Bio-Lebensmittel; Quelle: Bio Company
Inforadio | 10.01.2014 | Sandra Schwarte

Müritzlamm und Havelländer Apfelschweine - Brandenburgs Bauern profitieren vom Bio-Boom

Die weltgrößte Messe für Ernährung und Landwirtschaft, die Grüne Woche, öffnet Mitte Januar wieder in Berlin ihre Tore. Im Trend liegen auch dieses Jahr wieder vor allem Bio-Produkte. Der Markt wächst rasant, die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln steigt - eine große Chance für Brandenburgs Landwirte. Von Sandra Schwarte.

Bio-Supermärkte sind in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Berliner Boden geschossen. Einer der großen Anbieter ist die Bio-Company. In Berlin-Charlottenburg hat jüngst die 35. Filiale eröffnet. Das Unternehmen reagiert damit auf den anhaltenden Bio-Boom in der Hauptstadt und die wachsende Nachfrage nach regionalen Bio-Produkten aus Brandenburg.

Die Bio Company wirbt wie kein anderer Supermarkt der Branche damit, regionale Produkte zu fördern. Als "Berliner Gewächs" kennen sie hier fast alle Brandenburger Bioprodukte, haben ihre Entstehung begleitet - und oft gefördert. Das gilt vor allem für die Molkereiprodukte. "An den Milchregalen kann man ablesen, welche Entwicklung die Molkereiproduktion in Brandenburg in den letzten zehn Jahren genommen hat. Es wird immer noch von Herstellern aus dem Münsterland oder Bayern dominiert, aber die regionalen Anbieter machen sich immer mehr breit", erklärt der Bio Company-Geschäftsführer Georg Kaiser. "Wir haben jetzt in der Region drei Molkereien, die ihre Sortimente nach und nach ausbauen. Seit vier Jahren gibt es die Lobetaler, die Produkte wie Joghurts, Sahne und Ayran erfolgreich auf den Markt gebracht haben. Das war möglich, weil regionale Biohändler zugesagt haben, dass sie deren Produkte abnehmen."

Lobetaler Joghurt kann sich im Supermarktregal behaupten

Die Lobetaler Molkerei liegt am Rande von Biesentahl. Sie sieht aus wie ein nettes Tagesrestaurant mitten im Industriegebiet. Der Eingang führt durch den molkereieigenen Hofladen, in dem Produkte der Molkerei wie Joghurt, Käse und Milch gekauft und gleich verspeist werden können. Die hellen Holztische stehen direkt an einer großen Glasfront, die den Blick freigibt auf die Produktionsstätte.

In der Molkerei füllen weißbehaubte Arbeiter den frischen Joghurt in die Schalen, andere packen die fertigen Becher auf Paletten. Aufgebaut hat das Werk Molkereimeister Manfred Hubert, der stolz auf sein Unternehmen ist: "Wir sind ein regionaler Anbieter, der sich stark im Bio-Fachhandel in Berlin und Brandenburg bewegt. Gleichzeitig sind wir eine soziale Einrichtung, die mit behinderten Menschen zusammenarbeitet", so Hubert.

Klingt nach professioneller Vermarktung. Doch mindestens ebenso professionell scheint der Umgang mit dem wichtigen Berliner Handel zu laufen: Lobetaler Joghurt findet sich nicht nur in den Regalen der Bio-Supermärkte, sondern auch im traditionellen Handel von Edeka und Rewe. Man hat erfolgreich verhandelt mit den Großsupermärkten. Nun steht der Joghurt aus Brandenburg neben den bundesweit vertretenen Marken - und kann sich halten.

Das Havelländer Apfelschwein vor dem Aus

Dieses unternehmerische Denken ist in der regionalen Biobranche nicht selbstverständlich, sagt Georg Kaiser. Ein Beispiel ist die Biomanufaktor Velten, die bislang das Havelländer Apfelschwein produzierte. Ein regionales Bioprodukt, das vor ein paar Monaten aus der Fleischtheke zu verschwinden drohte.

Lobetaler Bio-Joghurt aus dem Landkreis Barnim steht in einem Bio-Supermarkt-Regal. (Quelle: dpa)
Lobetaler Joghurt findet sich nicht nur in den Regalen von Bio-Supermärkten.

"Die Firma hatte sich finanziell überhoben. Als auch die Produktionsstätte in Konkurs ging, haben wir sie übernommen", erzählt Georg Kaiser von der Bio Company. "Denn es bestand die Gefahr, dass sie von einem konventionellen Betrieb übernommen wird und wir den einzigen bio-verarbeitenden Fleischbetrieb in der Region auf Jahre oder gar Jahrzehnte verlieren." Somit ist der Händler nun auch Produzent - in der neu gegründeten Biomanufaktur Havelland in Velten nördlich von Berlin.

