Eine Frau fährt mit dem Fahrrad (Quelle: dpa/Stephanie Pilick)

Berliner Firmen - So können Berlins Unternehmen fahrradfreundlicher werden

Berlin will Fahrrad-Hauptstadt werden, doch damit das gelingt, müssen auch die Unternehmen mitziehen. Die Investitionsbank Berlin geht nun mit gutem Beispiel voran - als erster zertifizierter "fahrradfreundlicher Arbeitgeber" der Hauptstadt. Von Robin Avram

Zur Rush-Hour fließt der Autoverkehr in Berlin oft zäh wie Sirup. Und wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, muss höllisch aufpassen: An über 300 Hauptstadt-Hauptstraßen gibt es gar keine Radwege. Und da, wo es welche gibt, sind sie häufig von Lieferfahrzeugen oder Autos zugeparkt.

Ganz anders dagegen in Kopenhagen: Zur Rush-Hour sind die Radfahrer auf manchen Straßen klar in der Überzahl, wie Heuschrecken-Schwärme ziehen sie auf breiten Radwegen ihre Bahnen. Und auch die Autos daneben haben viel Platz, weil einfach weniger Autofahrer unterwegs sind - wie dieses Video des Rad-Aktivisten Mikael Colville-Andersen zeigt.

Rush-Hour in Kopenhagen (8:30 Uhr bis 9:30 Uhr) am 28.9.2016

Braucht es mehr als neue Radwege?

Colville, von Beruf Designer und Stadtplaner, berät weltweit Städte, die radfreundlicher werden wollen. Mit seiner "Copenhagenize Design Company" nimmt er dabei auch den Status-quo unter die Lupe. Noch 2016 stellte er Berlin dabei ein wenig rühmliches Zeugnis aus, bezeichnete es in einem Blogbeitrag als "Infrastruktur-Museum für Radverkehr." Die Aktivisten vom "Volksentscheid Fahrrad" übersetzten den Text und trafen Colville zum Austausch.

Vor einem Monat betitelte Colville einen neuen Blog-Beitrag nun mit: "Berlin - A new hope".

Da hatte Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) gerade die Eckpunkte für ein neues Radgesetz vorgestellt, welches sie zuvor mit den Fahrrad-Aktivisten und NGO's ausgehandelt hatte. Es sieht unter anderem geschützte Radwege an vielen Hauptverkehrsstraßen, 100 Kilometer Radschnellwege, 100.000 neue Fahrrad-Stellplätze und grüne Wellen für Radfahrer vor. Auch eine landeseigene Gesellschaft, die InfraVelo GmbH soll gegründet werden, damit die Pläne nicht im Berliner Behörden-Dickicht stecken bleiben.

Sicherlich wird das Radgesetz ein Meilenstein für Berlins Radler - doch reichen diese Maßnahmen wirklich aus, damit zehntausende Berliner für den Weg zur Arbeit vom Auto aufs Fahrrad umsteigen?  

Im Pendler-Pilotprojekt stieg nur jeder Sechse aufs Rad um

Martina Hertel vom Deutschen Institut für Urbanistik kann dazu eine aufschlussreiche Antwort geben - denn sie hat für das Projekt "EBikePendeln" Feldforschung mit über 300 Pendlern betrieben. Jeweils zwei Monate lang stiegen die Arbeitnehmer in den Jahren 2014 und 2015 testweise auf gesponserte E-Bikes um und radelten damit in ihre Unternehmen im Südwesten Berlins und dem Umland.

Das Ergebnis: Zwar bewerteten die meisten Studienteilnehmer das E-Bike als gute Alternative zum Auto oder ÖPNV. Aber nach Abschluss der Testphase stieg dann doch nur jeder sechste Pendler aufs E-Bike um. "Das größte Hindernis waren fehlende Abstellmöglichkeiten am Arbeitsplatz oder zu Hause", berichtet Hertel. "Denn ein E-Bike für 2.500 Euro will keiner unangeschlossen draußen stehen lassen."

Zu wenige Fahrrad-Stellplätze, fehlende Duschen und Umkleideräume im Unternehmen - das sind oftmals die ganz praktischen Gründe, die Arbeitnehmer davon abhalten, auf das Rad umzusteigen. Denn was helfen die besten Radwege, wenn der Preis für die morgendliche Radelei die gerümpfte Nase der Kollegin im Büro ist, weil die Kleidung nach Schweiß riecht? Oder wenn das eigene Zweirad gar geklaut wird?

