verkauf von krummem Obst und Gemüse zu reduzierten Preisen. Die einen bewerben ihre Aktion mit "Schräge Schätze", die anderen mit "Keiner ist perfekt". Beide appellieren an den aufgeklärten Verbraucher, sich gegen Lebensmittel-verschwendung zu engagieren - und preisen das eigene Engagement in Pressemitteilungen. Auch das Landwirtschaftsministerium setzt sich öffentlichkeitswirksam dafür ein, dass der Handel mehr "Agrarprodukte mit kleinen Schönheitsfehlern" in seine Sortimente aufnimmt.

Maßgeblich vorangetrieben wurde dieser Trend von den beiden Berliner Designerinnen Lea Brumsack und Tanja Krakowski. Seit rund einem Jahr verarbeiten sie bei ihrem Catering-Service "Culinary misfits" ausschließlich krummes Gemüse, das sie sich unter anderem von Christian Heymann liefern lassen. Mit ihrer ästhetisch anspruchsvollen Rohware bieten sie Stoff für gute Geschichten - und ernten ein breites Medienecho. Unter anderem SPIEGEL, ZEIT, Stern, Süddeutsche und arte berichteten über die ungewöhnliche Idee, die das Potential habe, das Konsumverhalten der auf standardisiertes Gemüse getrimmten Verbraucher zu verändern und damit die Lebensmittelverschwendung einzudämmen.

Die Studienlage ist dünn.

Doch wie was! bei seinen Recherchen erfuhr, ist noch gar nicht hinreichend geklärt, wieviel Lebensmittel vor der Mülltonne bewahrt werden könnten, wenn der Handel künftig im großen Stil krummes Gemüse anbietet. Zwar schätzt die internationale Landwirtschaftsorganisation FAO, dass 20 Prozent des EU-weit geernteten Obst und Gemüses wegen Schönheitsfehlern nach der Ernte aussortiert wird. Doch diese Ware wird eben nicht zwangsläufig untergepflügt oder landet gar in der Mülltonne.

Dies geht aus einer Studie zu Nachernteverlusten in der Landwirtschaft hervor, die das Bundeslandwirtschaftsministerium im Mai diesen Jahres im Rahmen der Aktion "Zu gut für die Tonne" veröffentlichte. Die Studienautoren kamen zu dem Ergebnis: 4 bis 11 Prozent der geernteten Gemüsesorten verderben - allerdings hauptsächlich bedingt durch die Lagerung und nicht durch Handelsnormen, die hässliches Gemüse diskriminieren.

Diese 20 Prozent des aussortierten Gemüses klammerten die Autoren bei ihrer Studie aus. Der Ausschuss sei nicht als Verlust zu werten, da er größtenteils weiterverwertet werde: Schorfige Kartoffeln werden zu Stärke oder Tierfutter, krumme Möhren zu Möhrensaft oder Carotin, aussortierte Äpfel zu Apfelmus, Apfelsaft oder Apfelwein.

Tatsächliche Verluste wohl bei 1 bis 2 Prozent

Und wieviel landet nun tatsächlich in der Tonne, fragte was! Dr. Bernhard Trierweiler, einer der Studienautoren und Lebensmittelfachmann beim Max-Rubner-Institut. Zu dieser Frage seien ihm keine Studien bekannt, antwortet Trierweiler, da gebe es bislang eine Forschungslücke. Nach seinen zahlreichen Gesprächen mit Lebensmittelerzeugern dürfte der tatsächliche Lebensmittelverlust durch Handelsnormen jedoch lediglich bei 1 bis 2 Prozent der Erntemenge liegen.

Hochgerechnet auf die gesamte Erntemenge in Deutschland wären das pro Jahr 0,5 - 1 Millionen Tonnen. Ein eher kleiner Beitrag, verglichen mit der Lebensmittelmenge, die private Haushalte jährlich in den Müll schmeißen. Diese Zahl schätzt das Ministerium auf 6 - 7,5 Millionen Tonnen.

Beitrag von: Robin Avram

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