
Das Milliardengeschäft mit den Weihnachtsmärkten - Süßer die Kassen nie klingeln
Mit der Adventszeit hat auch die Zeit der Weihnachtsmärkte begonnen. Für die Händler und Schausteller sind die Märkte inzwischen die wichtigste Einnahmequelle des ganzen Jahres. Mehr als eine Milliarde Euro geben die Deutschen inzwischen auf deutschen Weihnachtsmärkten aus. Tendenz steigend - die Märkte sind Rettungsanker für eine ansonsten schwächelnde Branche. Von Karsten Zummack
Auf dem Stand, mitten auf dem Potsdamer Weihnachtsmarkt, türmen sich die süßen Versuchungen: Schmalzkuchen, Quarkbällchen, Schokoladenfrüchte, vom Dach baumeln verzierte Lebkuchenherzen. Katja Oelmann tütet mit einer Schaufel gebrannte Mandeln in kleine Tüten. Zwischendurch gibt sie ab und zu eine Prise Zucker in die Maschine nebenan.
"Wir brauchen den Potsdamer Weihnachtsmarkt für einen gesunden Jahresabschluss, da wir eine Winterpause haben, die durchfinanziert sein muss – und das muss vorher drin sein", sagt Oelmann. Die Frau aus Niemegk mit dem langen, blonden Haar - eingepackt in einen dicken weißen Pullover und Kittelschürze, kennt sich aus mit der Kalkulation. Seit 21 Jahren ist sie dabei, sie stammt aus einer Schaustellerfamilie. Die Eltern hatten zu DDR-Zeiten eine Geisterbahn und eine Schießbude, erzählt sie. Damals sei das Geschäft viel einfacher gewesen. "Die Leute haben heute mehr Möglichkeiten, ihr Geld auszugeben. Dafür müssen sie nicht unbedingt auf den Rummelplatz gehen", sagt Niemegk.
Auf einem Kilometer verläuft der Potsdamer Weihnachtsmarkt durch die Fußgängerzone. Lichterketten ziehen sich durch die Innenstadt. 700.000 Besucher lockte der Markt im vergangenen Jahr an. Das Angebot: ein typischer Mix zwischen Kunsthandwerk, Glühwein, Mützen, Bratwürsten. Etwa 2.000 Euro Miete kostet ein kleinerer Stand auf dem Markt - Geld, das erst einmal wieder reingeholt werden muss.

200.000 Euro Kosten in fünf Wochen
Organisiert hat den fünfwöchigen Weihnachtsmarkt Eberhard Heieck. Seit zwanzig Jahren ist der Cottbusser mit seiner Agentur im Geschäft. "Die ersten Märkte haben wir in Cottbus und Senftenberg gemacht. Meistens fragen die Städte Veranstalter, die sie kennen: Wie würdet Ihr in unserer Stadt den Weihnachtsmarkt machen wollen? Dann muss man ein Konzept entwickeln", sagt Heieck. "Dabei muss man überlegen - entweder sagt man ja oder man sagt: Ich kenne den Veranstalter von dort und kann es nicht besser machen als er."
Heieck hat viel Geld in die Holzbuden investiert. Genehmigungen musste er einholen, Verträge mit Händlern aushandeln. 20.000 Glühlampen ließ er installieren - das ist teuer. "In Potsdam muss man mit ungefähr 200.000 Euro Kosten für den Weihnachtsmarkt leben – da ist alles dabei, vom Strom, über den Wachschutz, Toiletten, Müll bis hin zum Winterdienst", sagt Heieck. Am Ende geht es darum, Gewinn zu machen - für den Veranstalter ebenso wie für die etwa 150 Händler, Gastronomen, Karussellbetreiber auf dem Potsdamer Weihnachtsmarkt.
Mehr als zwölf Euro gibt ein Besucher im Schnitt aus
Die Adventszeit ist inzwischen die mit Abstand wichtigste für das sogenannte fahrende Volk, sagt der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, Albert Ritter: "Ohne Weihnachtsmärkte gäbe es auch keine Sommersaison mehr. Schausteller, die früher vielleicht in die Winterpause gefahren sind – das ist nicht mehr machbar. Die Kosten laufen weiter, wenn ich einen Kredit für eine Achterbahnanlage habe, muss ich auch im Winter versuchen, diesen Kredit zu erwirtschaften." Viele wandelten sich dann vom Achterbahnbesitzer zum Glühweinverkäufer, um die Winterzeit zu überbrücken. "Wir brauchen die Weihnachtsmärkte, um zu überleben", sagt Ritter.
