200 Euro Schein (Quelle: rbb)

- Falschgeld-Boom bei Euro-Noten

Immer mehr Falschgeld gelangt in den Handel. Von den hohen Strafandrohungen lassen sich die Fälscher nicht abschrecken. Händler und Kunden sollten daher einen genaueren Blick auf die Geldscheine werfen, die täglich durch Kassen und Portemonnaies wandern. 

Das Falschgeldaufkommen in Berlin und Brandenburg hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. Das liegt laut Ermittlern auch daran, dass sich im Darknet falsche Fünfziger fast so einfach online bestellen lassen wie Bücher bei Amazon. Der Student Lukas P. hat das auch getan. Wenig später stand ein Sondereinsatzkommando vor seiner Tür.

Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Wegen einer Straftat, die er im Zusammenhang mit dem Darknet begangen haben könnte. Und trotzdem ist er immer noch recht freizügig im Netz unterwegs.

Lukas P heißt in Wirklichkeit anders. Laut Polizeiakten ist er 26 Jahre alt, kam vor einigen Jahren aus seiner osteuropäischen Heimat nach Berlin und studiert hier ein künstlerisches Fach. Im Sommer vergangenen Jahres kam er auf eine fatale Idee: Er bestellte sich im Falschgeld im Darknet. "Ich hab das nur aus Spaß gemacht, ich war neugierig, ob das funktioniert", beteuert er.

Jede dritte falsche 50-Euro-Note aus dem Darknet

Lukas P. Geschichte steht exemplarisch für viele ähnliche Geschichten von jungen Menschen, die sich wohl nie trauen würden, in einer dunklen Hinterhof-Ecke Falschgeld von Kriminellen anzukaufen – deren Leben aber nun auf die schiefe Bahn zu geraten droht, weil das Falschgeld im Darknet eben nur ein paar Mausklicks weit weg ist. Den Falschgeld-Ermittlern der Landeskriminalämter bereiten sie Sorgen: Seit 2013 hat sich das Falschgeldaufkommen in Berlin und Brandenburg von 6.100 auf rund 12.500 falsche Euro-Scheine verdoppelt. Und das liegt auch an der leichten Verfügbarkeit von Falschgeld im Darknet.

Brandenburger Ermittler gehen nach rbb-Recherchen sogar davon aus, dass bereits ein Drittel der in Brandenburg ausgegebenen 20- und 50-Euro-Falschnoten – die mit Abstand am weitesten verbreiteten Blüten - aus dem Darknet stammen. Hergestellt wird das in Berlin und Brandenburg zirkulierende Falschgeld laut Ermittlern meist in Italien, von der "Napoli-Gruppe", einem international operierenden, hochprofessionellen Fälschersyndikat mit Verbindungen zur Mafia. Mitglieder dieser Gruppe nutzen häufig Offset-Druckmaschinen von insolventen Druckereien, die Hologrammstreifen stammen oft aus China. Die "Napoli-Group" soll nach Polizeiangaben für rund die Hälfte des in Europa verbreiteten Falschgeldes verantwortlich sein.

Interative Schulung der Bundesbank zu Merkmalen der Euro-Noten

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Bundesbank: Merkmale der Euro-Noten

Sicherheitsmerkmale der einzelnen Banknoten im Detail

Ab acht Teilnehmern können Unternehmen in Berlin und Brandenburg ihr Kassierpersonal auch kostenfrei von einem Berater schulen lassen. Nähere Auskünfte erteilt die Bundesbank-Filiale in Berlin unter 030 3475-0.

Darknet-Marktplätze bieten Cannabis, Schusswaffen und Falschgeld

Dass er sich mit Berufskriminellen einlässt, als er das Falschgeld bestellt, darüber hat sich Lukas offenbar kaum Gedanken gemacht. Auf die Idee sei er gekommen, weil er einen Bericht gelesen darüber hat, was im Darknet alles gehandelt wird: Cannabis, Kokain, LSD, Schusswaffen, Springmesser – und eben Falschgeld. Von diesen reißerischen Berichten gibt es Dutzende im Netz. Lukas beginnt zu recherchieren und schon nach ein paar Tagen bekommt er Zugang zu einem virtuellen illegalen Marktplatz. Die Darknet-Marktplätze heißen AlphaBay oder Agora und imitieren den vertrauten Look von konventionellen Shopping-Portalen wie amazon oder ebay.  

Bewertungen auf Seiten im Darknet, über die Falschgeld bestellt werden kann (Quelle: rbb/was!)

