Warnstreik der Lokführer in Berlin und Brandenburg (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 08.10.2014 | Reiner Lechner

Nach dem Lokführer-Streik - Gewerkschaft macht weiter Druck auf die Bahn

Nach dem Streik der Lokführer kam es in Berlin und Brandenburg noch den ganzen Tag über zu Verspätungen und Zugausfällen. Erst am Mittwochabend lief der Verkehr wieder weitgehend normal. Während sich zehntauende von Fahrgästen ärgerten, zog die Lokführer-Gewerkschaft eine positive Bilanz: Bis zu 90 Prozent der Verbindungen waren ausgefallen. Für den Fall, dass die Bahn nicht auf ihre Forderungen eingeht, droht die GdL mit weiteren Streiks.

In Berlin und Brandenburg hat sich der Lokführer-Streik in der Nacht zu Mittwoch noch weit bis in den Tag ausgewirkt. Zahlreiche Züge fuhren nicht - oder nur deutlich verspätet. Erst am Nachmittag sei der Verkehr auf fast allen Strecken wieder weitgehend regelmäßig gewesen, sagte ein Bahnsprecher. Einzelne Zugausfälle gab es vor allem noch bei der S-Bahn.

Auch am Abend wurden die Fahrgäste noch aufgefordert, in Einzelfällen auf U-Bahn, Straßenbahn und Busse auszuweichen. Die S-Bahn-Linien S25 und S75 verkehrten nur im 20-Minuten-Takt, hieß es auf der Website der S-Bahn. Auf den Linien S45 und S85 gebe es derzeit keinen Zugverkehr.

Auch im Brandenburger Regionalbahnverkehr kam es Stunden nach dem Streik noch immer zu Verspätungen. Der Fernverkehr könnte noch bis zum Abend behindert sein, sagte ein Konzernsprecher in Berlin.

Aus GdL-Sicht fällt die Streikbilanz positiv aus

Die Streik-Bilanz der Gewerkschaft der Lokführer (GdL) fällt positiv aus. 80 bis 90 Prozent des Bahn-Verkehrs seien zum Erliegen gebracht worden, sagte GdL-Chef Claus Weselsky dem rbb. Er forderte die Bahn auf, im Tarifstreit neue Angebote zu machen. Sollte die Bahn der GdL nicht entgegenkommen, werde es weitere Streiks geben.

Die Lokführer hatten in der Nacht und am Morgen neun Stunden lang gestreikt. Es war der erste reguläre Streik der laufenden Tarifrunde bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer. Außer den Lokführern waren auch Zugbegleiter, Bordgastronomen sowie Disponenten dazu aufgerufen, die in den Leitzentralen Züge und Personal koordinieren. Die Lokführer-Gewerkschaft kämpft dafür, auch für diese Kollegen Tarifverhandlungen führen zu können. Sie verlangt für die
Beschäftigten fünf Prozent mehr Geld und eine um zwei Stunden verkürzte Wochenarbeitszeit.

"Aufgrund von Streiks der GDL ist der Zugverkehr ist stark beeinträchtigt." steht am 08.10.2014 auf der Anzeige der S-Bahn an der Station Potsdam Hauptbahnhof (Quelle: rbb/Brockhausen).
Anzeigetafel im Potsdamer Hauptbahnhof - viele Regionalbahnen fahren nur verspätet

Berufsverkehr stark beeinträchtigt

Der Lokführer-Streik hatte am Dienstagabend um 21 Uhr begonnen und war um 6 Uhr morgens zu Ende gegangen. Wie Burkhard Ahlert, Sprecher der Deutschen Bahn Berlin/Brandenburg, dem rbb bestätigte, waren im Regionalverkehr bis zu 90 Prozent der geplanten Fahrten ausgefallen. Allerdings habe die Bahn bei der S-Bahn vor allem auf den Außenstrecken Schienenersatzverkehr mit Bussen anbieten können.

Achim Stauß, Sprecher der Deutsche Bahn AG sagte dem rbb, den wirtschaftlichen Schaden könne das Unternehmen noch nicht beziffern. Schwieriger als die finanzielle Seite sei aber der Vertrauensverlust, da sich die Kunden nicht mehr darauf verlassen könnten, dass ihr Zug fährt.

Am Morgen setzte sich der Schienenverkehr nur langsam wieder in Bewegung. Nach Bahnangaben standen viele Züge nicht dort, wo sie um diese Zeit benötigt wurden - sondern da, wo sie zu Streikbeginn am Dienstagabend abgestellt worden waren. Es habe etwas gedauert, alles in Gang zu bringen, sagte der Bahnsprecher. Zum Teil seien S-Bahn-Fahrer mit Autos zu ihren Zügen gebracht worden.

Viele Pendler stiegen in dieser Situation aufs Auto um. Auf wichtigen Straßen stadteinwärts gab es daher kilometerlange Staus. Hinzu kam ein Unfall im Flughafentunnel Tegel. Ab Stolpe bildete sich ein Stau stadteinwärts, der zu Verzögerungen von eineinhalb Stunden führte. Weitere Staus entstanden in Tempelhof, in Britz und in Spandau.

