Vollversammlung der IHK Potsdam - "Wir sind fassungslos"
Den jeweils neuesten Mercedes-Sportwagen, Präsidiumssitzung auf der Mittelmeerinsel Malta und fünfstellige Aufträge der IHK an das Unternehmen des Kammerchefs - als Potsdamer IHK-Präsident ließ es sich fast zwei Jahrzehnte lang fast wie Gott in Frankreich leben. Doch damit ist nun Schluss, denn die Potsdamer Unternehmervereinigung will ihr Geld vom ehemaligen Kammerpräsident zurück. Von Johannes Frewel
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hat detailliert aufgelistet, was unter den vielleicht etwas klebrigen Händen des ehemaligen Kammerpräsidenten Victor Stimming schief gelaufen war. Seine rechtliche Intervention verhinderte indes, dass Journalisten Einblick in den Prüfbericht nehmen konnten. Christian Gerstädt, neuer stellvertretender IHK-Hauptgeschäftsführer, beschreibt an einem Detail, was dazu führte, dass der geschasste Kammerpräsident seit den 90er Jahren offenbar Geld in seiner Nähe aufsaugte, wie ein Staubsauger. "Es geht hier um eine Form einer Aufwandsentschädigung, die für die Wahrnehmung von Mandaten im Interesse der IHK im Rahmen anderer Gesellschaften stattgefunden hat, die ungewöhnlich ist".
"Selten so verängstigte Mitarbeiter erlebt"
Ungewöhnlich ist es durchaus, wenn ein IHK-Präsident im Aufsichtsrat zweier Landesgesellschaften sitzt, die ihrerseits Mitglied der IHK sind, und sich dafür von Landesgesellschaft und IHK gleich doppelt entschädigen lässt. Der Verdacht sei nun, die geschasste alte IHK-Spitze habe 18 Jahre lang tief verfilzt einen verschworenen Kreis gebildet, sich Privilegien zugeschanzt und Mitarbeiter mit autoritärem Führungsstil eingeschüchtert, beschreibt der neue IHK-Geschäftsführer Manfred Wäsche die Stimmung, die die KPMG-Prüfer kurz hinter der ehemaligen Berliner Mauer in Potsdam jetzt vorfanden. Die Prüfer führten viele Gespräche mit einzelnen Mitarbeitern und kamen laut Wäsche zu dem Schluss, selten so viel eine verängstigte Stimmung in einem Haus erlebt zu haben. An diesem Punkt soll alles besser werden, man wolle die Mitarbeiter wieder mit ins Boot holen.
Neue Leute, mehr Kontrollen
Künftig soll sich alles ändern. Amtszeiten werden begrenzt, Antikorruptionsrichtlinien beschlossen. Transparenz soll gelten und die alte Führungsspitze zumindest zivilrechtlich belangt werden. Die IHK-Mitglieder, allesamt Unternehmer aus dem Kammerbezirk Potsdam, wollen ihr Geld zurück. Schadenersatzforderungen werden nun geprüft. Viele reagieren überrascht auf die Größenordnung des Falls, die die Wirtschaftsprüfer auf den Tisch legten. "Wir sind fassungslos. Viele IHK-Mitglieder fühlen sich hintergangen", sagte Vizepräsidentin Beate Fernengel zu den Vorwürfen der Untreue. "Langjährige personelle Strukturen führten dazu, dass Prozesse nicht so liefen, wie sie sollten", so Gerstädt. Und dass es möglich war, im Alleingang einen Selbstbedienungsladen aus der IHK Potsdam zu machen.
In die Tasche gesteckt hat sich Victor Stimming wohl einiges. Die Frage ist indes, wieviel davon zu Recht? Bei der Tresoröffnung machte die IHK eine überraschende Entdeckung. Offenbar gab es zu bekannten Verträgen in verschlossenem Umschlag auch noch abweichende geheime Zweitfassungen, die die Entscheidung schwierig machen, was dem ehemaligen Kammerpräsidenten zu Recht zustand und was nicht.





