Thomas Krüger in der Hamburger Hafen City (Foto: Kathrin Harms)

Stadtplaner Thomas Krüger im Interview - "Die Zeit der Shopping-Malls ist vorbei"

Ein neuer Supertempel des Konsums: Warum das eine riskante Investition ist und warum Berlin damit dem allgemeinen Trend hinterherhinkt - ein Gespräch mit dem Stadtplanungsforscher Thomas Krüger über Verdrängung, gewachsene Einkaufsstraßen und die Konkurrenz durch das Internet.

Herr Krüger, die "Mall of Berlin" ist das zehnte Einkaufszentrum für Berlin Mitte. Braucht die Stadt an dieser Stelle – direkt neben den Potsdamer Platz Arkaden und unweit der Friedrichstraße – wirklich noch ein weiteres, riesiges Center?

In Berlin passiert erst seit 1990 etwas, was in anderen Städten schon längst abgeschlossen ist: eine Entwicklung hin zur Mitte. Berlin hat historisch eine dezentrale Struktur. Der Handel war nicht im Zentrum der Stadt zuhause, wie das in Städten wie Hamburg, Frankfurt oder Köln der Fall ist: In der Mitte Berlins gab es hauptsächlich Regierung und Ministerien. Durch die jahrzehntelange Teilung hat sich diese Struktur verstärkt. Und nun fördert die Politik offenbar eine Stärkung der neuen Mitte Berlins. Deshalb siedelt dort immer neuer Einzelhandel und entstehen die vielen Einkaufscenter  – vom Alexa zu den Potsdamer Platz Arcaden bis zur neuen "Mall of Berlin".

Was hat das für Folgen?

Die Center in der so genannten "Neuen City" treten in Konkurrenz zu den historisch gewachsenen lokalen Zentren in den Bezirken und Stadtteilen, die vor allem im ehemaligen Westen der Stadt bestehen. Das führt zu einem verschärften Wettbewerb.

Die Menschen sollen nun nicht mehr in ihren Bezirken einkaufen, sondern in das Zentrum von Berlin fahren?

So würde es natürlich kein Politiker formulieren. Das Ziel ist, die Innenstadt, die neue Mitte Berlins zu stärken – ohne die anderen Zentren nachhaltig zu schwächen. Aber da ein Euro nur einmal ausgegeben werden kann und durch die neuen Center kaum neue Kunden von außerhalb Berlins kommen werden, führt das natürlich zu einer Umverteilung.

Wer werden die Leidtragenden sein?

Möglicherweise werden die Kunden künftig statt zum Beispiel in die Spandau Arkaden in die neue Mitte fahren, weil sie dort ein intensiveres Angebot genießen. Darunter leidet die gewachsene Geschäftslage in Spandau - wie auch in den anderen Bezirken. Und noch mehr die Geschäfte der Nebenlage, die also eher am Rand des Einkaufsbereichs liegen. Die Ränder werden abbröckeln.

Gibt es immer noch eine Tendenz weg von der klassischen Einkaufsstraße hin zur Shopping Mall?

Nein, diese Entwicklung scheint zu stagnieren. In den USA, die als erste das Prinzip der Mall perfektioniert haben, geht der Trend sogar schon wieder in die entgegengesetzte Richtung. Die Shopping Center sind völlig austauschbar geworden und haben für die Bevölkerung an Reiz gegenüber einem vielfältigeren urbanen Raum verloren. Man baut dort neuerdings wieder die europäische Stadt nach. Also offene Strukturen mit Straßen, Plätzen und Grünflächen. Diese Entwicklung kommt auch langsam in Europa und Deutschland an. Der Höhepunkt der Shopping-Center ist offenbar vorüber. Ich glaube nicht, dass aktuell noch jemand den Mut hat, in eine weiteres großes Einkaufszentrum zu investieren. Die "Mall of Berlin" wird eine der letzten Giganten dieser Art sein.

Und was passiert dann?

