Pflegekräfte streiken am 24.06.2015 in Brandenburg an der Havel (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Video: Brandenburg aktuell | 24.06.2015 | Tim Jaeger

Berliner und Brandenburger beteiligen sich an "Protestkette" - Pflegekräfte an über 30 Kliniken fordern mehr Personal

Etwa 162.000 Stellen fehlen Gewerkschaftern zufolge an deutschen Krankenhäusern. Deshalb hatte Verdi ebenso viele Beschäftigte aufgerufen, vor den Kliniken eine "Protestkette" zu bilden. Allein in Berlin und Brandenburg machten Mitarbeiter aus über 30 Häusern mit.  

Mit einer bundesweiten Protestaktion hat die Gewerkschaft Verdi am Mittwoch auf die Personalknappheit in deutschen Krankenhäusern aufmerksam gemacht. Nach ihren Berechnungen fehlen an den Kliniken insgesamt 162.000 Arbeitsplätze - 70.000 allein in der Pflege. Um diese drastische Unterbesetzung sichtbar zu machen, rief Verdi Klinik-Beschäftigte dazu auf, vor ihre Krankenhäuser zu treten und mit Nummernkarten von 1 bis 162.000 die Zahl der fehlenden Stellen zu zeigen.

Am Berliner Charité-Standort Wedding beteiligten sich laut Verdi etwa 400 bis 500 Mitarbeiter an der Aktion. Am Städtischen Klinikum Brandenburg/Havel waren es etwa 100 Mitarbeiter - Krankenschwestern, -pfleger, Ärzte -, die ihrem Unmut Luft machten, wie eine rbb-Reporterin berichtet. Insgesamt wollten in Berlin und Brandenburg Beschäftigte von etwa drei Dutzend Kliniken an der "Protestkette" teilnehmen. Bundesweit waren es rund 1.000 Krankenhäuser.

"Wir sind immer wieder in Situationen, wo die Pflege an den Rand dessen kommt, was man vertreten kann", sagte Markus Deckert, Arzt am Klinikum Brandenburg / Havel, dem rbb. Krankenschwester Sabine Podey-Preuß schilderte dem rbb, was der Personalmangel praktisch bedeutet: "Es kommt immer wieder vor, dass ich im Spätdienst alleine bin mit 18 Patienten auf einem Flur", so Podey-Preuß. Wenn eine Schwester auf der Station krank sei, breche der gesamte Dienstplan zusammen. "Wir überlegen oft, was lässt man weg. Das fängt bei der Händedesinfektion an, die einfach nicht vernünftig gemacht wird, das ist leider so."

Ziel: Gesundheitsminister zu Regelung drängen

Laut Brandenburger Gesundheitsministerium wird sich der Bedarf an Pflegekräften in Brandenburg bis 2030 fast verdoppeln. Denn die Kliniken hätten mit immer pflegeintensiveren Patienten zu tun. Außerdem mache sich Brandenburg auch dafür stark, dass "die vom Bund derzeit vorbereitete Krankenhausreform einen Investitionsfonds enthält, [...] der weitere Finanzmittel eröffnet, die insbesondere zur Umstellung von Krankenhäusern auf die Herausforderungen der demographischen Entwicklung eingesetzt werden können."

Ziel der Gewerkschaft war es, die Gesundheitsminister des Bundes und der Länder, die am Mittwoch in Bad Dürkheim tagten, zu einer gesetzlichen Regelung der Personalausstattung zu drängen.

Bundesregierung will 7.000 neue Stellen - laut Gewerkschaft viel zu wenig

Dieser Forderung schlossen sich sowohl die Charité, dessen Pflegepersonal derzeit unbefristet streikt, als auch die Gewerkschaft Verdi an. Beide sehen in dem Konflikt die Bundesregierung in der Pflicht. 660 Millionen Euro für zusätzliches Pflegepersonal will das Kabinett laut einem Gesetzesentwurf bewilligen. Doch damit ließen sich in den nächsten drei Jahre nur maximal 7.000 neue Jobs finanzieren, so die Kritik. Das seien zwei bis drei Pflegekräfte pro Krankenhaus - viel zu wenige, kritisiert die Gewerkschaft. Nötig wären pro Krankenhaus durchschnittlich 35 zusätzliche Stellen, also mehr als zehnmal so viele.

Auch der Charité-Vorstand argumentiert, dass die Streikforderungen an der Charité alle Krankenhäuser in Deutschland beträfen und deshalb auf bundespolitischer Ebene geklärt werden müssten. Die Senatsverwaltung für Bildung und Wissenschaft teilte am Dienstag mit, man habe im Bundesrat einen Antrag eingebracht, wonach der Bund mehr Geld für die Pflege bereitstellen soll.

Verband für Pflegeberufe unterstützt Streik

Auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) sieht den Bund in der Pflicht. "Dass die laufenden Tarifverhandlungen nun eskalieren, hat allein die Bundesregierung zu verantworten", sagte Sprecherin Johanna Knüppel. Der Verband unterstütze die Forderungen nach mehr Pflegepersonal und gesetzlich definierter Pflegepersonalbemessung für bettenführende Stationen. "Der Entwurf des Krankenhaus-Struktur-Gesetzes ist entsprechend abzuändern", ergänzte Knüppel.

Mit Informationen von Annette Miersch und Tim Jäger

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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