Mehr als zwölf Euro gibt jeder Besucher durchschnittlich auf dem Weihnachtsmarkt aus. Das summiert sich deutschlandweit auf insgesamt gute eine Milliarde Euro. Zum Vergleich: die Umsätze auf den Volksfesten sind rückläufig, auch die Zahl der Veranstaltungen sinkt. Auf den Weihnachtsmärkten versuchen die Schausteller, das also zu kompensieren.
In Westdeutschland tauschen viele jetzt - wie der Verbandspräsident sagt - ihre Karussells und Fahrgeschäfte gegen Glühwein- und Bratwurststände. Dort geht es auf den Weihnachtsmärkten eher besinnlich zu.
Mit zehn Pfennig mehr Umsatz als mit zwei Euro
Im Osten der Republik hingegen ist traditionell viel Rummel angesagt. Paradebeispiel: der Parkplatz zwischen dem Berliner Alexanderplatz und der Jannowitzbrücke. Hier wurden Gäste schon zu DDR-Zeiten durch die Gegend geschleudert, jagte man sich beim Autoscooter, wurden Bälle auf Dosen geworfen.
Veranstalter Charles Blume hat diese Tradition vor sechs Jahren wieder aufleben lassen. Stück für Stück erweckte er den Markt wieder zu neuem Leben, inzwischen zählt er zwei Millionen Besucher im Jahr. Was die nicht sehen, ist der immense Aufwand, der dahinter steckt. "Ich bin mit meiner Familie und 25 Mitarbeitern in der Auf- und Abbauphase 30 Tage beschäftigt, in der Spielzeit sind wir inklusive der Sicherheitsleute mit 60 Mann im Einsatz", sagt Blume. Wie viel das Geschäft am Ende abwirft, will er nicht verraten. Wobei Blume nicht allein von den Standmieten lebt: Er betreibt auch eine Almhütte, in der er Bier, Obstler und Glühwein verkauft.
Ganz so viel ist mit Fahrgeschäften wie dem sogenannten Babyflieger sicher nicht zu verdienen. Kinder sitzen hier in kleinen Elefanten, Hubschraubern und Flugzeugen, können sich durch Ziehen an einem Steuerknüppel selbst in die Höhe bugsieren. So richtig brummt das Geschäft damit nicht mehr, beklagt Schaustellerin Linda Neudert. "Es ist schwieriger geworden. Wenn ich daran denke, dass meine Oma früher mit zehn Pfennig mehr Umsatz hatte als ich heute mit zwei Euro – bei der Freizeitgestaltung sind wir beim Rummel ein bisschen in den Hintergrund gerückt", sagt Neudert.
80 Märkte allein in Berlin
Ihr Familienbetrieb musste schon Personal abbauen, hat nur noch eine Angestellte. Für die kommenden Tage hofft sie auf bestes Weihnachtsmarktwetter - zwei, drei Grad plus, kein Regen. Und darauf, dass es keine Zwischenfälle gibt - wie im vergangenen Jahr, als hier ein Looping-Karussell wegen eines technischen Defekts stehen blieb, die Fahrgäste in luftiger, eisiger Höhe festhingen. Oder vor zwei Jahren, als ein Unbekannter vergifteten Glühwein ausgab. So etwas trübt Stimmung und Geschäfte, sagt Mitveranstalter Klaus Schneider.
"Kurzfristig macht sich das bemerkbar. Nach zwei, drei Tagen aber ist wieder alles normal. Wir argumentieren offensiv und erklären, warum bestimmte Dinge stattfinden. Nichts ist schlimmer, als wenn irgendwelche Gerüchte durch die Küche rennen – und dann alle diesen Gerüchten nachrennen", sagt Schneider.
Auf einen reibungslosen Verlauf hoffen in Berlin in diesem Jahr die Veranstalter von insgesamt 80 großen, kleineren und alternativen Weihnachtsmärkten. Die Konkurrenz ist enorm. Eine Apres-Skihütte zum Beispiel lädt zum Feiern, nebenan eine Eisfläche zum Schlittschuhlaufen. 100 Buden sind hier diesmal aufgestellt. Das Publikum ist international, hat Betreiber Arnold Bergmann beobachtet. "Das ist in den letzten Jahren gestiegen, weil Berlin eine Weihnachtsstadt geworden ist. Man geht heute nicht mehr nach New York oder London zum Wintershopping. Man fliegt durchaus nach Berlin", sagt Bergmann.
Auf dem Alex ist ein Sprachengemisch zu hören. Italiener, Spanier, Briten schlürfen deutschen Glühwein, essen bayerische Haxen, wärmen ihre Hände über offenen Feuerschalen, schauen den Erzgebirgs-Schnitzer beim Drechseln von Räuchermännchen zu. Weihnachtsmarkt-Organisator Bergmann, gebürtiger Franke mit Firmensitz im brandenburgischen Bruchmühle, verkauft hier auch selbst Getränke und Essen. "Wir verdienen unser Geld mit Essen und Trinken – Glühwein und Bratwurst. Gastronomie ist das bessere Geschäft", sagt Bergmann. Solche Stände sind auf Weihnachtsmärkten besonders begehrt.

