Ein Bombardier-Mitarbeiter arbeitet in der Fertigungshalle in Hennigsdorf an einem Talent-2-Zug. (Quelle: imago/Jürgen Heinrich)
Video: Brandenburg aktuell | 26.02.2016 | Ludger Smolka

Wirtschaftsminister Gerber kritisiert Unternehmen - Bombardier streicht 270 Stellen in Hennigsdorf

Der Schienenfahrzeughersteller Bombardier wird im Hennigsdorfer Werk bis Ende des kommenden Jahres 270 Stellen abbauen. Der Betriebsrat reagierte mit Protestaktionen am Standort. Die IG Metall sieht Fehler beim Management. Und Brandenburgs Wirtschaftsminister zeigte sich von den Stellenstreichungen ausgesprochen irritiert.

Bombardier Transportation wird am Standort Hennigsdorf 270 Beschäftigten kündigen - unter ihnen 70 Leiharbeitern. Der Abbau erfolge bis Ende 2017, sagte Unternehmenssprecher Immo von Fallois dem rbb-Nachrichtenmagazin Brandenburg Aktuell. "Wir führen intensive Gespräche mit der Arbeitnehmervertretung. Wir denken dabei an Sozialpläne", sagte der Sprecher. Der Standort werde "die Kernkompetenzen insbesondere im Fertigungsbereich behalten". Als Grund für die Entlassungen nannte Fallois die "sehr starke Wettbewerbslage durch Konkurrenz aus Asien und Osteuropa." Es seien Anpassungen nötig.

Auch in der kommenden Woche werde sich die Unternehmensleitung mit den Arbeitnehmervertretern zusammensetzen und über sozialverträgliche Lösungen beraten. Ob es im Sommer noch eine zweite Kündigungswelle geben wird, wollte von Fallois weder verneinen noch bestätigen.

Die Gewerkschaft IG Metall ist der Ansicht, dass die Marktlage besser sei als die Geschäftsführung verkündet. Das Management habe Fehler gemacht, für die jetzt die Belegschaft büßen müsse. "Wir haben z.T. ein hektisches Austauschen von Management, Werkleiter kommen und gehen im Jahresrhythmus", sagt Bezirksleiter Olivier Höbel. Zudem sieht er einen Einfluss des Finanzmarktes. Bombardier reagiere im Moment sehr stark finanzmarktgetrieben, "es soll möglichst schnell Marge gemacht werden".  

Wirtschaftsminister hat kein Verständnis

Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) zeigte sich irritiert von den Bombardier-Plänen. Die Region zähle zu den international führenden Standorten der Schienenverkehrstechnik mit über 100 Unternehmen und mehr als 20.000 Beschäftigten. "Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, warum Bombardier in einem so attraktiven Umfeld Stellen in seinem Hennigsdorfer Werk abbauen will", so der Minister. "Zumal Bombardier hier ein Pfund hat, mit dem das Unternehmen richtig wuchern kann: die überaus kompetenten und hoch motivierten Mitarbeiter." Die Fachkräfte in Hennigsdorf leisteten hervorragende Arbeit. "Diesen Standortvorteil darf das Unternehmen nicht aufs Spiel setzen."

Brandenburgs Regierung werde alle Möglichkeiten nutzen, damit dieser Standort auch als Produktionsstandort Zukunft habe, so Gerber. "Wenn Bombardier unsere Unterstützung braucht, stehen wir dafür bereit."

CDU: Regierung hat sich nicht rechtzeitig gekümmert

Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Helmut Barthel, forderte: "Bombardier muss alle Möglichkeiten nutzen, um den Stellenabbau so gering wie möglich zu halten." Er erwarte, dass das Unternehmen in fairen Verhandlungen mit dem Betriebsrat Sozialpläne "zur Abfederung von unabwendbaren Arbeitsplatzverlusten" entwickele.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Frank Bommert warf der rot-roten Landesregierung vor, zu wenig unternommen zu haben, um dem Stellenabbau entgegenzuwirken. "Die Probleme von Bombardier sind seit langem bekannt und hängen auch mit politischen Entscheidungen wie der Vergabe des S-Bahn-Auftrages in Berlin zusammen. Doch statt sich frühzeitig zu kümmern und Gespräche mit den Betroffenen zu führen, hat sich der Wirtschaftsminister hier nicht sehen lassen."

Mitarbeiter von Bombardier in Hennigsdorf protestieren am Freitag, 26.02.2015, gegen die geplante Stellenstreichung (Quelle: rbb/Magdalena Bienert)

Mitarbeiter reagieren mit spontanem Protest

Die Belegschaft wurde am Vormittag auf einer außerordentlichen Betriebsversammlung über die Pläne informiert. Es werde "massiv an die Produktion gehen", warnte der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, Michael Wobst, anschließend. Vormontage-Tätigkeiten würden an andere Bombardier-Standorte verlagert. "Wir befürchten das Aus für die Produktion in Hennigsdorf über Kurz oder Lang", so Wobst.

Er kündigte umgehend Proteste am Standort an. Mitarbeiter zogen daraufhin am Freitag zum Werk, nach Einschätzung der IG Metall beteiligten sich etwa 1.000 Personen an der spontanen Demonstration. Der Betriebsrat hält die Kündigungen für puren Aktionismus und den falschen Weg, um das insgesamt angeschlagene Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen.

Die Mitarbeiter haben eigene Ideen, wie der Standort Hennigsdorf erfolgreicher werden kann. Die wollen sie demnächst der Konzernzentrale im kanadischen Montreal vorstellen.

Insgesamt werden 1.430 Stellen gestrichen

In der vergangenen Woche hatte Bombardier Transportation angekündigt, dass in den deutschen Werken 1.430 der insgesamt 10.500 Mitarbeiter gehen müssen. Am Donnerstag wurde bekannt, dass das Unternehmen an seinen sächsischen Standorten in Bautzen und Görlitz insgesamt 930 Arbeitsplätze streichen will.

Außer in Bautzen, Görlitz und Hennigsdorf unterhält Bombardier Transportation in Deutschland noch Produktionsstandorte in Kassel, Mannheim und Siegen. In Hennigsdorf sind nach Unternehmensangaben derzeit rund 2.800 Mitarbeiter beschäftigt – das sind fast so viel wie in Kassel, Siegen und Mannheim zusammen. Auch in der Berliner Verwaltung soll gestrichen werden, wie viel ist aber noch nicht bekannt.

Mit Informationen von Magdalena Bienert und Ludger Smolka

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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