Symbolbild: Fahrrad-Stellplätze mit Ständer (Quelle: Bernd Settnik / dpa)
Gute und ausreichend viele Fahrrad-Stellplätze in den Unternehmen sind eine wichtige Voraussetztung, um die Zahl der Fahrradpendler zu erhöhen

IBB geht mit gutem Beispiel voran

Dass man seine Arbeitnehmer vor solchen Dilemmata bewahren kann, will nun die Investitionsbank Berlin (IBB) beweisen. Als erstes Berliner Unternehmen erhält es in Kürze die Zertifizierung "Fahrradfreundlicher Arbeitgeber" des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). "Neue Studien haben gezeigt, dass Arbeitnehmer, die mit dem Rad zur Arbeit kommen, messbar gesünder sind. Im Schnitt haben sie ein Drittel weniger Krankentage pro Jahr", wirbt ADFC-Projektleiterin Sophia-Maria Antonulas auf Anfrage von rbb|24 für die Teilnahme an dem Programm. Mit solchen Argumenten berät sie derzeit fünf weitere Berliner Unternehmen, um sie von den Vorteilen einer Zertifizierung zu überzeugen.

Die IBB hat nun nahezu alle Kriterien erfüllt - auch weil der Vorstandsvorsitzende Jürgen Allerkamp das Projekt befürwortete. Er selbst geht mit gutem Beispiel voran: Der Spitzenbanker ist mit einem Jahresgehalt von rund 500.000 Euro Berlins bestbezahlter städtischer Manager - fährt aber trotzdem häufig mit dem Rad ins Investitionsbank-Hochhaus in der Bundesallee.

Abstellen kann er sein Rad, so wie alle anderen der 630 Mitarbeiter, in zwei ebenerdigen, abgeschlossenen Fahrradräumen, die videoüberwacht sind. "Wir haben inzwischen insgesamt 70 Fahrrad-Stellplätze, auch für Kunden stehen welche zur Verfügung. Eigens für die ADFC-Zertifizierung sind wir zudem dabei, die bisherigen "Felgenbieger" durch Ständer mit seitlicher Stütze zu ersetzen", sagt IBB-Verwaltungsleiter Martin Tolkmitt.

Fünf Duschen und Umkleideräume stehen den Fahrradpendlern inzwischen zur Verfügung, in einem Lagerraum stellte die IBB zudem abschließbare Spinde auf. Die Fahrrad-Funktionskleidung kann auf Wäscheständern getrocknet werden.

Rund 13 Prozent der IBB-Mitarbeiter kommen mit dem Rad

Um die Mitarbeiter zu motivieren, sich eigene Räder anzuschaffen, schloss die IBB zudem eine Kooperation mit zwei Fahrradläden in der Umgebung. Hat ein Fahrrad einen Platten, holt ein Fahrrad-Mechaniker es morgens ab, repariert es und bringt es am Nachmittag wieder vorbei. Eine Betriebssportgruppe Rad trainiert regelmäßig zusammen, auch den jüngsten Betriebsausflug beging die IBB mit einem gemeinsamen Fahrradausflug.

Der Lohn der Mühen: "70 bis 80 Mitarbeiter kommen regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit. Und die Teilnahmequote beim Radpokal konnten wir von 60 auf 144 Mitarbeiter steigern", erzählt IBB-Manager Tolkmitt nicht ohne Stolz. Dieser Radpokal, er ist ein weiterer Beleg dafür, dass das Rad-Bewusstsein auch in anderen Unternehmen langsam erwacht. Acht landeseigene Betriebe von der BVG über die IBB bis zu Vivantes zählen seit dem Jahr 2012 im August und September alle Kilometer, die ihre teilnehmenden Mitarbeiter mit dem Rad zurück legen. Bei der IBB gibt es Preise für die fleißigsten Radler.

Es bewegt sich also etwas - aber bei genauerer Betrachtung ist auch bei der Investionsbank noch viel Luft nach oben: Denn auch dort kommen erst 13 Prozent der Beschäftigten mit dem Rad zur Arbeit. In Kopenhagen liegt der Durchschnitt bei 30 Prozent. Noch mehr Stellplätze wären also gefragt, doch das Unternehmen zögert, dafür Tiefgaragen-Parkplätze von Autos umzuwandeln. Was ist, wenn es einen Unfall gibt?

Auch Dienstfahrräder bietet die IBB ihren Beschäftigten noch nicht an, setzt bislang auf Leihräder von Next Bike und Lidl. "Wir prüfen derzeit noch Haftungsfragen", heißt es zu dem Thema. Dabei können Diensträder von der Steuer abgesetzt werden, auch Leasingmodelle sind möglich - auch teurere E-Bikes werden so lukrativ. Aber immerhin: Die IBB beschäftigt sich mit dem Thema. Von den rund 300 Berliner Unternehmen, die bei der E-Bike-Studie teilnehmen wollten, wussten 94 Prozent noch gar nicht ist, dass es nicht nur Dienstautos - sondern auch Dienstfahrräder gibt.

Beitrag von Robin Avram

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