
Auszubildende mit Migrationshintergrund - Berliner Unternehmen bauen ihre Vorurteile ab
Junge Menschen mit Migrationshintergrund haben oft mit Vorurteilen zu kämpfen: Nicht nur in der Schule, sondern auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Doch allmählich tut sich was in den Unternehmen der Hauptstadt. Immer mehr sind bereit, ihre Ausbildung stärker für junge Leute mit Migrationshintergrund zu öffnen. Von Marion Lucke
Wer Erdal oder Pavel heißt, hat es bei Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz oft schwer. Viele junge Menschen mit Migrationshintergrund haben mit Vorurteilen zu kämpfen: schlechte Leistungen, mangelnde Sprachkompetenz. Da ist die erste Hürde, überhaupt zum Vorstellungsgespräch zu kommen, schon ausgesprochen hoch. Das räumt auch Klaus Dieter Teufel vom Berliner Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie ein. "Diese Vorbehalte gibt es", so Teufel.
Gemeinsam mit der IG Metall und der Senatsarbeitsverwaltung hat sein Verband deswegen das Projekt "Berlin braucht dich" ins Leben gerufen und damit an das gleichnamige Vorbild aus dem öffentlichen Dienst angeknüpft. Seit September läuft das Ganze und das Prinzip ist relativ einfach: Die Unternehmen kooperieren mit Schulen und bieten den Schülern Schnuppertage und Praktika im Betrieb an. "Da lernen die Betriebe die Jugendlichen kennen, die Jugendlichen lernen die Betriebe kennen. Ich denke, das ist der beste Weg, um hier entsprechende Vorbehalte ausräumen zu können", so Teufel.
Das ABB Training Center in Berlin Wilhelmsruh gehört zu den ersten Einrichtungen, die das neue Projekt der Metallindustrie im Programm haben. Außerdem schicken Klein- und Mittelbetriebe ihre Azubis hierher, wenn sie in ihrem Unternehmen nicht die volle Bandbreite des Berufsbildes anbieten können. Das ABB hat bereits gute Erfahrungen bei Azubis mit Migrationshintergrund gemacht.

Fachkräftemangel bringt die Unternehmen in Zugzwang
Eine, in dessen Werkstatt sowohl Praktikanten als auch Azubis arbeiten, ist Detlef Spahlholz. Er sagt, der Migrationshintergrund spiele keine Rolle mehr. "Man schaut nach den Leistungen und danach, ob sie den Beruf erlernen wollen, und das ist eigentlich das Entscheidende." Vorurteile könne man sich auch gar nicht mehr erlauben, denn dazu gebe es inzwischen viel zu wenig Bewerber.
Ausbildungsleiterin Steffi Michailowa hat durchaus die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Unternehmen Vorurteile haben. Aber auch die öffneten sich zunehmend, denn "es mangelt irgendwann an Fachkräften".
Einzelne Lehrer können entscheidend sein
1.400 Bewerber jährlich hat das ABB-Ausbildungszentrum. Wenn Bewerbungsverfahren stärker anonymisiert werden und die Jugendlichen erstmal erzählen und zeigen können, was sie drauf haben, fallen Vorbehalte der Arbeitgeber manchmal relativ schnell, so die Erfahrung.
Bei den öffentlichen Behörden und landeseigenen Unternehmen läuft das Programm "Berlin braucht dich" schon seit sieben Jahren und hat inzwischen auch vorzeigbare Ergebnisse gebracht: Bereits jeder fünfte unter den Azubis hat dort eine Migrationsgeschichte. Bei der BSR, der BVG und der Polizei ist es sogar fast jede Vierte.
Das gilt auch für die landeseigenen Wohnungsbau-Gesellschaft GEWOBAG. Hier absolviert Erdal Yilmaz im zweiten Lehrjahr eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann. Zur Schule gegangen ist er auf einem Oberstufenzentrum. Er hat Abitur gemacht. Aber es gab mal eine Zeit, da war es nicht klar, ob er das schaffen würde. Denn es gab einen Deutschlehrer, der hatte ihn in die falsche Schublade einsortiert hatte - als leistungs-schwachen Krawallmacher: "Ich musste meist zu Anfang des Unterrichts sofort raus. Der wollte mich da gar nicht mehr sitzen haben", erinnert sich Erdal Yilmaz. In seiner Klasse war er nicht der einzige, der mit den Vorurteilen des Lehrers zu kämpfen hatte. "Wir waren glaube ich sechs mit Migrationshintergrund. Wir waren alle 'die Schlechten'."

Damals hätte er fast das Handtuch geworfen. Besser wurde es erst, als eine neue Deutschlehrerin kam. "Ich kam von einer sechs beim Lehrer davor auf eine zwei. Danach habe ich es geschafft konstant immer zwischen zwei und drei zu bleiben in Deutsch", so Erdal Yilmaz.
Erdal Yilmaz ist kein Einzelfall. Eine neue Studie der Universität Düsseldorf mit immerhin 120 Tiefeninterviews unter Schulabgängern mit Migrationsgeschichte ergab, dass einzelne Lehrer eine ganz zentrale Rolle spielen können. "Sei es, dass sie besonders unfreundlich oder verständnislos waren", so Projektleiter Professor Heiner Barz. "Oder auch einzelne Lehrer, die besonders zugewandt, besonders unterstützend, sich besonders um die einzelnen Kinder und ihre Schicksale gekümmert haben." Diese könnten oftmals entscheidenden Einfluss auf die Bildungskarrieren haben - ob in positive oder in negative Richtung.
Interkulturelle Kompetenz bisher unterschätzt
Bei der GEWOBAG hat man inzwischen erkannt, dass die Jugendlichen mit Migrationshintergrund aber auch besondere Kompetenzen mitbringen: Flexibilität zum Beispiel, häufig auch Bildungs- und Aufstiegswillen, Zweisprachigkeit und ihre kulturelle Vielfalt, so Personalleiterin Martina Heger.
"Ein Viertel der Bevölkerung kommt aus nicht-deutschen Ländern oder ist nicht 'deutsch' von der Geschichte her. Und wenn wir das in unserem Unternehmen widerspiegeln können, dann haben wir eine ganz große kulturelle Vielfalt auf der einen Seite. Wir haben eine sprachliche Kompetenz auf der anderen Seite. Und wir haben eine soziale Komponente, die man bei dem Ganzen nicht vergessen sollte."
Denn so manch türkisch- oder arabisch-stämmiger Mieter ist doch erleichtert, wenn er merkt, sein Gegenüber spricht auch diese Sprache, sagt sie. Gesteigertes Interesse an Auszubildenden mit Migrationshintergrund hat die GEWOBAG auch noch aus einem anderen Grund: Wie überall, so sinken auch bei ihnen allmählich die Bewerberzahlen. Da ist es gut aus einem größeren Reservoir schöpfen zu können, räumt die Personalleiterin ein. Und Praktika seien eine gute Möglichkeit für beide Seiten, sich kennenzulernen und zu beschnuppern.
"Und da haben wir sehr, sehr gute Erfahrungen gemacht, dass wir immer wieder aus den Schülerpraktika junge Menschen gefunden haben, die sich bei uns beworben haben und die wir dann auch genommen haben. Die kannten wir dann schon und die kannten uns schon. Die wussten was sie erwartet. Und das ist etwas sehr Positives."
Da öffne das Programm "Berlin braucht dich" dann manchmal auch Türen, die sonst wegen der hohen Ansprüche an die Schulnoten verschlossen geblieben wären, so die Personalleiterin.



