Mall of Berlin - viele Sale-Aktionen - wenige Kunden(Bild: Dieter Freiberg)
Video: Abendschau | 09.03.2016 | Jana Göbel

Wie viele Shopping-Center verträgt die Stadt? - Der "Mall of Berlin" fehlen die Kunden

In 270 Geschäften werden Kleidung, Taschen, Schuhe und Technik  angeboten. Doch in vielen Shops sieht man Verkäufer vergeblich auf Kundschaft warten. Die Mieten sind hoch, in etlichen Geschäften reichen die Umsätze nicht: Eineinhalb Jahre nach der Eröffnung der "Mall of Berlin" haben die ersten Händler schon wieder aufgegeben. Von Jana Göbel

Die Dekoration steht noch mitsamt Preisschildern im Schaufenster, als würde es morgen wieder losgehen. Dabei verhandeln einige Shop-Betreiber der "Mall of Berlin" längst mit dem Center, um so schnell wie möglich aus dem Vertrag herauszukommen. Aber das ist nicht so einfach. Viele Verträge gelten zehn Jahre. Und einen Nachmieter zu finden, ist schwer. Die Mieten sollen bei 6.000 bis 10.000 Euro für 100 Quadratmeter Ladenfläche liegen – je nach Etage und Ladengröße. Um solche Summen wieder einzuspielen, müsse deutlich mehr Kundschaft kommen, erzählt ein Shop-Betreiber.

"Vor der Eröffnung der 'Mall of Berlin' haben wir mit circa 20 Millionen Kunden gerechnet. Unsere Erwartung ist auch dementsprechend eingetroffen. Bei 270 Geschäften ist es normal, dass 10 bis 15 Prozent anfänglich Schwierigkeiten haben und eine Anlaufzeit von drei Jahren benötigen, um ihre geplanten Ziele zu erreichen", teilte der Betreiber HGHI dem rbb mit.

Nüscht los in der "Mall of Berlin"

Zu sehen sind in der "Mall of Berlin" viele leere Gänge und vereinzelt geschlossene Läden. Zum Teil sind sie mit Werbung überklebt, damit sie nicht auffallen. Etliche Shop-Betreiber bezweifeln die Aussage der HGHI, dass im vergangenen Jahr 20 Millionen Kunden gekommen seien. Die Mieten stünden jedenfalls in keinem Verhältnis zu den Kundenzahlen und den daraus resultierenden Einnahmen, ist zu hören.

Große Ketten halten so etwas aus

Drei Jahre Anlaufzeit – das ist vor allem für kleine Läden schwer. "Die großen Ketten halten sowas aus, aber wir Kleinen können irgendwann unsere Rechnungen nicht mehr bezahlen", erzählt ein Ladenbesitzer, der seinen Namen nicht nennen möchte. "Da gehen Existenzen drauf", erklärt er.

Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht die Ursache vor allem in der wachsenden Konkurrenz zwischen den insgesamt 67 Berliner Shoppingcentern. Es sei nicht auszuschließen, sagt er, dass kleine Geschäfte zur Aufgabe gezwungen seien. Dies mindere wiederum die Vielfalt in den Zentren. "Da frage ich mich als Kunde natürlich, warum ich in so ein Zentrum gehen soll, wenn man überall dieselben Anbieter findet", so Brenke.

"Mall of Berln" wollte anders sein

Die "Mall of Berlin" am Leipziger Platz sollte anders sein als die üblichen Berliner Shopping-Malls. Eine Mischung aus großen bekannten Namen, edlen Marken und neuen jungen Labels - auch aus der Hauptstadt-Region. Tatsächlich ist der Mix aber so breit gefächert, dass sich keine Käuferschicht so richtig angesprochen fühlt.

Hinzu kommt eine endlose Lauferei. Egal, ob man Haute Couture oder Schnäppchen sucht – es geht treppauf, treppab und kreuz und quer. Man müsse viel laufen, und es sei nicht so einfach zu finden, was man sucht, berichten Kunden. In einem Shop mit Tüchern und Taschen erzählt die Verkäuferin, die Mall sei zu groß und zu unübersichtlich. Die Leute würden das Konzept nicht verstehen. Erschwerend komme hinzu, dass sie in keiner Wohngegend liege.

