
Neue ICE-Strecke Berlin-München - VBB: Brandenburg verpasst den Anschluss
In 225 Minuten von Berlin nach München - das soll eine neue ICE-Strecke ab 2017 ermöglichen. Allerdings könnten damit weite Teile Brandenburgs abgehängt werden. Der Verkehrsverbund Berlin Brandenburg (VBB) will deswegen am Mittwoch bei seiner Regionalkonferenz Alarm schlagen. Eine mögliche Lösung für den Südosten Brandenburgs: Der Ausbau der Strecke Cottbus-Leipzig. Von Rico Herkner
Die Fertigstellung der ICE-Neu- und Ausbaubaustrecke Berlin-Halle-Erfurt-München wird ab Dezember 2017 zu erheblichen Fahrplanänderungen in der Hauptstadtregion führen. In rund 225 Minuten Fahrzeit verbinden dann beispielsweise ICE-Sprinterzüge Berlin und München.Doch seit Monaten schlagen Fahrgastverbände, der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) und auch Brandenburgs Landesregierung Alarm. Denn viele gut funktionierende Regionalexpresslinien müssen ab Ende 2017 für die neuen ICE-Verbindungen Platz machen. Zudem könnten sich die Umsteigezeiten zwischen Regionalbahnen und ICE auf bis zu eine Stunde ausweiten. Der teuer erkaufte Gewinn durch höhere Geschwindigkeiten wäre durch langes Warten auf den Anschlusszug dahin.
Lausitz und Fläming wurden vergessen
Experten befürchten, dass auf bis zu zwei Millionen Brandenburger und Sachsen mit dem Verkehrsprojekt Verschlechterungen statt Verbesserungen im Zugverkehr zukommen. Die rund zehn Milliarden Euro teure Investition könnte zu Fahrzeitverlängerungen für Fernreisende von und nach Cottbus, Frankfurt/Oder, Dresden sowie Görlitz führen. Fahrgastverbände wie Pro Bahn und IGEB sprechen von einer ineffizienten Investition in schnelle Züge, bei der die Fahrplanauswirkungen in den Regionen Lausitz und Fläming ganz offensichtlich vergessen wurden.
Geht es nach den Fahrplan-Konstrukteuren müssen möglicherweise bald hunderttausende brandenburgische Familien wegen des neuen ICE-Verkehrs ihren Tagesablauf umgestalten: Eine halbe Stunde eher aufstehen heißt es dann. Der Grund ist einfach: ICE-Züge fordern neue Abfahrtzeiten für den Regionalbahnverkehr. Darauf muss sich auch der anschließende Schulbusverkehr einstellen. Die Folge: Schulen, Kindertagesstätten, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen müssten ihren Tag eine halbe Stunde eher beginnen.
VBB fordert Millionen für das Lausitzer Bahnnetz
Landrat Stephan Loge in Lübben bringt das in Rage. Es könne nicht sein, so meint er, dass hunderttausende Familien mit ihren Kindern in Brandenburg dauerhaft eher aufstehen müssten, damit Reisende von Berlin schneller nach München kommen. Kompromisse seien gefordert.
Der VBB sieht eine dauerhafte, tragfähige Lösung nur in Investitionen von mehr als einhundert Millionen Euro in das Lausitzer Bahnnetz. So müsse die Bahnstrecke Cottbus-Leipzig auf 160 Stundenkilometer ausgebaut werden. Von Cottbus zum ICE-Knoten Leipzig in rund einer Stunde sei das Ziel. Planer rechnen dafür mit mehr als 100 Millionen Euro an nötigen Investitionen. Der Bahnhof Königs Wusterhausen benötige einen völligen Umbau, so der VBB. Die dortige S-Bahn müsse Platz machen für ein zweites Fernbahngleis, damit Lausitzer Züge rechtzeitig den ICE-Knoten Berlin erreichen. Eine Verlegung des S-Bahnsteiges in Königs Wusterhausen steht darum in Aussicht.
Struturwandel bleibt auf der Strecke
Auch der immer wieder verschobene Ausbau des Cottbuser Hauptbahnhofs muss aus VBB-Sicht endlich beginnen. Viele der zehn Bahnsteige sollen ICE-tauglich werden. Veranschlagte Kosten bislang mehr als 30 Millionen Euro. Außerdem im Forderungskatalog enthalten ist ein zweites Gleis zwischen Lübbenau und Cottbus, damit Umsteigebeziehungen in Berlin sicher funktionieren. Hier rechnen Planer mit mehr als 50 Millionen Euro.
Sollten diese Lösungen nicht bald in Angriff genommen werden, sieht es schlecht aus für den industriellen Strukturwandel in der Lausitz. Denn wer investiert in eine schlecht erreichbare Region, so fragen Wirtschaftsförderer. Bislang stehen die vom VBB geforderten Projekte nicht im Bundesverkehrswegeplan. Dessen vollständige Umsetzung dauert erfahrungsgemäß mehr als 20 Jahre. Außerdem brauche die Lausitz eine stärkere Lobby im Bund, so meinen Insider. Denn Brandenburgs Süden muss sich mit seinen Investitionsforderungen gegen Bahn-Projekte wie Stuttgart 21, die dringende Anbindung des Hamburger Hafens und die neue Rheintalstrecke von der Schweiz nach Mannheim behaupten. Es wird schwer für Südbrandenburgs Städte und Landkreise für Investoren attraktiver zu werden.

