In einem Fenster in einem Gewerbehaus am Schiffsbauerdamm spiegelt sich der Fernsehturm in einem Fenster (Quelle: imago/Steinach)

Wohnungsbaugesellschaften planen 60.000 neue Wohnungen - Ja, wie bauen sie denn?

Die sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften in Berlin haben die Lust am Bauen wiederentdeckt. In den nächsten zehn Jahren wollen sie insgesamt 60.000 neue Wohnungen in Berlin errichten: vor allem günstige Mietwohnungen. Gelingen soll das unter anderem durch gemeinsame Baustandards. Von Thorsten Gabriel  

Berlins landeseigene Wohnungsbaugesellschaften Degewo, Gesobau, Stadt und Land, Gewobag, Howoge sowie WBM wollen 60.000 neue Wohnungen bis zum Jahr 2026 bauen. Diese sollen für Interessierte vor allem günstig sein. Und günstiges Bauen wollen die Gesellschaften durch gemeinsame Neubaustandards erreichen.   

Ein anschauliches Beispiel für diese Standards sind Fenster. "Wenn es bei einem Bauvorhaben vielleicht fünf oder sechs Fenster-Varianten gibt, dann ist das deutlich günstiger als wenn 23 individuelle Varianten vorzufinden sind", sagt die Architektin Stefanie Frensch, die seit fünf Jahren  Howoge-Geschäftsführerin ist. "Denn der Fensterbauer lässt sich das bezahlen, wenn er jedes Mal neu anfangen muss."

Das klingt einleuchtend, aber wer - wie die sechs städtischen Wohnungsbaugesellschaften - das Neubauen erst wieder neu lernen musste, für den war es ein Erkenntnisprozess. Kristina Jahn im Vorstand der Degewo verweist auf eine schlichte Relation: "Die Miete ergibt sich aus den Baukosten, da sitzt auch unser Haupthebel." Jede Gesellschaft stellt sich die Frage, wie sie die Baukosten wieder reinholt.

Kopieren und verbessern

Eine Möglichkeit besteht darin, von den vielen parallelen Bauprojekten zu lernen, die allein die Degewo in der Stadt angeschoben hat. Das Unternehmen gründete dafür nicht nur ein eigenes Planungsbüro, sondern schloss auch mit sieben Architekturbüros Rahmenverträge - für mehrere Projekte statt für jedes einzelne.

Zu den Vertragspartnern zählt das in Wien und Berlin ansässige Büro Tafkaoo. Deren Geschäftsführer Oliver Scheifinger und Otto Höller finden vor allem gut, dass die Wohnungsbaugesellschaft dafür sorgt, dass alle sieben Architekturbüros miteinander vernetzt arbeiten. "Wir hoffen, dass von uns gebaute Projekte kopiert und beim Kopieren verbessert werden", erklärt Otto Höller. Nicht Konkurrenz, sondern voneinander lernen sei das Motto. An diese Haltung mussten auch sie sich erst gewöhnen, gibt Höller zu. Aber es funktioniere - nicht nur, wenn es um einheitliche Fenster oder Treppenläufe gehe.

Die Menschen brauchen Wohnraum, keine architektonischen "Innovationen"

Geschäftsführer Scheifinger spricht auch vom Vorteil, als Architekt nicht um jeden Preis innovativ sein zu müssen. Die meisten Menschen, die in den Wohnungen leben wollten, benötigten schließlich gar keine Innovation. "Es muss nicht immer eine wahnsinnige, übergeordnete Idee geben. Man muss sich dann auch selber zurücknehmen und sagen, dass es jetzt nicht um eine Fahrradwerkstätten-Yogastudio-Töpferwerkstatt geht, sondern um einen einfachen Gemeinschaftsraum, Punkt", so Scheifinger. Auch darüber tauscht man sich regelmäßig im Kollegenkreis aus, präsentiert eigene Projekte, lernt andere kennen und bekommt wissenschaftlichen Input, um grundsätzlich darüber zu diskutieren, wie Berlin in zehn Jahren wohl aussehen könnte.

Fest steht fürs erste: Von den 60.000 Wohnungen, die die landeseigenen Gesellschaften insgesamt bis 2026 anpeilen, ist mehr als die Hälfte bereits in Planung oder schon im Bau. Die Stadt verändert ihr Gesicht. Und die landeseigenen Gesellschaften rühmen sich, mittlerweile der "größte Bauträger und Projektentwickler Berlins" zu sein.

Beitrag von Thorsten Gabriel

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