Werkshalle in Uebigau (Bild: rbb/Lenz)
Audio: 07.03.2016 | Inforadio | Dominik Lenz

Strukturwandel in der Lausitz - Eine Region muss sich neu erfinden

Jahrezehntelang hat die Lausitz von der Kohle gelebt. Doch in spätestens 30 Jahren ist Schluss mit dem Braunkohleabbau. Ein grundlegender Strukturwandel für die Region ist nötig. Doch wie soll der aussehen? Ideen gibt es viele, Initiativen auch, von Seiten der Brandenburger Politik heißt es aber: bloß nichts überstürzen. Von Dominik Lenz

Eine Werkshalle in Uebigau im südlichsten Teil von Brandenburg. Von hier aus sind es nur wenige Kilometer bis nach Sachsen. Geschäftsführer Helmuth Hoffmann führt durch seinen Betrieb, die uesa-GmbH. Das Unternehmen verdient sein Geld mit großen Schaltanlagen. Indirekt hängt die Firma damit an der Kohle, wie fast alle Unternehmen hier. Die Entwässerung im Tagebau läuft beispielsweise mit Technik aus Uebigau. Doch Hoffmann hat längst die Zeichen der Zeit erkannt: "Wir liefern für Windenergie-Anlagen, für Photovoltaikanlagen und für Biogasanlagen". Der Zeit nach der Kohle schaut er entspannt entgegen: "Angst und Geld haben wir noch nie besessen".

Wolfgang Krüger von der IHK Cottbus (Bild: rbb/Lenz)
Wolfgang Krüger von der Innovationsregion Lausitz: Selber Ideen entwickeln

Die Unternehmen planen bereits um

Wie Hoffmann denken etliche Unternehmer, sagt Wolfgang Krüger von der Industrie und Handelskammer Cottbus. Viele seien schon beim Strukturwandel schon viel weiter als die Politik in Potsdam: "Die Unternehmen haben bereits sehr präzise analysiert, wo sie stehen, und welche Möglichkeiten sie haben. Den meisten ist schon klar, dass die Braunkohle keine dauerhafte Zukunft mehr hat.“

Also plant man um. Industriekletterer, die bislang Kohleschornsteine gewartet haben, klettern jetzt auf Windräder, Zulieferer für Förderbänder setzen auf die Lebensmittelindustrie. Wolfgang Krüger kann viele solcher Beispiele nennen. Er ist Vorstand der Innovationsregion Lausitz, eine GmbH, die von Wirtschaftsminister Gerber ins Leben gerufen wurde. Die Gesellschaft soll mit wichtigen Akteuren aus der Lausitz Ideen und Konzepte für den Strukturwandel entwickeln. Kritiker sagen, dies sei der Beweis, dass Potsdam keine eigenen Ideen hat. Die Befürworter meinen, es sei gut, wenn die Region selbst Vorschläge macht.

Nun macht doch mal

"Die Landesregierung handelt da ausgesprochen ambivalent", meint Krüger. "Einerseits sagt sie, wir ziehen uns dieses Thema nicht federführend auf den Schreibtisch. Denn sie befürchtet, dass es dann ein sich Zurücklehnen in der Region gibt nach dem Motto 'nun macht doch mal und liefert uns die richtigen Konzepte für die Zukunft nach der Braunkohle'. Die Landesregierung sagt: Wir wollen aus der Region heraus Initiativen aufgreifen, begleiten und unterstützen. Ich denke, beides muss Hand in Hand gehen."

Krüger kritisiert aber, dass die Landesregierung zu sehr auf die großen Unternehmen und den Ballungsraum Berlin und Potsdam schaue. In der Lausitz ist im Schatten von Vattenfall, BASF oder Siemens jedoch der Mittelstand gewachsen. Auf den komme es jetzt an, und für den seien Potsdam und Berlin weit weg. "Die Pendlerströme gehen nach Dresden und Leipzig", sagt Krüger. Hier könne man noch viel tun bei Zugverbindungen und Straßenausbau innerhalb der Lausitz, um den Austausch von Waren und Gütern zu beschleunigen.

