
ICC schließt Türen für Öffentlichkeit - Panzerkreuzer Charlottenburg
Die Zeit des Berliner ICC scheint vorbei zu sein. Am Sonntag findet die letzte öffentliche Veranstaltung statt. Eines der Wahrzeichen des alten West-Berlin geht derweil einer unsicheren Zukunft entgegen. Nikolaus Bernau schaut auf eine bewegte Geschichte zurück. Außerdem verraten wir die Auflösung des ICC-Quiz.
320 Meter lang, 80 Meter breit, 43 Meter hoch. Das ist das ICC in nüchternen Zahlen. Ein Haus der Superlative, die größte Bühne Europas: Der größte Kongress-Saal hat 5.000 Plätze, ein weiterer bietet 3.000 Plätze. 14.000 Menschen können sich gleichzeitig in den Foyers tummeln. Das ICC ist ein mehrfach ausgezeichneter Messestandort. Und ein architektonisches Unikat - mit exorbitanten Baukosten von einer Milliarde D-Mark auch das bis heute teuerste öffentliche Einzelgebäude Berlins.
"Es hat die Chance, die Pyramiden zu überdauern"
Kongressmaschine wird es genannt. Alu-Monster, Raumschiff Enterprise oder Panzerkreuzer Charlottenburg. Als das ICC am 4. Februar 1979 feierlich eröffnet wird, spottet der damalige Bundespräsident Walter Scheel, eine rheinische Frohnatur:
"Es gab hier ja schon eine Kongresshalle, aber das ist ein kleines Häuschen im Vergleich zu dem Kongresszentrum, das wir hier offiziell einweihen. Dies ist nun keine Halle mehr, dies ist eine ganze Flucht von Hallen und Sälen. Ein Saal jagt gewissermaßen den anderen und das 80 Mal. Beton ist extrem haltbar, und so hat dieses Kongresszentrum gute Chance, hier noch zu stehen, wenn die Cheops-Pyramide möglicherweise schon verwittert ist. Die Berliner haben also genügend Zeit, sich mit ihrem Kongresszentrum zu befreunden."
35 Jahre später wird in der Öffentlichkeit darüber spekuliert, ob das ICC abgerissen werden soll, ob es saniert werden kann und ob es überhaupt noch als Kongress-Zentrum eine Rolle spielen darf.
Nach Asbestfunden in den 1990er Jahren droht dem Gebäude ein ähnliches Schicksal wie dem Palast der Republik. Doch die Entscheidungen laufen anders: 2008 gibt es nach vielem Hin und Her einen Deal zwischen Messe und Senat. Die Deutschlandhalle wird abgerissen, an seiner Stelle entsteht mit dem City-Cube ein modernes Kongress-Zentrum. Das ICC hingegen soll saniert werden. 2012 bekennt sich die Stadtregierung zum Erhalt des Gebäudes, sucht aber gleichzeitig händeringend nach einem Investor. Denn die Kosten für die Sanierung werden mal mit unter 200 Millionen, später dann mit nahezu 400 Millionen Euro angesetzt. Zu viel für die arme Stadt, die sich ja sowieso bei ihren Großprojekten gerne verrechnet.
"Mischnutzung" heißt das Zauberwort. Aber niemand weiß so recht, was das heißt.
Optimal. Und Unflexibel.
Derweil entsteht auf dem Gelände der früheren Deutschlandhalle der City-Cube als modernes Kongresszentrum. Seit Monaten ist zwar klar, dass die Asbestfunde im ICC unbedeutender sind als zunächst angenommen, trotzdem wird die Messegesellschaft das ICC in Zukunft nicht mehr benötigen. Es sei zwar für Kongresse "optimal", findet noch 2012 Michael Hofer, der Pressesprecher der Messe Berlin GmbH. Aber "die Kostensituation ist diejenige, dass man mit den Kongressen, die man im ICC veranstaltet, kein Geld verdient", so der Sprecher. "Denn das Gebäude ist in Instandhaltung und Wartung einfach zu teuer und diese Kosten liegen dann auch der Messe Berlin auf der Tasche."
"Wir mögen an diesem Gebäude nicht, dass es so unflexibel ist. Wir haben zwar zwei gigantisch große Säle, wo man Plena veranstalten kann mit vielen tausend Plätzen, aber diese Möglichkeit ist danach ausgeschöpft."
Nicht als Cash-Cow geplant
Als 1974 das Abgeordnetenhaus über den Bau abstimmt, wird ausdrücklich festgelegt, dass das Land Berlin der damaligen Messegesellschaft etwa 24 Millionen DM im Jahr zur dauernden Betriebsunterstützung zur Verfügung stellen werde. Doch diese Förderung wird immer mehr zurückgeschraubt. Konsequenz: Das ICC macht schon um das Jahr 2000 etwa 30 Millionen DM Verlust.
Dabei ist das ICC niemals nur als wirtschaftlicher Bau gedacht gewesen. Ganz im Gegenteil. Der wirtschaftliche Gewinn wird nicht aus dem Haus selbst erwartet, sondern durch die Umweg-Rentabilität: Die Stadt insgesamt sollte von ihm profitieren, dafür lohnte die andauernde Subvention.

