Archiv - Flugbegleitpersonal der Fluggesellschaft Air Berlin serviert ihren Fluggästen Getränke und einen Imbiss (Quelle: dpa/Peter Endig)
Symbolbild

Insider über Zustände bei Air Berlin - "Wir können Euch nicht helfen"

Ein offener Brief des Crew-Personals spricht von chaotischen Zuständen bei Air Berlin. Ein Mitarbeiter schildert rbb|24 Details aus dem Alltag der Flugbegleiter. Wortprotokoll eines Insiders. Aufgezeichnet von Sarah Mühlberger

Zustände wie in den vergangenen Monaten habe ich in all meinen Jahren bei AirBerlin noch nicht erlebt. In letzter Zeit kommt es zum Beispiel häufiger vor, dass Kollegen irgendwo im Ausland festsitzen und nicht wissen, wie sie nach Hause kommen sollen. Normalerweise plant unsere interne Reisestelle alles rund um die Einsätze: Taxis, Hotels, Rückflüge.

Aber seit dem Umbau der Verwaltung gibt es dafür viel zu wenige Mitarbeiter. Die Reisestelle ist seither einfach nicht zu erreichen, auch nicht, wenn man in Rom steht und einen Flug nach Berlin braucht. Oder es heißt: Wir können euch nicht helfen, bucht euch selbst einen Flug. Das mussten zahlreiche Kollegen machen, sogar selbst in Vorkasse gehen.

Die Reisestelle ist auch verantwortlich dafür, wichtige Änderungen zu kommunizieren. Auch das klappt gerade nicht. Einer unserer Kapitäne ist vor kurzem nach Chicago geflogen, ohne zu wissen, dass AirBerlin dort in einem neuen Terminal angesiedelt ist und einen neuen Bodenabfertiger hat – das hatte ihm einfach niemand gesagt.

Am Dienstag waren nur 37 Prozent aller Flüge pünktlich

Ähnlich schwierig sieht es beim Crew-Kontakt aus, dem zentralen Kontakt für alle Anliegen der Mitarbeiter, auch dort ist es schwer, jemanden ans Telefon zu bekommen. Das hat mitunter große Auswirkungen auf den Flugbetrieb: Wenn etwa jemand von der Crew krank wird, müssen wir das so schnell wie möglich melden, weil wir dringend Ersatz brauchen, um weiterfliegen zu können. Wenn aber niemand erreichbar ist beim Crew-Kontakt, bleibt der Flieger ein bis zwei Stunden länger stehen.

Ohnehin ist unsere On-Time-Performance, also der Anteil der pünktlichen Flüge, gerade weit entfernt von den 88 Prozent, die Air Berlin anvisiert: Im April lag der Wert an manchen Tagen um die 40 oder 50 Prozent. Zum Vergleich: In normalen Zeiten erreichen wir 70 bis 75 Prozent. Bei Schnee-Chaos gibt es hin und hin wieder einzelne Tage, an denen man auf 50 Prozent abstürzt. Am Dienstag waren nur 37 Prozent aller Flüge pünktlich – ohne Wettereinflüsse ist das schon extrem schlecht.

Kein Flug wegen erkranktem Kapitän

Das liegt nicht nur am Personalmangel. Mir ist es neulich passiert, dass nach der Landung in Tegel nur eine Treppe bereitstand und es keine Reinigungskräfte gab. Allein dadurch hatten wir eine halbe Stunde Verspätung. Auch die Zahl der gestrichenen Flüge ist mit zehn bis 20 ungefähr doppelt bis dreifach so hoch wie sonst. Das liegt zum Teil am Personalmangel. Neulich musste ein Flug ausfallen, weil für einen erkrankten Kapitän deutschlandweit kein Ersatz gefunden werden konnte.

Probleme hat natürlich auch der Wechsel zum Bodenabfertiger AeroGround mit sich gebracht, der nach dem Streik in Tegel etwas übereilt an den Start gegangen ist. AirBerlin hat das ganze Wissen des Vorgängers WISAG offenbar nicht an AeroGround weitergegeben, und die sind überfordert mit der Abfertigung in Tegel.

