Hans-Werner Franz - Quelle: VBB

Vis-à-vis-Gespräch mit VBB-Chef Hans-Werner Franz - "Der erste Blick ist immer auf den Fahrplan"

Zehn Jahre stand Hans-Werner Franz an der Spitze des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg. Richtig bekannt wurde er in der S-Bahn-Krise 2009, als er sich heftig mit der Deutschen Bahn anlegte und dem Konzern Missmanagement vorwarf. Ende Februar geht er mit 63 Jahren in den Ruhestand. 49 Jahre Arbeit sind genug, sagte Franz im Abschiedsgespräch mit Susanne Gugel.

Herr Franz, mit welchem Verkehrsmittel sind Sie denn zum rbb gekommen?

Ich bin mit dem Bus M 49 gekommen. Der braucht vom Bahnhof Zoo ungefähr 17 Minuten, und er war pünktlich. Eine sehr bequeme Möglichkeit, um in die Masurenallee zu kommen.

Merken Sie sich das alles, wenn Sie mit einem Bus fahren, ob er pünktlich kommt und welche Probleme es gibt?

Ja, das ist eine Berufskrankheit. Das ist auch der Fall, wenn ich mit dem Zug oder der S-Bahn fahre: Der erste Blick ist immer der auf den Fahrplan, um zu sehen, ob das Verkehrsmittel pünktlich ist. Dann interessiert mich auch immer der Fahrverlauf, das passiert immer ganz automatisch.

Wie würden Sie den Öffentlichen Nahverkehr in letzter Zeit in Berlin bewerten: Läuft es überdurchschnittlich gut für unsere Verhältnisse?

Insgesamt haben wir im Moment eine sehr hohe Pünktlichkeitsquote. Auch die Fahrgäste sind bei den Qualitätsmessungen recht zufrieden. Wir haben einige Knackstellen, wo die Infrastruktur noch ein bisschen besser sein dürfte - aber der ÖPNV in Berlin und Brandenburg läuft insgesamt sehr gut.

Welches sind die Knackstellen?

Zum Beispiel da, wo Schienenstrecken nicht zweigleisig sind, und bei einer kleinen Störung der Gegenzug lange warten muss, oder wenn auf der Strecke Fernverkehr fährt und zu spät ankommt - dann müssen wir vom Regionalverkehr oft zur Seite. Das ist dann sehr ärgerlich, wenn da 500 oder 600 Fahrgäste sind und warten müssen, bis ein anderer Zug durch den Engpass ist.

Für das VBB Seniorenticket 65 plus sind Sie ja immer noch zu jung: Sie werden erst 63 Jahre alt, haben aber schon seit einer Weile angekündigt, dass sie dann in den Ruhestand gehen wollen - das klingt nach einem freiwilligen Abschied. Ist das so?

Ja, das war ein freiwilliger Abschied. Ich habe mit 14 Jahren angefangen zu arbeiten, das werden im April 49 Jahre sein und ich dachte, das ist dann genug. Ich will mit 63 aufhören.

Haben Sie denn als Geschäftsführer des VBB in den zehn Jahren, die Sie hier waren, das erreichen können, was Sie sich gewünscht haben?

Ja, denn es gab eine ganze Reihe Schwerpunkte, die ich mir gesetzt hatte, wo es Verbesserungen gegeben hat. Ein großes Thema war die Qualität und die konnten wir in vielen Bereichen deutlich steigern. Ein anderes Thema war, dass wir die völlige Freizügigkeit für die Senioren eingeführt haben mit einem Ticket, das sie in beiden Bundesländern benutzen können - ohne Sperrzeiten. Wir haben außerdem für die Studenten flächendeckend Studententickets eingeführt - das war damals ein sehr harter Kampf: Ich musste in die Vollversammlungen in die Aulen der Universitäten. Bei der TU Berlin war der Asta dagegen: Ich hatte vor der Vollversammlung das Ticket vorgestellt und begründet und argumentiert, dann gab es eine Urabstimmung, in der wir gegen den Asta gewonnen haben.

S-Bahnen in der Werkstatt (Bild: dpa)
In der S-Bahn-Krise 2009 mussten fast alle Züge aus dem Verkehr gezogen werden

Das waren jetzt die Weichen, die sie stellen konnten. In welchen Bereichen sind die Signale denn eher auf rot geblieben?

Was nach wie vor zu bemängeln ist, dass nicht genug in die Infrastruktur investiert wird, dass wir vorsorgend  in die Infrastruktur investieren: die Gleise, die Signalanlagen, die Stellwerke und dass wir nicht warten, wie es oft der Fall ist, bis etwas kaputt geht und unangenehme Störungen auftreten, die zur Verärgerung der Fahrgäste führen. Ich finde, heutzutage müsste überall eine vorsorgende Wartung der Infrastruktur stattfinden.

Richtig bekannt geworden sind Sie ja eigentlich mit der S-Bahn-Krise, als 2009 die Deutsche Bahn fast die gesamte S-Bahn-Flotte mal kurzzeitig aus dem Verkehr ziehen musste: Da haben Sie dem Mutterkonzern Deutsche Bahn immer wieder mit sehr deutlichen Worten einen liederlichen Umgang mit dem Tochterunternehmen  vorgeworfen. Hat Sie das enorme Echo auf Ihre Worte zuweilen überrascht?

