Der Berliner Michael Bohmeyer hat monatlich 1000 Euro zu vergeben. Über das Projekt. Mein Grundeinkommen sammelt per Crowdfunding Geld für ein Bedingungsloses Grundeinkommen, zu Gast in der WDR Talkshow Kölner Treff am 20.03.2015 in Köln (Quelle: imago stock&people)
Audio: Inforadio | 31.10.2016 | Vis a Vis mit Michael Bohmeyer

Interview | ARD-Themenwoche "Zukunft der Arbeit" - "Das Grundeinkommen wirkt positiv"

Was würde passieren, wenn jeder von uns 1.000 Euro pro Monat bekäme? Einfach so ohne Arbeit. Der Berliner Michael Bohmeyer verwirklicht diese Idee mit seinem Projekt "Mein Grundeinkommen": Er findet, dass es eine Antwort auf die digitale Gesellschaft ist.

Herr Bohmeyer, welche Idee steckt denn hinter Ihrem Projekt mein-grundeinkommen.de?

Dahinter steckt die Idee 'Was würde passieren, wenn wir eigentlich nicht mehr müssen, sondern nur noch tun können, was wir wollen? Würde dann die Gesellschaft zusammenbrechen'? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass es ein Mehr an Freiheit gibt. Es gibt dann nämlich erst einmal die wirkliche Freiheit, nämlich die Freiheit 'Nein' zu sagen. Und die wird die gesamte Gesellschaft verändern, weil sie nicht mehr auf Zwang, Druck und Kontrolle basiert, sondern auf Vertrauen. So wie wir uns heute schon jeden Tag vertrauen: Wenn uns zum Beispiel der Kellner das Essen bringt und erst nachher die Rechnung will, weil er uns vertraut, dass wir nicht wegrennen. So könnte eigentlich die ganze Gesellschaft funktionieren.

Ist mein-grundeinkommen.de eine politische und soziale Idee, die für alle ein Maßstab sein soll?

Ich halte nichts von Maßstäben und Sätzen, die das Wort 'sollen' beinhalten. Ich finde das Grundeinkommen eine gute Idee, weil es für mich eine Antwort auf die Digitalisierung ist. Der Sozialstaat war die Antwort auf die Industrialisierung, aber diese alten Mechanismen von gewerkschaftlicher Organisation, Einheitstarifen und Vollbeschäftigung - all das funktioniert nicht mehr in einer digitalen Gesellschaft. Wir brauchen neue, flexiblere, menschenfreundliche Alternativen, und da kenne ich bisher nur das Grundeinkommen.

Welche Reaktionen erfahren Sie von denen, die das Grundeinkommen gewonnen haben?

Die Menschen, die gewinnen, sind ganz unterschiedlich: von Babys über Studierende, Arbeitnehmende, Rentnerinnen, Arbeitslose sind alle dabei. Fast alle erzählen, dass sie ruhiger schlafen. Und es ist nicht so, dass alle ihre Jobs kündigen. Von den 57 Personen hat nur ein Einziger seinen Job gekündigt. Der arbeitete im Call-Center und macht jetzt ein Studium zur Pädagogik. Viele Leute haben Lust, sich weiterzubilden, arbeiten zum Teil ein bisschen weniger und kümmern sich mehr um die Familie, haben mehr soziale Kontakte und machen wieder mehr Ehrenamt. Ein chronisch Kranker hat keine Schübe mehr, weil er sich nicht mehr mit dem Sozialamt streiten muss. Und ein Langzeitarbeitsloser, der quasi schon aufgegeben hatte einen Job finden zu können, konnte mit Grundeinkommen aus der Fülle heraus suchen und hat jetzt eine Vollbeschäftigung gefunden.

Inwiefern ist das, was Sie tun, eine Übersetzung dafür, was gesellschaftlich passieren könnte?

Wir sind kein wissenschaftliches Pilotexperiment. Das muss man ganz klar sagen. Es gibt das Grundeinkommen nur für ein Jahr. Und trotzdem hat es erstaunliche Wirkung. Es ist eben nicht für alle. Die Wirkung von Grundeinkommen potenziert sich, wenn ich nicht der Einzige bin, der es hat. Das macht ja was mit der Gesellschaft. Unser Projekt sorgt dafür, dass Grundeinkommen wieder mehr in die Diskussion kommt. Ich will niemanden überzeugen. Ich habe das für mich gelernt, dass das Grundeinkommen positiv gewirkt hat. Es wirkt positiv bei den Gewinnenden und es ist ein Diskussionsbeitrag zu einer Debatte, die wir führen müssen.

Die Idee ist nicht neu. Es gibt Kritiker, die sagen "Wenn wir das für alle einrichten würden, dann würde keiner mehr arbeiten gehen."

Dann frage ich die Kritiker immer 'Würden Sie dann noch arbeiten gehen?' Dann sagen sie meistens, dass sie ja auch einen spannenden Job haben, aber die anderen hätten alle langweilige Jobs. Das sagt übrigens jeder Mensch von sich. Ich habe auch mit Toiletten putzenden Leuten gesprochen, die auch sagen, die Arbeit hätte auch eine Art von Befriedigung. Es gibt repräsentative Umfragen, die sagen, dass 90 Prozent der Leute mit Grundeinkommen weiterarbeiten würden. Fragt man die gleichen Menschen, ob die anderen weiterarbeiten würden, dann sagt über die Hälfte 'Nee, die würden nicht weiterarbeiten'. Das zeigt eigentlich, wie sehr wir einander in unserer heutigen Gesellschaft misstrauen. Und ich finde, das ist auch kein Zufall, weil wir ja alle bewusst oder unbewusst in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen. Wir haben verinnerlicht: "Wenn es den anderen besser geht, muss es mir schlechter gehen".

Was für Reaktionen erfahren Sie aus dem öffentlichen Raum?

Ich sitze häufig mit jungen Leuten auf Konferenzen zusammen, diskutiere über Grundeinkommen und bei der Generation 20 bis 25 ist ganz klar, dass alle dafür sind. Die haben ein ganz anderes Selbstverständnis von Gesellschaft und sagen, Vertrauen ist natürlich besser als Misstrauen. Diese Generation wird das Grundeinkommen einführen, und wir bereiten jetzt so ein bisschen den Weg.

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung des ausführlichen Inforadio-Interviews mit Michael Bohmeyer vom 31.10.2016. Das vollständige Gespräch können Sie oben im Beitrag im Audio hören. Die Fragen stellte Torsten Mandalka.

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