Nachkriegsmoderne und Maschinenarchitektur sind unbeliebt
Heute gelten Bauten wie das ICC und andere in den 70er und 80er Jahren errichtete Gebäude als lästig und kaum erhaltenswert. Das war einmal anders. Landeskonservator Jörg Haspel kann sich noch gut erinnern an die Euphorie, die einmal mit diesen "Maschinenbauten" verbunden war. "Als ich in den 80er Jahren in Stuttgart Architektur und Städtebau studierte, da war natürlich Berlin immer ein wichtiger Ort in der Architekturdebatte." Berlin, das sei ein "kleiner Wallfahrtsort" für Architekturbegeisterte gewesen, erinnert sich Haspel. "Das ICC war die Neuigkeit, die man besuchen konnte. Man war einfach fasziniert davon, dass ein so fremdartiges, neuartiges Gebäude, das ja von weitem schon die Aufmerksamkeit auf sich zieht, gelungen ist und davon ging man inspiriert zurück und hat versucht, das eine oder andere fruchtbar zu machen für das Studium."
Geniales Kunstwerk. Verrostete Blechbüchse.
Die kräftigen Farben, Kunststoffe und Metall als Fassadenmaterialien, die enge Verbindung zwischen Verkehr und Architektur, das Pathos der Großformen. Ein Wahrzeichen?
Die Architektin Ursulina Schüler-Witte schüttelt den Kopf. "Man entwirft keine Wahrzeichen. Ein Gebäude kann ein Wahrzeichen werden aber man entwirf nicht von vornherein Wahrzeichen."
Schüler-Witte hat mit ihrem 2011 verstorbenen Mann Ralf Schüler den Riesenbau des ICC entworfen und kämpft nun leidenschaftlich für ihr Lebenswerk. Denn eigentlich waren die Voraussetzungen für dieses Kongresszentrum denkbar ungünstig, erinnert sich die alte Dame. "Dieses Gelände, auf dem es jetzt steht, war ursprünglich mal ein Parkplatz. Es war viel zu schmal. Der Messedamm ist noch um 30 Meter verschwenkt worden, damit es überhaupt Platz hat - und es war vom Verkehr umtost und das sind alles ganz schlechte Voraussetzungen für ein Kongresszentrum und dadurch musste erstens ein ganz anderer Typ entwickelt werden, nämlich ein lang gestrecktes Gebäude - und dann wurde eine Haus-in-Haus-Konstruktion gemacht, um den Lärm zu absorbieren."
Ein kompliziertes Haus: Beton- und Stahlkonstruktion extra gelagert, dazu die Hülle. Ein Kunstwerk, sagt die Architektin. "Das Gebäude hat ja eine so genannte diaphane Wand. Diaphane Wände gab es in der Gotik: zweischalige Wände - die äußere, eine mit viel Dekor versehene Wand und die innere Wand eine tragende Wand. Und so etwas ähnliches ist das hier auch mit roten Wellblech und davor ist diese Lamellenkonstruktion, die auch den Zweck der leichten Reinigung hat. Das sind nämlich drehbare Lamellen."
Eigentlich, so sagt die Architektin verärgert, hätte das ICC mit geringem Wartungsaufwand immer tiptop aussehen können und nicht wie eine "verrostete Blechbüchse", mit Moos in den Fugen, Gras an den Treppenstufen und schlierendem Dreck auf der Silberhaut.

Die Stadt ist arm, andere Projekte sexier
Also weg damit? Das ist politisch momentan nicht machbar, obwohl der Bau noch nicht einmal unter Denkmalschutz steht.
Konservieren, um es dann nicht zu nutzen? Auch das ist politisch sicher unklug.
Ein Umdenken etwa in Richtung Zentral- und Landesbibliothek ist auch nicht in Sicht, obwohl sich Architekten darüber schon ernsthaft Gedanken gemacht haben. Die bisherigen Planungen und vor allem der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit bleiben beim Tempelhofer Feld. Neubauen ist mit mehr Prestige verbunden als umbauen.
Umgang mit dem Bauerbe der Elterngeneration
Nach gut dreißig Jahren Nutzung könnte das ICC also in eine Art Dornröschenschlaf verfallen. Und damit wäre der in der Architekturgeschichte gut bekannte Generationenkonflikt auch hier deutlich: Die Bauten der Elterngeneration werden von heutigen Entscheidungsträgern wenig geschätzt.
Die Kunsthistorikerin Kerstin Wittmann-Englert sieht den Wandel aber bereits kommen:"Unsere Studierenden finden das ICC heute brillant, sie finden es schick. Die Frage ist: Wer sagt, was er schön findet und wie lange hat dieses Urteil dann Dauer? Geschmack ist unglaublich schnell vergänglich, und das ist nichts, was uns leiten sollte in der Beurteilung einer Architektur, der wir zeitlich noch so nah sind."
"Der letzte Schrei in Stereo"
Inzwischen ist das Centre Pompidou, die große Schwester des ICC in Paris, sorgfältig restauriert worden, stehen das Lloyds-Haus in London, das Aachener Klinikum und die Bochumer Universität unter Denkmalschutz. Ständig erscheinen neue Bücher zur Architektur der Nachkriegszeit. Berlin hinkt derweil in der Entdeckung seiner Nachkriegsmoderne und der Maschinenarchitekturen stark hinterher.
Schade für das ICC. Dabei lobte Ephraim Kishon auf seine Weise seine Ästhetik schon 1979 geradezu emphatisch. "Bitte missverstehen Sie mich nicht: Ich finde das Kongresszentrum ausgesprochen hübsch. [Lachen] Es ist klein aber herzig [lautes Lachen]. Ich könnte auch intim sagen. Es ist auch sehr modern, der letzte Schrei in Stereo."