Es fehle sowohl die Stammkundschaft als auch die Laufkundschaft, erzählt eine Friseurin, in deren großem Laden nur eine einzige Kundin sitzt. "Wir leben vor allem von Touristen." Deshalb sei in der Woche zu wenig los. An den Wochenenden und in den Ferien sei es besser. In einem Schuhgeschäft heißt es, der Standort rechne sich nicht. In einem Sportladen ist zu hören, es laufe schlechter als erhofft. Ein Souvenirshop-Betreiber sagt, er würde sofort den Schlüssel abgeben, wenn er aus dem Mietvertrag rauskäme.

Kannibalismus im Berliner Einzelhandel

Doch nicht nur die Läden in der "Mall of Berlin" leiden unter fehlender Kundschaft. Auch in den benachbarten "Potsdamer Platz Arkaden" klagen die Händler. Schon als 2007 das Alexa am Alexanderplatz eröffnete, habe man das gespürt, erzählt eine Schuh-Verkäuferin. Seit es die "Mall of Berlin" gibt, sei der Umsatz weiter eingebrochen.

Eine andere Verkäuferin erzählt, Saturn sei in die "Mall of Berlin" gewandert, Hugendubel habe geschlossen. Beides habe früher Leute angezogen. Die hätten dann auch mal in die kleinen Läden geschaut. Jetzt fehle die Laufkundschaft. Und der Verkäufer in einem Taschengeschäft schimpft, die beiden Einkaufszentren würden sich gegenseitig die Kundschaft wegnehmen. Beide würden nicht gut laufen. Der Betreiber der "Potsdamer Platz Arcaden", ECE, bestätigt dem rbb die Konkurrenzsituation am Standort. Von einem Kundenrückgang könne allerdings nicht gesprochen werden.

Jeder Bezirk hat seine Shopping-Malls

In Berlin hat inzwischen jeder Bezirk eigene Malls. Die Berliner müssen nirgends "in die Stadt" zum Shoppen. Sie haben alles vor der Nase. Allein in Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es fünf Einkaufszentren, in Steglitz-Zehlendorf ebenfalls fünf, in Mitte vier. Und weitere kommen hinzu. Der Investor der "Mall of Berlin", Harald Huth, plant bereits zwei weitere Malls in der Berliner Innenstadt. Die Senatsverwaltung für Wirtschaft sieht angesichts der steigenden Einwohnerzahlen noch Luft nach oben im Berliner Einzelhandel. Allein im vergangenen Jahr stiegen die Umsätze um 5,5 Prozent.

Bei den Shoppingcentern beobachtet Pressesprecherin Claudia Hamboch allerdings einen rückläufigen Trend. Bis 2007 seien jedes Jahr mehrere eröffnet worden, die Kunden würden das aber nicht mehr so wollen. Aus den USA käme der Trend, sogenannte offene Center zu bauen. "Bisher war es ja so: man hatte die geschlossene Einheit, vier Wände, Deckel drauf, fertig ist mein Shoppingcenter" beschreibt Claudia Hamboch. Ein offenes Center bedeute integrierte Parks und Grünflächen, Straßen – also eine kleine Stadt in der Stadt. In diese Richtung gehe das Shoppingcenter der Zukunft.

Immer mehr wird online eingekauft

In Berlin ist allein im vergangenen Jahr der Einkauf im Internet um 18,6 Prozent gestiegen. Viele Händler in der "Mall of Berlin" bieten ihre Produkte sowohl im Shop als auch online an. Aber wer die Ware per Knopfdruck erwirbt, kommt nicht mehr in den Laden. Das Käuferverhalten verändere sich laufend, sagt Karl Brenke vom DIW. In den 70er Jahren seien es die Kaufhäuser gewesen, in den 90ern die Shoppingcenter, jetzt boome der Online-Handel. Aber auch die kleinen Läden in den Kiezen würden sich wieder zunehmender Beliebtheit erfreuen.

Die größten Einkaufszentren Berlins

Quelle: IHK (7/2014)

Beitrag von Jana Göbel

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