Die britische Sängerin Adele nimmt am 24.03.2016 die Auszeichnung als Best British Female Solo Artist bei den Brit Awards 2016 in der O2-Arena in London entgegen. (Quelle: dpa)

Ticket-Schwarzmarkt - Einmal ins Adele-Konzert - macht 10.000 Euro

Nicht mal zehn Minuten hat er gedauert, der Vorverkauf für die beiden Adele Konzerte am Wochenende in Berlin. Kurz darauf wurden die ersten Tickets auf dubiosen Zweitverkaufs-Plattformen gehandelt - für mehrere hundert Euro. Woher haben die Verkäufer derart große Kontingente? Und wie funktioniert dieser Schwarzmarkt? Von Henrike Möller

Es sei ein Glückspiel: heikel, aber lukrativ. Bis zu 20.000 Euro verdient der Ticketdealer Wim Bledon pro Monat, sagt er. Seit 15 Jahren verhökert er im Internet Karten für Fußballspiele und Konzerte. Auskunft gibt er nur anonym am Telefon: "Die ganzen Adele-Konzerte haben mich echt verblüfft, wie viel da zu machen war. An ein paar Tickets bin ich rangekommen, die ich allerdings auch wieder Dritten abgekauft habe. Einkaufspreis waren zwischen 250 und 300 Euro, Verkaufspreis 800 Euro."

Mit der Gewinnmarge ist der professionelle Wiederverkäufer voll und ganz zufrieden, sagt er. Karten für die beiden Auftritte von Adele in Berlin werden teilweise sogar noch viel teurer gehandelt: Auf der Verkaufsbörse viagogo lag der Spitzenpreis für eine Karte am Mittwochabend für 10.000 Euro angeboten.

Am Ende will keiner wissen, woher die Tickets eigentlich kamen

Wim Bledon sagt, er bekomme einen Großteil seiner Tickets von korrupten Leuten aus der Veranstaltungsbranche: "Meistens Mitarbeiter, die im Hintergrund werkeln, im PR-Bereich zum Beispiel, die Zugriff auf die Karten haben, bevor sie in den Handel kommen." Wer genau die Strohmänner seien, wisse er aber selbst nicht. "Die, die Karten beschaffen, geben sie wiederum an einen Vertrauten, den sie kennen und der gibt sie dann an mich weiter. So das die Karten über drei, vier Wege gehen und am Schluss keiner mehr weiß, wo sie herkommen." Auf diese Weise werde sichergestellt, dass keiner der Beteiligten auffliegt.

Den Rest seiner Tickets bestellt Wim Bledon auf ganz normalen Börsen im Internet. Um die Begrenzung auf vier Karten pro Käufer zu umgehen, nutzt er hunderte von Fake-Accounts. Legal ist das nicht - der gewerbliche Weiterverkauf von Karten ist verboten. Ticketbörsen haben aber kaum eine Chance, Schwarzverkäufer unter den Bestellern zu finden. Außerdem dürfen sie ihre Nutzer nicht zu genau überwachen - das ist nicht mit dem Datenschutzgesetz vereinbar.

Eine Möglichkeit: Personalisierte Tickets

Trotz allem gibt es für Veranstalter einen Weg, den Ticketschwarzmarkt zu begrenzen. Der Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft rät seinen Mitgliedern, Tickets zu personalisieren. Sobald der Name des Käufers auf dem Ticket steht, erschwert das den Weiterverkauf enorm. Aber nicht nur das: Es macht ihn automatisch illegal. Das gibt den Veranstaltern mehr rechtlichen Spielraum, gegen Ticketverkäufer vorzugehen – beispielsweise mit Abmahnungen.

Dennoch werden bisher kaum Karten personalisiert. Katharina Wenisch vom weltweit größten Veranstalter Live Nation rechtfertigt das damit, dass eine Personalisierung mit erheblichen Kosten verbunden sei und darüber hinaus einen schnellen Verkauf der Tickets verhindere. "Deshalb müssen die Künstler dieser Maßnahme ausdrücklich zustimmen. Wir empfehlen unseren Künstlern aber immer eine Personalisierung, wenn sie den Weiterverkauf von Tickets verhindern wollen."

"Ich frage mich: Wollen die ihre Käufer nicht schützen?"

Frehn Hawel von der Konzertagentur Karsten Jahnke beklagt ebenfalls den größeren Aufwand, der mit einer Personalisierung einhergehe. "Man muss es ja im System einrichten", sagt er. Die Firma müsse ihre Software auf die personalisierten Tickets umstellen, der Verkaufsprozess ändere sich. Außerdem zögen sich die Einlasskontrollen in die Länge.

Nicole Jacobsen von tickets.de will diese Argumente nicht gelten lassen. Gemeinsam mit dem Berliner Veranstalter MCT setzt sie seit mehreren Jahren bei Großkonzerten von Künstlern wie Kraftwerk, Radiohead oder Robbie Williams auf personalisiertes Ticketing. "Man braucht vielleicht etwas mehr Personal, aber das steht alles im Verhältnis und könnte auch wirklich von jedem anderen durchgeführt werden. Das gibt mir ein bisschen zu denken: Ich frage mich: Wollen die anderen Systeme ihre Käufer nicht schützen?"

Vermutung: Veranstalter sind selbst involviert

Dafür gibt es für Branchenkenner nur eine Erklärung: Die Veranstalter mischen vermutlich selbst im Ticketschwarzmarkt mit. Sie halten bewusst Karten zurück – melden also ein Konzert vorzeitig ausverkauft – um sie dann für ein Vielfaches des regulären Preises auf Zweitverkaufsplattformen anzubieten.

Für den englischen Ticketschwarzmarkt wurde das schon bewiesen. Journalisten haben sich in die Plattform viagogo eingeschleust und aufgedeckt, dass die Börse mit insgesamt vier Veranstaltern gemeinsame Sache macht, darunter Live Nation.

Mit Zweitverkaufsplattformen ist viel mehr Geld zu verdienen

In Deutschland steht ein solcher Beweis noch aus; es gibt jedoch einige Indizien, die in dieselbe Richtung deuten. So betreibt Live Nation mit Seatwave seine eigene Zweitverkaufsplattform. Der Umsatz stieg dort im letzten Quartal dem Branchenmagazin Musikwoche zufolge um 43 Prozent. Ob plötzlich so viel mehr Fans ins sogenannte Reselling-Geschäft eingestiegen sind oder der Zuwachs an Tickets auf anderem Wege zustande kam, bleibt unbeantwortet.

Fest steht: Weil Zweitverkaufsplattformen ihre Preise einzig und allein nach dem Prinzip Angebot und Nachfrage festlegen, lässt sich dort sehr viel mehr Geld erwirtschaften als beim regulären Ticketing. Der Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft will deshalb selbst nicht ausschließen, dass sich manche Veranstalter am Ticketschwarzmarkt bereichern: "Es ist zwar nicht positiv, aber es ist ja plausibel."

Beitrag von Henrike Möller, Fritz

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