Das Falschgeld wird dort nicht einzeln, sondern in Bündeln verkauft. Ein Bündel mit zwanzig falschen Fünfzig-Euro-Scheinen zum Beispiel kostet im Schnitt 200 Euro. Die Glaubwürdigkeit der Anbieter sollen Bewertungen von anderen Nutzern erhöhen, das haben sich die Betreiber der Darknet-Plattformen von amazon abgeschaut. "good quality" oder "best on the web" steht unter einem solchen Falschgeld-Angebot. Lukas grübelt, er zögert – und dann bestellt er. Ein paar Tage später lieferte die Post tatsächlich ein Paket mit Falschgeld.

"Wer sich Falschgeld beschafft, wird als Staatsfeind angesehen"

Rüdiger Weis verzieht das Gesicht, als er die Geschichte von Lukas hört. Der Informatik-Professor und Kryptographie-Experte trägt einen schwarzen Kapuzenpulli und Turnschuhe. In seinem winzigen Büro im Dachgeschoss der Berliner Beuth-Hochschule steht eine Flasche Mate-Tee-Limonade auf dem Tisch. Weis pflegt sein Hacker-Image, er fühlt sich auf Hacker-Conventions offenbar immer noch wohler als im Hörsaal. Seit 20 Jahren ist der Verschlüsselungsfachmann Mitglied im Chaos Computer Club. Als Hacker von Format ist er natürlich geprägt von den Debatten über die Gefahren eines Überwachungsstaats, doch beim Thema Falschgeld erwacht in ihm der Pädagoge.

"Ich möchte speziell junge Leute ganz eindeutig warnen davor, Falschgeld im Darknet zu bestellen, denn wer sich Falschgeld beschafft, der wird als Staatsfeind angesehen" so Weis. Das Darknet sei keineswegs ein sicherer und vollständig anonymer Ort, dort tummelten sich sehr viele Geheimdienst-Mitarbeiter. "Und wenn ein umfangreicher Angriff läuft, dann sind unter Umständen sehr viele Leute enttarnt. Selbst wenn man nur ein paar Scheine bestellt, ist man dann ein Beifang bei einer Großaktion gegen terroristische Netzwerke“.

Im November durchsuchen Polizisten bundesweit 80 Wohnungen

Am 11. November 2015 schläft Lukas P. um fünf Uhr morgen tief und fest, als es laut an seiner Tür klopft. Schlaftrunken öffnet er die Tür. Sofort stürmen sechs maskierte Polizeibeamte in die Wohnung. "Es war wie im Film" erinnert sich Lukas. Die Beamten durchkämmen die Wohnung, finden Falschgeld, das an seiner Wand pinnt, beschlagnahmen seinen Laptop und nehmen ihn mit zur Vernehmung zum Landeskriminalamt.

Zeitgleich durchsuchen Polizisten in Berlin sieben weitere Wohnungen, bundesweit sind es rund 80. Der Tipp kam über Europol von italienischen Ermittlern. Sie hatten den Darknet-Anbieter der Falschnoten, bei dem Lukas P. bestellt hatte, zuvor festgenommen. Anschließend mussten sie nur noch die Kundendatenbank auswerten – hunderte Besteller waren auf einen Streich enttarnt. Nun ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft. Demnächst stehen die Gerichtsverhandlungen an. "Man kann davon ausgehen, dass ein Teil der Täter auch wegen Geldfälschung verurteilt wird, wobei ein im Darknet bestellter Geldschein ausreicht, der wissentlich in den Verkehr gebracht wird", sagt Kriminalkommissar Karsten Urbat von der Soko Falschgeld.

Ein Jahr Mindeststrafe für Falschgelddelikte

Falls Lukas P. verurteilt werden sollte, müsste er mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr auf Bewährung rechnen. Denn die Verbreitung von Falschgeld ist ein Verbrechenstatbestand. Drei Jahre lang stünde die Bewährungsstrafe in Lukas polizeilichem Führungszeugnis – viele Arbeitgeber würden abwinken, wenn er sich nach seinem Studium um einen Job bewirbt. So ganz scheint Lukas immer noch nicht bewusst zu sein, worauf er sich das eingelassen hat. "Ich habe das doch nur aus Spaß gemacht", wiederholt er und beteuert: "Das Geld habe ich gar nicht ausgegeben. Sondern nur Papierflieger daraus gefaltet."

Beitrag von: Robin Avram

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