Der große Konkurrent des stationären Handels ist das Internet. Wenn das Ladengeschäft oder das Kaufhaus in Zukunft eine Chance haben will, muss es mehr Erlebnis bieten. Da wird die große, geschlossene Mall mit der Einheits-Musik, dem Einheits-Klima und den Einheits-Geschäften nicht mehr ausreichen. Es wird eine größere Vielfalt geben müssen.

Also wieder die Einkaufsstraße?

Ja, vielleicht geht es zurück zur Geschäftsstraße mit der ein oder anderen intelligenten Passage und Großfläche. Das heißt natürlich nicht, dass die Malls morgen abgerissen werden. Aber man sieht in der Immobilienszene, dass die Investoren vorsichtig werden. Der Markt ist weitgehend besetzt, wir befinden uns in einem Verdrängungswettbewerb. Auch die neue "Mall of Berlin" wird mit anderen Centern um den Umsatz kämpfen – und nicht zusätzlichen erzeugen.

War es also riskant von Harald Huth, in Berlin ein derartig gigantisches Zentrum hinzusetzen?

Das Angebot in dieser neuen Mall ist eher durchschnittlich und unterscheidet sich in der Zusammensetzung kaum von anderen Einkaufszentren. Es gibt hier kein exklusives, besonderes Angebot, sondern die Mall besticht in erster Linie durch ihre Größe und die Masse des Angebots. Ohne besonderes Profil bleibt es jedoch nur eine Mall unter vielen. Das kann kritisch werden, wenn man an einem hochwertigen und teuren Standort, an dem auch noch kaum Bevölkerung wohnt, so viel Geld investiert hat.

Der Erfolg ist nicht garantiert.

Mit Sicherheit nicht. Zumal das Alexa nicht unattraktiv ist, deutlich mehr Bevölkerung im unmittelbaren Einzugsbereich hat, und es immer noch die Potsdamer Platz Arkaden gibt und eine Menge leistungsfähiger Bezirkszentren. Die werden der neuen Mitte genauso Konkurrenz machen wie es umgekehrt der Fall ist. Wie gesagt: Sie alle stehen vor einem Verdrängungswettbewerb.

Trotzdem hat Berlin diesem Projekt zugestimmt, in dem Bewusstsein, dass drumherum schon eine Menge existiert. Sieht so verantwortungsvolle Stadtplanung aus?

Die Stadtplaner kümmern sich kaum um die Ziele des Handels und der Investoren, sondern geben ihnen Rahmen vor. Und in der Berliner Stadtentwicklung steht offenbar im Vordergrund, die geographische Mitte Berlins als Handelsstandort zu stärken. Die Mitte zu stärken, folgt einer Metropolen-Logik.  Andere Großstädte wie Köln und Hamburg, aber auch London, Paris und Moskau haben gerade in ihrer Mitte ein starkes Einzelhandelsangebot. Der Erfolg oder Misserfolg der Shoppingcenter dagegen ist nicht Sache der öffentlichen Planung. Aber natürlich führt das zu einem Wettbewerb mit den bereits vorhandenen  Standorten. Vermutlich kommt kaum ein einziger zusätzlicher Tourist nach Berlin, weil es dort jetzt die "Mall of Berlin" gibt. Also findet eine interne Umverteilung statt.  Die Mitte wird gestärkt und damit werden automatisch die bisherigen dezentralen Strukturen geschwächt.

Wieviel Mitspracherecht haben die Bürger bei dieser Entwicklung?

Diese großen Projekte werden im Rahmen von Planverfahren verhandelt und beschlossen. Diese sind sehr komplex und es gibt viele Mitsprachemöglichkeiten. Ob die Stimmen der Bürger am Ende durchschlagen im Verhältnis zu anderen Argumenten – zum Beispiel dem, Berlin im Metropolenwettbewerb zu stärken – das ist letztlich Sache der politischen Abwägung.  Aber Bürgerinnen und Bürger sowie Einzelhändler, die Konkurrenz befürchten, können sich natürlich in dem Verfahren äußern. Aber am Ende wird jedoch politisch entschieden.

Beitrag von Friederike Schröter