Zunächst hatte mich überrascht, dass der Konzern ein solches Managementversagen zugelassen hat. Schon vor der Krise hatte ich Anzeichen gesehen, dass sich die Qualität deutlich verschlechterte, und hatte damals den Vorstand der Deutschen Bahn persönlich - und auch Vorstandsmitglieder - informiert, dass man bitte gegensteuere. Es ist nichts passiert. Und dann kam - wie zu erwarten - die Krise. Und da haben wir in aller Schärfe formuliert, dass wenigstens dann alles zu tun sei, um die Schäden zu minimieren. Es hat dann viel zu lange gedauert, bis das S-Bahn-Angebot wieder in ausreichendem Maße bereitgestellt war. Bis heute haben wir nicht die 100 Prozent der bestellten Leistungen. Insofern ist durch das Versagen des Managements bei der Bahn AG viel Schaden angerichtet worden. Dennoch konnten durch die kooperative Zusammenarbeit des Verbunds mit allen Verkehrsunternehmen Ersatzverkehre organisiert werden.

Als Sie damals so scharf gegen die Bahn gewettert haben, wurde immer wieder gesagt, Sie beglichen da alte Rechnungen, weil Sie mal selber bei der Bahn gearbeitet hatten - ist da was dran?

Da ist überhaupt gar nichts dran. Ich bin damals von der Bahn freiwillig in den Verkehrsverbund gewechselt, weil es damals hier einige Probleme gab, weswegen man jemanden wollte, der in verschiedenen Bereichen Erfahrung hatte und die Probleme auch lösen wollte. Ich war zuvor in Privatunternehmen, aber auch in öffentlichen Unternehmen tätig gewesen. Die Anfrage des Headhunters kam damals auch für mich sehr überraschend - und nach einiger Überlegung sagte ich zu. Ich stellte es mir spannend vor in der Gemengelage der Hauptstadtregion tätig sein zu können. Und so wurde ich Geschäftsführer bei der VBB, und dachte überhaupt nicht daran, dass hier irgendwann eine S-Bahn-Krise entsteht und ich dadurch in Verantwortung der beiden Länder dagegen vorgehen musste. Wir haben dann dafür gesorgt, dass die Bahn für diese schlechte Qualität weniger Geld bekommen hat. Das hat sie zwar nicht gefreut und es gab in diesem Kontext auch ein paar persönliche Angriffe auf mich als Geschäftsführer - teilweise auch unter der Decke. Aber das bringt eine solche Aufgabe eben mit sich und jetzt ist das wirklich Schnee von gestern.

Wenn man noch einmal auf den Menschen hinter dem VBB-Chef Franz schaut: Wie würden Sie sich selber beschreiben? Sind Sie lieber unterwegs oder kommen Sie lieber an?

Eigentlich beides. Ich fände es nicht sehr gut, immer nur am Schreibtisch zu sitzen und nur von dort Entscheidungen zu beeinflussen, die möglicherweise gravierende Auswirkungen irgendwo haben, die man gar nicht so einschätzen konnte. Deswegen ist es immer gut, wenn man sich die Dinge vor Ort angesehen hat, mit diesen Verkehrsmitteln unterwegs ist - und ich nutze täglich die öffentlichen Verkehrsmittel.

Sind Sie schon mal schwarzgefahren?

Als Student bin ich auch schon mal schwarzgefahren - aber seit dieser Zeit nicht mehr. Ich finde Schwarzfahren überhaupt nicht in Ordnung, und bedaure, dass ich das damals gelegentlich gemacht habe.

Wen würden Sie denn gerne mal im Zug zufällig treffen und sich mal eine Zugfahrt lang mit ihm oder ihr unterhalten.

Da habe ich eine ganze Reihe von Persönlichkeiten: Ich würde mich freuen, wenn ich beispielsweise Bundestagsabgeordnete, die ja leider rund um die Uhr einen Fahrdienst zur Verfügung haben, öfter in unseren Verkehrsmitteln treffen und vielleicht das eine oder andere Infrastruktur-Problem mit denen bereden könnte. Auch die Bundeskanzlerin würde ich ganz gerne treffen - aber da wären die Sicherheitsprobleme zu groß. Da kann ich verstehen, dass sie mit dem gepanzerten Fahrzeug fährt.

In welchen Lebenslagen trifft denn Ihrer Erfahrung nach das Sprichwort "der Weg ist das Ziel" zu?

Das trifft - glaube ich - für das gesamte Leben zu, dass man niemals stehen bleibt, sondern eigentlich immer auf dem Weg ist, und sich immer die Frage stellt, wie man den Weg gestalten kann, damit er für die anderen und einen selber angenehm ist. Deshalb ist der öffentliche Verkehr für mich auch eine Leib- und Seelen-Aufgabe gewesen. Ich habe das immer sehr gerne gemacht und ich bin dankbar, dass ich hier in der Hauptstadtregion mithelfen durfte, die Aufgabe gut zu gestalten.

Das Interview mit Hans-Werner Franz führte Susanne Gugel

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