Holger Nickel vor seinen zwei neuen Backoefen. (Quelle: rbb/Tina Friedrich)

Ein Jahr Mindestlohn in Nauen - "Ich musste niemanden entlassen"

Besorgt und skeptisch waren die Menschen in Nauen im Havelland vor gut einem Jahr angesichts des Mindestlohns. Besorgt, dass Läden dicht machen müssen. Skeptisch, ob alle ihren Job behalten. Ein Jahr später hat Bäckermeister Holger Nickel gut lachen. Auch wenn das erste Jahr mit dem Mindestlohn nicht immer leicht war. Von Tina Friedrich

In der Mittelstraße in Nauen riecht es von weitem schon nach frisch gebackenen Brötchen. Die kleine gelbe Markise flattert im eisigen Wind. Warmes Licht strahlt durch das Schaufenster auf den Asphalt. Holger Nickel lacht immer noch genauso schelmisch wie vor gut einem Jahr.

Dabei ging es damals um seine Existenz. Die Einführung des Mindestlohns stand kurz bevor. Es war ein wichtiges Jahr für den Bäckermeister aus Nauen im Havelland. Er musste die Preise erhöhen, renovieren und eigentlich auch kürzer treten wegen der Gesundheit. Heute arbeiten immer noch alle Mitarbeiter in seinem Betrieb. Alle drei Filialen gibt es noch. Holger Nickel hat gute Gründe zu lachen.

Die Existenz des Betriebes steht auf dem Spiel

Holger Nickel, Oktober 2014

Mehr Lohn für jeden dritten Mitarbeiter

Er führt seinen Bäckereibetrieb in der fünften Generation. 24 Mitarbeiter beschäftigt er in der Bäckerei, dem Altstadtcafé und der Verkaufsstelle im Krankenhaus der Kleinstadt. Vor einem Jahr verdiente ein Drittel davon weniger als den Mindestlohn. "Den Leuten steht es zu und sie sollen es bekommen. Aber die Existenz des Betriebes steht auf dem Spiel", sagte er damals, im Herbst 2014, als über den Mindestlohn vor allem viel Bedrohliches berichtet wurde. Seit dem 1. Januar 2015 verdienen alle mindestens die gesetzlich vorgeschriebenen 8,50 Euro in der Stunde. Doch die höheren Löhne haben ihren Preis.

Rosinenbroetchen auf einem Blech in der Baeckerei von Holger Nickel. (Quelle: rbb/Tina Friedrich)
Brötchen kosten bei Holger Nickel jetzt 5 Cent mehr, Brot 25 Cent mehr.

Die Kunden der Bäckerei müssen seither mehr bezahlen. Ein Brötchen kostet jetzt 5 Cent mehr, ein Brot etwa 25 Cent mehr. Damit liege er im Vergleich mit den anderen Bäckern in Nauen gut im Schnitt, sagt Nickel. Die größere Konkurrenz seien ohnehin schon seit einigen Jahren die Discountbäcker, die Brötchen um fast die Hälfte verkaufen.

Der Mindestlohn hat ganz schön reingehauen. Aber ich habe das durchgerechnet.

Holger Nickel, Januar 2016

"Der Mindestlohn hat schon reingehauen. Ich habe das durchgerechnet und hatte keine Wahl als die Preise zu erhöhen. Teilweise war das schon mehr als eine bloße Anpassung", sagt er. Doch er musste niemanden entlassen. Die zusätzlichen Einnahmen decken die höheren Lohnkosten einigermaßen ab. Und die Kunden kommen weiterhin. "Ich habe meine Mitarbeiterinnen gebeten, jede Frage dazu offen und ehrlich zu beantworten: Der Meister musste die Preise erhöhen, weil er uns den Mindestlohn bezahlt." Drei Monate lang sei es schwierig gewesen. "Dann haben es alle Kunden verstanden."

Ein Jahr zuvor

Bäcker in Nauen (rbb/Friedrich)

                          

Die Preise anzuheben, ist riskant.

Claudia Seeligmann, Oktober 2014

Kunden haben Verständnis für höhere Preise

Eine überraschende Erkenntnis auch für Claudia Seeligmann von der Kreishandwerkschaft Havelland. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass branchenübergreifend Kunden die Preiserhöhungen so klaglos hinnehmen würden. "Ich habe gestaunt, dass die Kunden ihren angestammten Läden treu geblieben sind, gerade bei den Bäckern. Aber wenn man das offen anspricht, verstehen es die Leute auch."

Ich habe gestaunt, dass die Kunden ihren Läden treu geblieben sind.

Claudia Seeligmann, Januar 2016

Entgegen der Befürchtungen musste in der Region auch kein Betrieb wegen des Mindestlohns schließen oder ein Handwerk deswegen abgemeldet werden, sagt sie. "Es gab auch keinen spürbaren Stellenabbau wegen des Mindestlohns. Im Gegenteil, gerade im Bereich des Lebensmittelhandwerks suchen die Betriebe Mitarbeiter." Und das, obwohl das die Branche ist, die der Mindestlohn am stärksten getroffen hat. Auch die Friseure seien betroffen, am wenigsten musste das Bauhandwerk leiden, sagt sie. Dort bezahlten bereits vor einem Jahr die Meisten Löhne auf Tarifniveau.