Voller Treppenaufgang im U-Bahnhof Alexanderplatz am 08.10.2014 (Quelle: rbb/Rehmann)
Die BVG musste den Berufsverkehr abfedern - entsprechend voll waren die Bahnhöfe bereits vor 6 Uhr

Tausende Bahnkunden gestrandet

Die GdL hatte angekündigt, Züge nicht mitten auf der Strecke zu stoppen. Stattdessen sollte der nächstgelegene Bahnhof angesteuert werden. Viele Bahnreisende strandeten aber dennoch. Auch etwa 100 Fernzüge konnten in der Nacht nicht fahren. Im Berliner Hauptbahnhof harrten die Passagiere in Schnellrestaurants und in den Gängen vor den WCs aus. Laut Bahnsprecher Ahlert mussten einige sogar in den Zügen übernachten. In manchen Fällen habe die Bahn versucht, die Passagiere mit Taxi-Gutscheinen an ihr Ziel zu bringen.

Bahnsprecher Jürgen Kornmann hatte vor dem Ausstand darauf hingewiesen, dass auch bei Streiks die gesetzlichen Regelungen für Entschädigungen gelten. Bei Verspätungen ab einer Stunde würden 25 Prozent des Fahrpreises erstattet, bei Verspätungen von zwei Stunden oder mehr seien es 50 Prozent.

BVG setzte längere U-Bahn-Züge ein

Die S-Bahn hatte dazu geraten, auf Busse, Straßenbahnen und die U-Bahn auszuweichen. Laut Petra Reetz, BVG-Sprecherin, konnten U-Bahnen und Straßenbahnen zwar kaum schneller getaktet werden, dafür sei aber versucht worden, längere Züge einzusetzen.

Fahrgäste konnten sich über eine kostenlose Service-Hotline mit der Nummer 08000 996633 und via Twitter über Einschränkungen im Betrieb informieren. Über die Apps der Bahn war auch eine Fahrplanauskunft möglich. Fahrgäste sollten darauf achten, bei den Suchoptionen die Häkchen bei "S-Bahn" und "Regionalverkehr" herauszunehmen.

Reisende, die beispielsweise zum Flughafen Schönefeld mussten, sollten die U-Bahnlinie 7 bis Rudow und von dort den Bus X7 bis zu den Terminals nehmen. Wer zum Berliner Hauptbahnhof musste, konnte ebenfalls auf den Bus (Linie 147) oder die U-Bahn (U55) ausweichen. Auch der Zentrale Omnibusbahnhof am Messedamm konnte alternativ zur S-Bahn mit dem Bus (Linie 104) oder mit der U2 (Station Kaiserdamm) erreicht werden.

Bahn-Konkurrenz freut sich

Profiteure vom Arbeitskampf sind die Fernbusse. Sie verzeichnen nach einem Bericht des "Tagesspiegel" eine steigende Nachfrage. Zwischen sieben und elf Prozent mehr Tickets konnte demnach zum Beispiel Marktführer "Mein Fernbus" in der gesamten Woche bei den Nachtbuslinien verzeichnen. Geschäftsführer André Schwämmlein sagte dem Blatt, sein Unternehmen merke sofort, wenn es Unsicherheiten bei der Konkurrenz gebe. Allein am vergangenen Wochenende habe "Mein Fernbus" 15 Prozent mehr Menschen befördert. Für die kommenden Tage hätten die Kunden häufiger als sonst sehr frühe Fahrten und verstärkt Nachtbusse gebucht. Sein Unternehmen könne kurzfristig mehr Busse auf die Straße bringen, aber trotzdem seien einige Linien am Wochenende bereits ausgebucht.

Neben den Bussen haben auch die Mitfahrzentralen und Mitwagen-Verleiher Gewinner des GDL-Streiks, ebenso die Fluggesellschaft. Bei Air Berlin verzeichne man deshalb ebenfalls einen Anstieg der Buchungen. Ein Sprecher sagte, das sei immer so, sobald ein Streik angekündigt wurde.

Gewerkschaften rivalisieren bei Machtverteilung

Die Lokführergewerkschaft GdL wollte mit dem Streik den Druck auf die Bahn im laufenden Tarifstreit weiter erhöhen. Die Gewerkschaft fordert fünf Prozent mehr Geld und eine von 39 auf 37 Stunden verkürzte Wochenarbeitszeit. Verhandlungen darüber scheiterten jedoch daran, dass die GDL nicht nur für die Lokführer, sondern auch für das übrige Personal im Zug verhandeln will, etwa für Zugbegleiter und Speisewagen-Mitarbeiter. Die Bahn lehnt das ab.

Die GdL rivalisiert mit der größeren der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). In der vergangenen Woche war nach den bisherigen Warnstreiks eine GdL-Urabstimmung über reguläre Streiks zu Ende gegangen. 91 Prozent der Mitglieder hatten für den Arbeitskampf gestimmt.

Fahrgastrechte bei Warnstreiks

  • Kann ich mein Ticket zurückgeben?

  • Bekomme ich bei Zugausfällen mein Geld zurück?

  • Bekomme ich eine Entschädigung für Verspätungen?

  • Wie kann ich eine Entschädigung beantragen?

  • Kann ich einen anderen Zug nehmen, wenn meine Verbindung ausfällt?

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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