Trotz Überstunden und schlechter Bezahlung - Die meisten Azubis sind mit ihrer Lehre zufrieden
Nirgendwo bilden so wenige Unternehmen aus wie in Berlin und Brandenburg. Vom DGB gibt es dafür viel Kritik. Auszubildende kritisieren wiederum, dass sie unsinnige Arbeiten und Überstunden machen müssen, die nicht honoriert werden. Dennoch: Die meisten Azubis finden ihre Lehre toll, obwohl ihre Lage oft dramatisch ist.
Sie machen Botengänge für den Chef, werden schlecht bezahlt, müssen Überstunden machen: Und doch sind die meisten Auszubildenden aus Berlin und Brandenburg zufrieden. Drei Viertel der Azubis halten die Qualität ihrer Lehre für gut oder sehr gut. Das ergab eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds unter 1600 jungen Berlinern und Brandenburgern.
Weitere 19,4 Prozent sehen ihre Ausbildung demnach als befriedigend oder ausreichend an. Gute Zahlen, und gebe es ausreichend Verbesserungsbedarf, sagt DGB-Landesbezirksleiterin Doro Zinke. So habe jeder vierte habe keine Lehrstelle, 25 Prozent der Auszubildenden hätten Überstunden, die nicht abgegolten werden, und zwei Drittel müssten Arbeiten erledigen, die mit ihrer Ausbildung nichts zu tun hätte.
Jedem achten Azubi werden die Berufschulstunden von der Arbeitszeit abgezogen, sagte DGB-Jugendsekretärin Christine Richter.
Regionale Unternehmen sind Schlusslicht
Dass dennoch so viele mit der fachlichen Qualität ihrer Lehrer zufrieden sind, ist für die Industrie- und Handelskammer Berlin ein ausgezeichnetes Ergebnis. Deren Bildungsgeschäftsführer Thilo Pahl sieht noch viele Verbesserungsmöglichkeiten. Der Übergang von der Schule in den Beruf müsse verbessert werden; zudem brauche es - neben Reformen in der Berufsschule - eine Jugendberufsagentur.
Die Gewerkschaft sieht aber auch die Unternehmen in der Pflicht. Nirgendwo in Deutschland bildeten so wenig Unternehmen aus wie in Berlin - 12 Prozent. Brandenburg sei mit 15 Prozent bundesweit Drittletzter, sagte Zinke. "Wir haben manchmal den Eindruck, dass manche Arbeitgeber wollen, dass ihnen die geeigneten Fachkräfte von irgendwem vor die Tür gekarrt werden."
Beklagt wird auch, dass Mädchen und junge Frauen es schwer hätten, in vermeintlichen Männerberufen wie Kfz-Mechatroniker, Tischler oder Elektroniker Fuß zu fassen. Dort scheuten die Handwerksmeister oft die Investitionen in zusätzliche Toiletten und Sozialräume für die weiblichen Kollegen.
"Das ist eine Schande"
Das nächste große Problemfeld ist die Bezahlung. Fast jeder zweite Azubi verdient weniger als 500 Euro Brutto. Davon müssen viele auch noch das Bahnticket und die Spritkosten bezahlen. Die Folge: Azubis jobben am Wochenende noch zusätzlich, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen.
Auch die Zukunftsaussichten sind problemtisch. Drei Viertel der Befragten wussten kurz vor Ende der Ausbildung nicht, ob sie in ihrem Betrieb übernommen werden. "Das ist eine Schande", sagt Bundesjugendsekretärin Christin Richter. Vor allem die so ungewisse Lage vor den wichtigen Prüfungen sei problematisch. Sie fordert deshalb eine unbefristete Übernahme und eine Ausbildungsgarantie für jeden, der eine Lehre machen will.
Mit Informationen von Franziska Ritter


