In einer ehemaligen Tanzschule mitten im Bernauer Stadtzentrum entwickelt "ferret go" Programme unter anderem für Online-Redaktionen. (Foto: rbb/Björn Haase-Wendt)
Video: Brandenburg aktuell | 12.03.2016 | Björn Haase-Wendt

Software aus Brandenburg - Bernauer Firma entwickelt Filter gegen Internethetze

Hetze, Hass, Beleidigungen: die Kommentarspalten auf Online-Portalen sind voll davon. Die Flut an fragwürdigen Kommentaren ist eine Herausforderung für Redaktionen, die sich oftmals nur noch mit einem Schritt zu helfen wissen: der Abschaltung der Kommentarfunktion. Abhilfe verspricht jetzt eine neue Software aus Bernau. Von Björn Haase-Wendt

"Wir kapitulieren" - so titelte es vor kurzem die Verbandszeitung des Deutschen Journalisten-Verbandes DJV. Anlass war eine Umfrage unter deutschen Zeitungsredaktionen zum Umgang mit Hasskommentaren. Das Ergebnis: Fast jede zweite befragte Zeitungsredaktion hat im vergangenen Jahr ihre Kommentarfunktion eingeschränkt, weil sie mit der Flut von Hass und Hetze einfach überfordert war. "Das macht uns sehr betroffen."

"Es ist gut nachvollziehbar, dass die Kollegen in den Zeitungen genauso gehandelt haben", sagt DJV-Sprecher Hendrik Zörner und fügt an: "Das zeigt eben auch, wie die Stimmung im Lande ist, und dass der Schmähruf der Lügenpresse inzwischen Früchte trägt." Die Konsequenz ist oftmals ähnlich: Die Kommentarfunktion wird zu bestimmten Themen gänzlich abgeschaltet, oder nur noch zu Tageszeiten zugelassen, in denen die Redaktionen voll besetzt sind.

Fragwürdige Kommentare aussortieren

Genau hier setzt eine neue Software an, die junge Entwickler aus dem brandenburgischen Bernau programmiert haben: eine Art Kommentar-Filter. Dazu hat das 15-Mann starke Team von "ferret go" mehr als acht Millionen Kommentare von Zeitungsportalen und sozialen Medien ausgewertet. Das Ziel: die Struktur von Hass-Postings zu entschlüsseln.

"Wir versuchen mit computerlinguistischen Regeln herauszufinden, was in so einem Satz drinsteckt, worüber eigentlich gesprochen wird. Wird etwas verneint oder ist es ein Rückbezug auf irgendetwas", sagt Geschäftsführer Andreas Nickel. Zudem wurde untersucht, wie die Redakteure der Online-Portale in der Vergangenheit über die Freigabe von Kommentaren entschieden haben.

Sven-Uwe Janietz und Andreas Nickel (v.l.n.r.) haben das Unternehmen "ferret go" in Bernau mitgegründet. (Foto: rbb/Björn Haase-Wendt)
Sven-Uwe Janietz und Andreas Nickel (v.l.n.r.) haben das Unternehmen "ferret go" in Bernau mitgegründet

Software entlastet Redaktionen

Entstanden ist eine Software, die mittlerweile bei mehr als zehn Medienhäusern bundesweit auf ihren Facebook-Seiten und Portalen zum Einsatz kommt. Unter anderem bei der Redaktion der "Welt". Auf Basis bestimmter Strukturen, Regeln und bisheriger Erfahrungen der Community-Redakteure sortiert das Programm Kommentare aus, die gegen die von den Redaktionen festgelegten Nutzungsbedingungen verstoßen bzw. die klar als Hetze identifizierbar sind.

Die Software untersucht die Kommentare also weitestgehend selbstständig und schaltet sie entsprechend frei. "Wir sorgen damit am Ende für eine starke Erleichterung der Arbeit. Das ist ja eigentlich die Grundlagenarbeit zu entscheiden, ob wir diesen Dialog in der Form, mit der Sprache und manchmal der Rustikalität auf unserer Plattform zulassen oder eher nicht", so Nickel.

Software ändert Grundproblem nicht

Die Software ermöglicht damit, dass die Kommentarfunktionen wieder rund um die Uhr geöffnet ist und somit auch Diskussionen unter den Nutzern stattfinden können. Das Grundproblem ändert sich aus Sicht des Deutschen Journalisten-Verbandes aber nicht, mahnt Hendrik Zörner: "Dahinter steckt ja das Problem, dass die Hemmschwelle, mit Beleidigungen und Schmähungen gegen Medien aktiv zu werden, dramatisch gesunken ist. Daran ändert auch eine Software nichts."

Zudem befürchtet er, dass der Einsatz solch einer Software den Kritikern, die bereits jetzt Zensoren am Werk sehen, weiter bestärken könnte.

Es geht nicht um Zensur

Es geht aber gerade nicht um Zensur, sagen die Bernauer Entwickler. Vielmehr sollen allein rechtlich kritische Kommentare und Hetze gefiltert werden. Zudem sei durch den Einsatz der Software auch wieder eine sachliche Diskussion auf den Nachrichtenseiten möglich. "Sie sorgt einfach dafür, dass bestimmte Regeln des Miteinanders eingehalten werden, darum geht es im Kern. Es geht nicht um Zensur, sondern ich kann ein sachliches Argument auch sachlich vortragen und muss deshalb nicht anfangen zu schreien, Menschen zu beleidigen oder mit unendlich vielen Ausrufezeichen zu arbeiten", sagt Andreas Nickel.

Beitrag von Björn Haase-Wendt

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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