Dass es in der Biomanufaktor schon wieder rund läuft, ist ungewöhnlcih. Im Mai 2013 waren viele der Fleischmaschinen kaputt: "Die Maschinen konnten nicht gewartet werden, weil kein Umsatz gekommen und somit kein Geld dafür da gewesen ist. Deshalb hatte man versucht über den Preis die Waren zu verkaufen. Ich habe die Preislisten gesehen, das war einfach unwirtschaftlich. Bio hat einfach seinen Preis und den muss man auch verlangen", sagt Thomas Schubert, Chef-Fleischhersteller bei der Biomanufaktur Havelland.

Jetzt wird hier wieder gewinnbringend produziert und verkauft. Abnehmer ist schließlich nicht nur die Bio Company, sondern auch einige Berliner Edelrestaurants und sogar der Deutsche Bundestag. Für Schubert war es der richtige Schritt, den Betrieb wieder auf gesunde Füße zu stellen: "Wir haben das Müritzlamm, das Havelländer Bio-Apfelschwein und das Uckermärker Weiderind. Das hätten wir nie hinbekommen, wenn wir in ganz Deutschland hätten zukaufen müssen."

Beeren und Birnen aus der Region sind Mangelware

Typisch für die Brandenburger Biobranche sei ein Mangel an betriebswirtschaftlichen Grundkenntnissen, sagt Georg Kaiser. Die Geschichte der Fleischmanufaktur sei nur ein Beispiel. Auch der Bio-Gemüsemarkt ist davon betroffen. Zwar seien Kartoffeln aus Brandenburg immer vorhanden, doch Beeren seien im Sommer Mangelware - obwohl die in Brandenburg gut wachsen. Birnen aus der Region seien ebenfalls schwer zu bekommen, und für Tomaten hätte das lange Zeit auch gegolten.

Birnen, Quelle: dpa
Birnen sind im Sommer in Brandenburg Mangelware.

Doch mittlerweile gibt es eine Tomatensorte aus Brandenburg, auch wenn die manchmal etwas teurer ist. "Dass ein regionales Produkt manchmal etwas teurer ist, kann für viele Verbraucher ein Widerspruch sein. Das ist nicht immer so, kann aber gerade jetzt vorkommen, wenn es im Gewächshaus wächst. Dabei wird es aber von Arbeitskräften aus der Region gepflegt und geerntet, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigte und keine Hilfsarbeiter sind", sagt Kaiser.

In Brandenburg mangelt es noch an Partnerschaften und unternehmerischem Denken

Ein Teil der Tomaten stammt aus dem Unterspreewald. In Pretschen hat Bio-Bauer Jürgen Philipp seine riesigen Gewächshaus-Hallen, in denen er seit fünf Jahren Feldsalat, Chicoree und Tomaten anbaut. 40 Menschen arbeiten mittlerweile auf dem Betrieb.

Bauer Philipp beliefert mittlerweile die ganze Republik mit Bio-Chicoree und profitiert vom Bio-Boom der vergangenen Jahre. Er gehört seit 1999 zu den erfolgreichen Bio-Herstellern in Brandenburg. "Man muss dafür einen gewissen Mut zum Risiko mitbringen und gleich zu Anfang beginnen, seine Partner zu finden, die das Produkt verarbeiten oder verkaufen wollen", erklärt Philipp sein Geheimrezept.

Diese Vernetzung und das unternehmerische Denken fehlen in Brandenburg, sagt auch Georg Kaiser. Dabei ist die Nachfrage langfristig gesichert: "In Berlin ist die Bio-Verkaufsfläche um 700 Prozent in zwölf Jahren gestiegen, die landwirtschaftliche Fläche hingegen nur um 16 Prozent. Dieser Nachfragesog ist doch spannend, das müssen auch die politisch Verantwortlichen erkennen. Ich denke, es wäre jetzt an der Zeit zu sagen, lasst uns hier ein bäuerliches Unternehmertum mitbegründen, um für unsere Kinder und Kindeskinder eine vernünftige regionale, landwirtschaftliche Produktion hinzubekommen", so Kaiser.

Dafür sei nicht mehr Geld nötig, sondern mehr Beratung und Marketing für die einzelnen Hersteller, um zum Beispiel einmal große Marken in Brandenburgs Bio-Szene zu schaffen, sagt Supermarktchef Kaiser. Den Platz hätte er für mehr regionale Produkte: Noch sind erst 20 bis 30 Prozent seines Bio-Sortiments aus der Region.

Mehr zum Thema

Ein Landwirt pflügt mit seinem Traktor einen Acker im Landkreis Märkisch-Oderland nahe Petershagen (Brandenburg) (Quelle: dpa)

"Landgrabbing" auch in Brandenburg - Rekordpreise für den Ost-Acker

Das Geschäft mit Ackerland in Ostdeutschland boomt. Nach dem jüngsten Bericht der Treuhand-Nachfolgerin BVVG sind die Preise noch einmal um zwölf Prozent gestiegen. Denn inzwischen machen Investoren, Spekulanten und Fachfremde wie Möbel- oder Immobilienhändler ihr Geld in der ostdeutschen Provinz. Das Nachsehen haben die Bauern vor Ort. Von Andrea Marshall