Ein Landwirt pflügt mit seinem Traktor einen Acker im Landkreis Märkisch-Oderland nahe Petershagen (Brandenburg) (Quelle: dpa)

"Landgrabbing" auch in Brandenburg - Rekordpreise für den Ost-Acker

Das Geschäft mit Ackerland in Ostdeutschland boomt. Nach dem jüngsten Bericht der Treuhand-Nachfolgerin BVVG sind die Preise noch einmal um zwölf Prozent gestiegen. Denn inzwischen machen Investoren, Spekulanten und Fachfremde wie Möbel- oder Immobilienhändler ihr Geld in der ostdeutschen Provinz. Das Nachsehen haben die Bauern vor Ort. Von Andrea Marshall

Ackerland wird in Ostdeutschland immer teurer. Das zeigt die Jahresbilanz 2013 der Bodenverwertungs- und verwaltungsgesellschaft BVVG. Die BVVG privatisiert ehemals "volkseigene“ DDR-Agrarflächen  im Auftrag des Bundes. 2013 hat sie pro Hektar einen Rekordpreis von durchschnittlich über 15.000 Euro erzielt - ein Anstieg um satte zwölf Prozent.

Die Preise haben sich damit seit Anfang der 90er Jahre mehr als vervierfacht und gleichen sich allmählich dem Niveau in Westdeutschland an.

Weltweit weniger Ackerfläche

BVVG-Geschäftsführer Wilhelm Müller erklärt den Preisanstieg vor allem mit der stärkeren Nachfrage. Und die habe ihre Ursache in globalen Entwicklungen: Weltweit wird mehr Agrarfläche gebraucht – zum Beispiel wegen des Bevölkerungswachstums oder durch den gestiegenen Fleischkonsum. Gleichzeitig steht aber weniger Boden für die Landwirtschaft zur Verfügung. Gründe dafür seien der Klimawandel und der verstärkte Anbau von Energiepflanzen ("Tank statt Teller“), sagt Müller.

Mehr Nachfrage und weniger Angebot führen dann zu höheren Bodenpreisen. Dies ruft wiederum Spekulanten auf den Plan, die auf noch weiter steigende Preise setzen.

Finanzkrise macht Investitionen interessant

Die Tatsache, dass immer mehr Finanzinvestoren und andere branchenfremde Unternehmen im großen Stil Ackerflächen aufkaufen, ist ein weltweites Phänomen. Hintergrund ist auch die Finanzkrise: Es gibt nur noch wenige Möglichkeiten, sein Geld inflationssicher anzulegen. Deshalb fließt immer mehr Kapital in die Agrarproduktion.

Kommunisten und Kapitalisten

Ostdeutschland ist für die Käufer deshalb interessant, weil hier der Boden trotz der Preissteigerung vergleichsweise billig ist. Außerdem stehen sehr große Ländereien zur Verfügung. Denn die großflächige Struktur der DDR-Landwirtschaft (LPGs) blieb nach der Wende weitgehend bestehen. So haben ironischerweise die früheren Kommunisten die Voraussetzung dafür geschaffen, dass heute neue Kapitalisten ihr Glück auf dem ostdeutschen Acker suchen.

Zusätzlich lukrativ wird das Investment durch die Flächenprämien der EU.

Und so findet "Landgrabbing" – Landraub durch aggressives Aufkaufen – nicht nur bei den Bauern in Afrika, sondern auch in der ostdeutschen Provinz statt. Hierzulande allerdings nach den Regeln des Rechtsstaats.

Möbel- und Immobilienhändler bestellen Äcker in Brandenburg

In Brandenburg befindet sich nach Angaben des Bauernbundes, der 360 Familienbetriebe vertritt, bereits ein großer Anteil der landwirtschaftlichen Fläche in den Händen von nur sieben großen Anlegern. Dazu zählen u.a. das größte deutsche Landwirtschaftsunternehmen KTG Agrar, die Lindhorst-Gruppe, die auch mit Immobilien handelt, sowie die Holding der Möbelhauskette Steinhoff.

Nach Angaben des CDU-Bundestagsabgeordneten Hans-Georg von der Marwitz kontrollieren allein in seinem Wahlkreis Märkisch-Oderland inzwischen "vier bis fünf" Investoren ein Drittel des Bodens.

Endlose Felder, wenig Menschen?

In dieser Gemengelage haben kleinere, ortsansässige Bauern das Nachsehen. Sie können sich neue Flächen kaum noch leisten, sagt Reinhard Jung vom Bauernverband. Nur wenige Ortsansässige fänden auf den Feldern Arbeit, und die Gewinne flössen aus der Region ab. "Das ist eine Landnahme der Kapitalinvestoren", wetterte Jung am Mittwoch im rbb.

Auch von der Marwitz sprach in mehreren Interviews von einer "Konzentration von Land in den Händen weniger großer Unternehmen." Geht der Trend weiter, könnten ganze Landstriche veröden. Die Folge: endlose Felder, noch weniger Menschen als ohnehin schon, verfallene Dörfer.

Preistreiber Bund?

In diesem Zusammenhang steht auch die Vermarktungsstrategie der BVVG, die die ehemals volkseigenen Agrar- und Waldflächen verkauft, in scharfer Kritik: Die Treuhand-Nachfolgerin sei ein Preistreiber, kritisierte schon 2009 der damalige Landwirtschaftsminister Dietmar Woidke (SPD), der heutige Regierungschef Brandenburgs. Denn die Flächen werden dem Meistbietenden zugeschlagen.

Doch BVVG-Geschäftsführer Wilhelm Müller sieht sich bis heute zu Unrecht an den Pranger gestellt. Seine Gesellschaft verkaufe gar nicht in größerem Umfang an Investoren: "Die erwerben die Flächen direkt von den ehemaligen LPGs. Wir haben damit nichts zu tun", sagte er am Donnerstag in Berlin.

Dennoch, so räumt Müller ein, habe seine Gesellschaft die Aufgabe, möglichst viel Geld mit den Verkäufen zu erwirtschaften. 2013 waren es insgesamt 436 Millionen Euro, die in den Bundeshaushalt flossen.

Bundesländer wollen selbst kaufen

Ein Ausweg könnte die Übertragung der restlichen Bodenbestände an einzelne Bundesländer sein. Die könnten die Flächen dann an kleinere, ortsansässige Betriebe verpachten.

Mit Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern laufen bereits Gespräche über den Kauf aller verbliebenen Treuhand-Flächen von der BVVG, sagte deren Experte Detlev Hammann am Donnerstag. Von Brandenburg war nicht die Rede.

Beitrag von Andrea Marshall - mit Informationen von Karsten Zummack