Stromleitungen im Morgenlicht (Quelle: imago)
Audio: Inforadio | 20.01.2016 | Thomas Rautenberg

Geplante Uckermark-Leitung - Naturschutz contra Energiewende

Noch ist das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin Natur pur. Doch durch diese Region Gebiet soll künftig eine Hochspannungsleitung ökologisch sauberen Windstrom transportieren. Gegen die Pläne des Netzbetreibers 50Hertz haben Naturschützer und Anwohner geklagt. Droht eines der wichtigsten Bauvorhaben der Energiewende in Brandenburg tatsächlich zu scheitern? Von Thomas Rautenberg

115 Kilometer Höchstspannungsleitung sollen durch Brandenburg gebaut werden, um ökologisch sauberen Windstrom von Bertikow bei Prenzlau nach Neuenhagen bei Berlin zu übertragen – schneller und zuverlässiger als bisher. Denn die geplante 380-Kilovolt-Leitung soll auf riesigen Masten eine bisherige 220-Kilovolt-Leitung ersetzen. Doch NABU Brandenburg und Anwohner haben gegen die "Uckermark-Leitung" geklagt. Seitdem ruht der Bau. Am Donnerstag fällt im Landgericht Leipzig voraussichtlich das Urteil darüber, ob die Stromtrasse rechtmäßig geplant wurde und fertig gestellt werden darf.

50Hertz Projektplanerin Elke Brennstuhl und Projektsprecher Dr. Dirk Manthey (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
50Hertz Projektsprecher Dr. Dirk Manthey und Projektplanerin Elke Brennstuhl

Unterschiedliche Interessen landen vor Gericht

Friedhelm Schmitz-Jersch, Geschäftsführer des Naturschutzbundes Brandenburg, kurz NABU, wirkt vor der Entscheidung der Leipziger Bundesverwaltungsrichter gelassen. Im vergangenen Jahr hat er gegen die Leitungspläne des ostdeutschen Stromnetzbetreibers 50 Hertz geklagt. "Wir wissen, der Netzausbau hat Auswirkungen auf Natur und Artenschutz. Aber wir müssen das auf ein erträgliches Maß begrenzen. Und das wird zumindest auf Teilabschnitten der Uckermark-Leitung nicht eingehalten."

Beim Kontrahenten, dem Netzbetreiber 50 Hertz, ist die Stimmung daher ziemlich angespannt. Für das Unternehmen steht viel auf dem Spiel: zehn Jahre Planungsarbeit und die damit verbundenen Kosten, vor allem jedoch die Genehmigung für den Bau einer neuen Stromautobahn. Ohne diese Trasse geht es nicht, wenn immer mehr Windstrom vom Norden in den Süden des Landes transportiert werden muss, sagt Dr. Dirk Manthey, Projektsprecher für die Uckermark-Leitung. Doch die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes gebe zumindest Klarheit: "So sind die Zeiten nun mal, dass die vielen Interessen, die bei einem solchen Projekt auftauchen, vor Gericht landen. Insofern bleibe ich mal Optimist."

Biosphären-Anwohner Hartmut Lindner (Bild: rbb/Rautenberg)

Das Biosphärenreservat schützen

Bei Senftenhütte im brandenburgischen Landkreis Barnim fährt Hartmut Lindner durch das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, vorbei an verschneiten Buchenwäldern, an vereisten Seen, an intakter Natur. Der pensionierte Gymnasiallehrer organisiert den Widerstand gegen die neue Hochspannungstrasse. Lindner ist Sprecher der Bürgerinitiative "Biosphäre unter Strom" und hat auch den Naturschutzbund Brandenburg als Kläger vor dem Bundesverwaltungsgericht ins Boot geholt. Vor acht Jahren, erzählt er, habe er zufällig aus der Zeitung von der geplanten Stromautobahn erfahren: "Im Laufe des Konflikts habe ich dann begriffen, dass es unsere Aufgabe ist, das Biosphärenreservat zu schützen."

