Vorwurf der Vetternwirtschaft - Potsdamer IHK-Präsident zurückgetreten
Die Industrie- und Handelskammer Potsdam (IHK) hat ihren langjährigen Präsidenten verloren. Victor Stimming trat auf einer IHK-Vollversammlung zurück - offiziell wegen gesundheitlicher Probleme. Der mächtige Verbandschef war allerdings in die Kritik geraten - wegen angeblicher Vetternwirtschaft und Verschwendung.
Die Industrie- und Handelskammer Potsdam (IHK) vertritt rund 77.000 Brandenburger Betriebe - nun verliert sie ihren langjährigen Präsidenten. Victor Stimming trat auf einer IHK-Vollversammlung am Mittwoch von seinem Amt zurück. Das erklärte die Vizepräsidentin der Kammer, Beate Fernengel, am Rande einer Vollversammlung der Unternehmervertretung.
Stimming, der die größte der drei Brandenburger Industrie- und Handelskammern schon seit 1995 leitet, war zuletzt stark unter Druck geraten. Vorwürfe wie Vetternwirtschaft und Verschwendung stehen im Raum. Auch das rbb-Magazin Klartext hatte darüber berichtet. Fernengel allerdings begründete nun seine Demission medizinisch: "Seine gesundheitlichen Probleme sind massiv."
Hinter verschlossenen Türen habe sich Stimming vor den Mitgliedern erklärt, sagte Fernengel weiter. Öffentlich bezog der 62-Jährige aber nicht Stellung. Fernengel kündigte an, die Vorwürfe aufklären zu wollen. Unter anderen soll eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft eingesetzt werden. "Ganz wichtig sind Transparenz, Aufklärung und den Schaden für die IHK Potsdam weiter fernzuhalten."
Dienstwagen und zweite Sekretärin
Der rbb hatte Ende Oktober berichtet, dass sich Stimming, der seine Funktion wie andere IHK-Präsidenten auch ehrenamtlich ausübt, einen Dienstwagen und eine Sekretärin finanzieren lässt, die ihren Schreibtisch nicht in Potsdam, sondern in seinem eigenen Baubetrieb in Brandenburg an der Havel hat.
Auch andere Vorwürfe gegen Stimming sind laut geworden. So hatte sein Sohn, der ebenfalls in der Baubranche tätig ist, vor neun Jahren den Zuschlag für ein Nebengebäude am IHK-Standort in Potsdam erhalten. Doch den Vorwurf der Einflussnahme wies der IHK-Chef zurück. Es habe sich um eine ganz normale Ausschreibung gehandelt, bei der sein Sohn das günstigste Angebot abgegeben habe, schreibt die "Märkische Allgemeine". Auch der kostenintensive Umbau der Villa Carlshagen zu einem Schulungszentrum stößt innerhalb der Kammer auf Kritik.
Zahl der West-Brandenburger Betriebe hat sich fast verdoppelt
Unabhängig von den Vorwürfen kann der scheidende Präsident auf eine erfolgreiche Amtszeit zurückblicken. Erst im vergangenen Jahr war Stimming auf der konstituierenden Sitzung der Vollversammlung einstimmig im Amt bestätigt worden.
Seit 1995 hat sich die Zahl der Kammerbetriebe nahezu verdoppelt: Hatte die IHK bei Stimmings Amtsantritt nur rund 40.000 Betriebe, sind es aktuell rund 77.000. Die IHK Potsdam, die den gesamten Westen Brandenburgs abdeckt, ist im Vergleich mit Cottbus und Frankfurt die mit Abstand größte der drei Brandenburger Kammern.
Doch der unbescheidene Führungsstil Stimmings kam nicht überall gut an - die Atmosphäre in der Kammer ist laut rbb-Informationen stark eingetrübt. So hat Stimmings Vorgänger, Hans-Joachim Leue, sein Amt als Ehrenpräsident der Kammer schon vor einem Jahr niedergelegt. Gegenüber dem rbb sagte Leue Ende Oktober, es könnte nicht sein, "dass die Privilegien so groß werden, dass das Allgemeinwohl der Kammer zwar nicht infrage gestellt wird, aber doch darunter leidet."