"Stundenlöhne zwischen fünf und sechs Euro"
Trotzdem arbeiten manche Gastronomen mit allen Tricks, gerade wenn es um die Beschäftigung und Bezahlung des Personals geht - so die Beobachtung von Sebastian Riesner. Er ist Sekretär bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten und hat auch die Weihnachtsmärkte seit Jahren im Blick.
"Der überwiegende Teil der Beschäftigten sind Arbeitnehmer, die dort nebenbei etwas verdienen. Zum Teil ordnungsgemäß abgerechnet – ein Großteil aber schwarz auf die Hand. Nach unserem Kenntnisstand werden dort zum Teil Stundenlöhne zwischen fünf und sechs Euro gezahlt – da gibt es absoluten Wildwuchs, viele Sachen die nicht korrekt abgerechnet werden, ohne ordnungsgemäße Arbeitsverträge, ohne ordnungsgemäße Anmeldung. Eigentlich ist das eine Sache für die Finanzkontrolle Schwarzarbeit", sagt Riesner.
Bei Steffen Zühl auf dem Potsdamer Weihnachtsmarkt dürften die Kontrolleure - wenn sie denn kämen - wohl keine Unregelmäßigkeiten finden. Die meiste Zeit steht der 36-jährige, großgewachsene Zossener ohnehin allein an seinem Stand. Und auch bei den Lieferanten achtet er nach eigenem Bekunden auf faire Arbeitsbedingungen und Nachhaltigkeit. Er bietet unter anderem ausgeschnittene Baumstämme mit Figuren, Engeln, Elchen an - nachhaltig produziert, wie Zühl beteuert.
Im April hat sich der gelernte Außenhandelskaufmann selbständig gemacht. Als Test diente ihm der Weihnachtmarkt im vergangenen Jahr. "Ich hab ein bisschen mehr erwartet ehrlich gesagt. Aber manche Sachen brauchen etwas länger, um sich zu entwickeln. Wenn ich hier 30 Tage am Stück stehe – dann sollte man auch nicht nur einen Monat davon leben können", sagt Zühl.
Saison von März bis Dezember
Diesen Wunsch teilt er auch mit Schaustellern wie Henry Probst. Dessen Reich für die kommenden Wochen ist drei Quadratmeter groß - das Kassenhäuschen eines Kinderkarussells. Geduldig reicht Probst Plastikchips durch den kleinen Schlitz im Fenster. Draußen rollen immer wieder Enten und Gänse, kleine Ferraris und Lieferwagen an ihm vorbei - an Bord Kinder mit strahlenden Augen.
"Das Karussell kostet 200.000 Euro. Ich habe einen 15 Jahre laufenden Kredit. Die Saison hat sich verlängert. Zu DDR-Zeiten waren wir von April bis Oktober unterwegs – heute sind wir es bis auf Januar und Februar das ganze Jahr. Im März geht es dann wieder los, um die ganzen Unkosten zu tragen", sagt Probst.
1,50 Euro pro Fahrt - das klingt nach einem lukrativen Geschäft. Doch die Lämpchen blinken, das Karussell dreht sich - jeden Tag neun Stunden lang. In fünf Wochen kommen dabei allein Stromkosten von etwa 2.000 Euro zusammen, schätzt der Stahnsdorfer, der aus der berühmten Zirkusfamilie Probst stammt. Reich wird man damit nicht, versichert er. Ans Aufgeben hat der 52jährige aber noch nie gedacht.
"Ich hab nichts anderes gelernt. Ich bin in eine Zirkusfamilie geboren worden, ich mache das solange ich denken kann – ich habe immer Freude und Spaß dran. Wenn ich mit Widerwillen da rangehen würde, könnte ich das mit diesem Ehrgeiz und Elan nicht machen. Denn nach einem Stundenplan wie bei anderen Menschen können wir gar nicht gehen", sagt Probst.
In den nächsten fünf Wochen ist Hochsaison für Schausteller Probst - ebenso wie für Veranstalter Eberhard Heieck. Er denkt aber bereits jetzt ans kommende Jahr - getreu dem Motto: Nach dem Weihnachtsmarkt ist vor dem Weihnachtsmarkt.
"Im Januar, Februar, wenn der eine Markt zu Ende ist, wird man schon in die Vorbereitung auf den nächsten miteingebunden und man schaut, was gut, was schlecht war. Ab Anfang März gehen dann die nächsten Verträge raus", sagt Heieck.