Veränderungen, aber nicht wegen des Mindestlohns

Auch Saskia Dembiany von der Frisierstube Lock'n'Roll hat ein ereignisreiches Jahr hinter sich. Sie hat ihren großen Laden aufgegeben und ist in einen kleineren gezogen, der allerdings an der Hauptstraße besser liegt. Sie verlangt für einen Haarschnitt inzwischen einen Euro mehr als vor gut einem Jahr. Sie zahlt aber auch einen Euro mehr Lohn pro Stunde, seit 1. August.

Weder der Umzug, noch die Preiserhöhung hätten mit dem Mindestlohn zu tun, sagt sie. Ihr Vater habe das Haus mit dem Ladenlokal gekauft, und nach zwei Jahren Selbständigkeit mit unveränderten Preisen sei die Preissteigerung in diesem Umfang ganz normal. Immer noch hat sie zwei Angestellte. Es gehe ihr gut, sagt sie und öffnet der nächsten Kundin die Tür.

Lob und Anerkennung statt Gehaltsabstand

Bäcker Holger Nickel hat von einem guten Sommer profitiert, erzählt er. Danach war er aus dem Gröbsten raus. Vor allem das Altstadtcafé brachte genug Umsatz, um schwierige Zeiten aus dem ersten Halbjahr wettzumachen.

Der Bäcker ist stolz, dass er niemanden entlassen musste. "Ich brauche jeden einzelnen von ihnen." Nur das Gehaltsgefüge in seinem Betrieb habe sich geändert. Wo der Gehaltsabstand zwischen den besser und schlechter qualifizierten Mitarbeitern bisher ein paar Euro betrug, sei er jetzt eigentlich zu gering, sagt Nickel. "Ich würde der ein oder anderen gerne mehr bezahlen. Das hat auch mit Motivation zu tun." Stattdessen gibt es Geburtstagsfeiern, Geschenkkörbe oder Gutscheine – und Lob und Anerkennung. Es ist eines der Ziele für das kommende Jahr: Diejenigen, die, wie er sagt,  "das Klavier nicht nur tragen sondern spielen", wieder besser zu bezahlen.

Je ländlicher die Gegend, desto schwieriger die Preiserhöhung.

Ingo Thalmann, Oktober 2014

Mit den Preisen steigt der Anspruch

Eine ähnliche Entwicklung hat auch Ingo Thalmann von der Landesinnung der Friseure in Brandenburg beobachtet. Stellen seien in der Region kaum abgebaut worden, aber die Zahl der Stunden hätte sich teilweise stark verändert, sagt er. "Wir können die Preise nur so lange erhöhen, wie sie die Kunden noch bezahlen. Dafür erwarten sie aber auch einen modernen Haarschnitt und einen Termin zu fast jeder Tageszeit." Die höheren Ansprüche der Kunden wirken sich direkt auf die Arbeitszeit aus, erklärt er den Zusammenhang. "Wenn nur ein Standardschnitt geboten wird, kann es sein, dass eine Friseurin nicht mehr so nachgefragt wird. Sie trotzdem im gleichen Umfang zu beschäftigen, wird dann teuer für den Meister."

Stellen wurden nicht abgebaut, aber Arbeitszeit verringert.

Ingo Thalmann, Januar 2016

Ein Mittel auch, um die Spreu vom Weizen zu trennen: Wer die Leistung, die Flexibilität und die Kreativität nicht mehr in den Betrieb einbringt, werde in einigen Betrieben eben von der Vollzeit- zur Teilzeitkraft. "Qualifiziertes Personal zu bekommen ist ohnehin schwierig", gibt Thalmann zu bedenken. Auch deshalb würden einige Stellen nicht abgebaut.

Die kommenden sechs Jahre müssen sich lohnen

Im Herbst hatte Bäcker Nickel seinen Betrieb so weit konsolidiert, dass er endlich die Anschaffung tätigen konnte, auf die er bereits ein Jahr zuvor hingearbeitet hatte. Zwei nagelneue Backöfen aus Edelstahl. "Das war einfach notwendig. Die alten Öfen hatten nach 25 Jahren ihren Dienst getan." Etwa 120.000 Euro habe ihn das gekostet, die muss er nun über die kommenden sechs Jahre abbezahlen. So lange muss das Geschäft weiter so gut laufen wie bisher. Die Filiale im Krankenhaus lohnt sich inzwischen, das Café ist gut besucht. Dafür schließt die Filiale am Rande der Innenstadt seit einigen Monaten eine Stunde früher. "Das hätte ich aber sowieso so entschieden, denn in der letzten Stunde vor Schluss ist kaum jemand gekommen."

Holger Nickel spricht mit einer Mitarbeiterin im Verkaufsraum seiner Baeckerei. (Quelle: rbb/Tina Friedrich)
Holger Nickel möchte im kommenden Jahr einige Mitarbeiter wieder besser bezahlen

Kürzer treten, das muss Nickel auch, seit er im Frühjahr gesundheitliche Probleme hatte. Keine leichte Entscheidung für jemanden, der seit 30 Jahren in der Backstube steht. "Ich höre jetzt mehr auf mich und habe gelernt, auch mal Nein zu sagen." Er hat auch gelernt, sich darauf zu verlassen, dass der Laden läuft, wenn er ein paar Tage nicht da ist. Das war vielleicht von allen die größte Herausforderung.

Beitrag von Tina Friedrich

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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