Zu Hause angekommen blättert Lindner in dicken Akten und schlägt große Landkarten auf. Er tippt mit dem Finger auf das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Die geplante Stromleitung ist rot markiert: "Die haben damals eine alte DDR-Karte herausgezogen und gefragt: Wo sind die Leitungen? Dabei haben sie völlig ignoriert, dass auf diese DDR-Karte mittlerweile eine neue Karte zu legen ist, nämlich die der Schutzgebiete."

Die neue Trasse geht durch die Schutzgebiete

Diesen Vorwurf weist Projektplanerin Elke Brennstuhl zurück. Vergleicht man die Trassen der bestehenden Stromleitung und der künftigen Stromautobahn, macht die neue Leitung tatsächlich einen Bogen um die besonders sensiblen Gebiete des Biosphärenreservats. Gänzlich komme man an diesen Zonen, auch an den europäischen Vogelschutzgebieten, nicht vorbei, sagt die Planerin, und nicht immer seien Alternativen machbar: "Auch die Planfeststellungsbehörde hat sich mit den von den Einwändern vorgeschlagenen Alternativen auseinandergesetzt, inhaltlich und fachlich. Sie hat aber keine für besser geeignet oder verträglicher gehalten als die beantragte und planfestgestellte Uckermark-Leitung."

Die geplante Stromtrasse streift also sensible europäische Vogelschutzgebiete und kann eine Gefahr für seltene Zug- und Brutvögel darstellen. Wer in solchen Gebieten eine Stromautobahn mit Masthöhen von über 60 Metern bauen will, müsse eine "Abweichungsprüfung" vornehmen, sagt Hartmut Lindner. Er hofft auf eine entsprechende Unterstützung durch das Bundesverwaltungsgericht

Gemeinsam vernünftige Lösungen finden

Als Alternative stellt sich Lindner eine Teilverkabelung der Hochspannungsleitung vor: Die Leitung verschwindet unter der Erde, Masten werden nicht gebraucht. 50Hertz lehnt eine solche Lösung ab. Nicht nur, weil sie deutlich teurer wäre, sondern vor allem, weil es für die Erdverkabelung bei der Uckermark-Leitung keine rechtliche Grundlagen gibt. Dieses Argument will Brandenburgs NABU-Geschäftsführer Friedhelm Schmitz-Jersch nicht akzeptieren: "In Süddeutschland werden vier lange Strecken verkabelt. Und natürlich fragen sich auch die Menschen bei uns, warum das nicht auch hier möglich ist – zumindest für Teilstrecken?"

Die Frage Erdkabel oder nicht wird bei der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts nicht den Ausschlag geben. Stattdessen könnte das ganze Projekt an einem reinen Formfehler beim Start des Planungsverfahrens scheitern. Damals hatte man vergessen auf die notwendige Umweltverträglichkeitsprüfung schriftlich hinzuweisen. Ein Versäumnis, dass sich zehn Jahre später rächen könnte, räumt Projektplanerin Elke Brennstuhl ein: "Wenn formale Fehler festgestellt worden sind, kann das im schlimmsten Fall dazu führen, dass Verfahrensschritte ab dem Zeitpunkt wiederholt werden müssen."

50Hertz müsste dann wieder fast bei Null anfangen. Dabei drängt die Zeit. Allein im vergangenen Jahr musste der Netzbetreiber rund 300 Millionen Euro an Entschädigungen zahlen, weil Windkraftanlagen abgeschaltet werden mussten. Die Transportkapazität der Hochspannungsleitungen reichte nicht aus. Sollte das Stromtrassenprojekt scheitern, rechnet Nabu-Geschäftsführer Friedhelm Schmitz-Jersch wegen des Zeit- und Kostendrucks mit einem neuen Gesprächsangebot von 50Hertz – auf Augenhöhe und im Interesse der Energiewende, die leistungsfähige Stromtrassen braucht: "Wir hoffen, dass wir dann die Möglichkeit haben, uns zusammen zu setzen und dass man dabei vernünftige Lösungen findet. Und dann kann es ganz schnell gehen."

Übersicht des Trassenverlaufs der Uckermarkleitung Süd (Quelle: rbb/Bing Maps)

Beitrag von Thomas Rautenberg, Inforadio

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