Norbert Pietsch (Bild: rbb/Lenz)
Norbert Pietsch: Infrastruktur ist wichtig, um Mitarbeiter zu binden

Gute Leute sind oftmals schnell weg

Doch die Lausitz liegt in Brandenburg UND in Sachsen. Ein länderübergreifendes Konzept, wie es oft gefordert wird, gibt es nicht. Die Region ist Grenzland für beide Bundesländer. Außerhalb der Hotspots wird das deutlich: Die Infrastruktur dünnt schnell aus, Straßen werden schlechter. Der Süden Brandenburgs gilt beim Breitbandausbau als Entwicklungsland. Das mache auch den Unternehmen zu schaffen, beklagt Norbert Pietsch von Kjellberg in Finsterwalde, wo Schneid- und Schweißtechnik verkauft wird: "Wenn die Zugverbindungen schlechter werden, wenn die Bedingungen in den Krankenhäusern und Schulen sich möglicherweise verschlechtern, haben wir es sehr schwer, Leute, die wir einstellen, auch zum Umziehen nach Finsterwalde zu überreden."

Sie pendeln lieber, nehmen lange Wege in Kauf von Dresden, Leipzig oder Berlin. Solche Arbeitskräfte seien dann schnell auch wieder weg, sagt Pietsch. Das ist ein Problem, vor dem viele Lausitzer Unternehmen stehen: Gute Leute im Energiebereich werden weltweit gesucht. Die Region mit ihrer unklaren Zukunft ist für sie im Moment wenig attraktiv. Wenn die Politik für die Infrastruktur sorgt, könnte sich die Lausitz schon selbst helfen, das Know-how sei ja schließlich da, meint Norbert Pietsch. Gemeinsam mit dem Mittelstand, der BTU-Cottbus und der Technischen Universität Dresden dazu noch dem Tourismus sei ihm vor der Zukunft nicht bange.

Tourismus durch den Ostsee

Tatsächlich ist der Tourismus bereits heute ein wichtiges Standbein, und er soll auch in Zukunft weiter ausgebaut werden. Prominentes Projekt ist der Ostsee: Ab 2018 soll der Braunkohle-Abbau Cottbus Nord geflutet und zum größten See der Region werden. Allerdings ließe sich mit dem Verleih von Tretbooten nicht so viel Geld verdienen wie mit hoch bezahlten Energie-Jobs, meinte jüngst Energieminister Gerber. Nach seinen Vorstellung sollte die Lausitz auch nach der Kohle Energie-Region bleiben: Das Wissen der Region könnte in die Entwicklung erneuerbarer Energien fließen. Aber auch das Schlagwort Energie-Management fällt dabei immer wieder.

Informationszentrum BTU Cottbus (Bild: rbb/Lenz)

Energie-Wissen stößt weltweit auf Interesse

Ein Vorzeige-Unternehmen in diesem Bereich ist die Gridlab GmbH. Ihr Trainingsraum für Stromnetze liegt im Informationszentrum der BTU Cottbus: eine hohe, futuristisch anmutende Halle wie ein Flughafentower. Monitore zeigen Bilder von Stromnetzen. "An bis zu 18 Trainingsplätzen können die Netzbetreiber hier kritische Netzsituationen trainieren, quasi wie im Flugsimulator der Lufthansa die Landung auf dem Hudson-River", sagt Geschäftsführer Hans Peter Erbring. Was geschieht, wenn zu viel oder zu wenig Strom ins Netz fließt? Wie wird ein Black-Out geregelt? Solche Szenarien können hier durchgespielt werden.

Unternehmen aus der ganzen Welt interessieren sich für dieses Energie-Wissen. Bernd Benser, ebenfalls Geschäftsführer der Gridlab ist überzeugt: Das ist die Zukunft der Lausitz: "Gerade weil in dieser Region so unendlich viel Energie-Wissen ist, Energie-Management-, Energie-Wirtschafts-,  Energie-Technik-Wissen, ist es so wichtig dieses Know-how hier zu halten, weiter aufzubauen und damit auch zukunftssicher zu machen."

Die BTU-Cottbus könnte dabei eine Schlüsselfunktion einnehmen, das ist immer wieder zu hören. Wirtschafts- und Energie-Minister Gerber unterstreicht derzeit oft, wie wichtig die Braunkohle als Brückentechnologie ist, bis irgendwann einmal klar ist, wohin die Reise danach überhaupt gehen kann. Klar ist aber auch: der Strukturwandel in der Lausitz hat längst begonnen, Ideen sind JETZT gefragt. Es scheint, dass die Lausitz selbst voll ist von solchen Ideen.

Beitrag von Dominik Lenz, Inforadio

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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