Ramp Agent mitunter für bis zu für sieben Flugzeuge zuständig

Eine wichtige Person ist der "Ramp Agent":
 Er ist zum Beispiel dafür zuständig, wann die Gäste zum Flugzeug kommen und dass das Gepäck richtig verladen wird. In den ersten Wochen nach dem Wechsel kam es vor, dass ein Ramp Agent für sieben Flugzeuge verantwortlich war – normalerweise ist er für maximal zwei Flugzeuge zuständig.

Das alles hat natürlich Folgen: Die Gäste, die an Bord kommen, gerade unsere „Frequent Flyer“, die zum Teil mehrmals in der Woche mit uns fliegen, sind extrem enttäuscht von AirBerlin. Wir Flugbegleiter werden an Bord ständig beschimpft. Viele Gäste haben kein Verständnis mehr dafür, dass endlos viele Flüge gestrichen werden und sie ständig Termine verpassen. Oder dass sie in den Urlaub geflogen sind oder dienstlich unterwegs waren und Tage später immer noch auf ihre Koffer warteten. AirBerlin hat uns gebeten, an unseren freien Tagen nach Tegel zu kommen und mitzuhelfen, Gepäck zu sortieren oder mit Rat zur Verfügung zu stehen. Das haben einige auch gemacht.

Da sind die Kollegen natürlich auch verbittert

Das Unternehmen verlangt sehr viel von seinen Mitarbeitern, aber wenn wir im Gegensatz unsere Rechte einfordern und auf Verbesserungen der Arbeitsbedingungen dringen, passiert gar nichts.

Wir vom fliegenden Personal haben ja einen extremen Schichtdienst und müssen uns darauf verlassen, irgendwann mal für den nächsten Monat planen können. Gesetzlich vorgeschrieben sind eigentlich zwei Wochen vor Monatsende, zuletzt kam der Dienstplan wenige Tage vor Monatsende.
 Da sind die Kollegen natürlich auch verbittert und traurig, dass sie nichts mehr planen können.

Offener Brief an die Geschäftsleitung

Es werden auch mehr Bereitschaftsdienste vergeben, zum Teil besteht der halbe Plan aus Standby-Tagen. Wenn man Bereitschaftsdienst hat, muss man innerhalb von 60 Minuten mit Uniform und Koffer da sein können.
 Das ist eigentlich auch kein Problem, aber wenn man zehn Bereitschaftsdienste im Monat hat, hat man einfach kein Privatleben mehr. Das gab es auch noch nie. Wir sind extrem enttäuscht, im Stich gelassen zu werden. Wenn man irgendwo steht, kein Hotel hat, nicht nach Hause zurückkommt und sich selbst versorgen muss: Das ist wirklich ein unhaltbarer Zustand.

Wir haben die Missstände ja auch in einem offenen Brief angesprochen. Die Antwort von AirBerlin haben wir Mitarbeiter als dramatisch empfunden, die Dringlichkeit der ganzen Sache wurde überhaupt nicht verstanden. Denn es war ja eigentlich ein Hilferuf zu sagen: Hier bricht gerade alles zusammen. Und dann sagt AirBerlin: Wir haben gerade 600 neue Flugbegleiter eingestellt und viele befördert, eigentlich ist doch alles gar nicht so schlimm.

Wir haben viele Zugeständnisse gemacht

Daraufhin haben viele Flugbegleiter im Intranet unter dem Hashtag "Mayday" geschildert, wie enttäuscht sie von der Firma sind und dass sie das Gefühl haben, wir werden gar nicht ernst genommen. In Gesprächen mit Kollegen bekomme ich mit, dass bei vielen die Angst umgeht. Es geht so viel auf einmal schief, dass man sich gar nicht mehr vorstellen kann, wie das alles noch auf Dauer gut gehen soll.
 Leistungsträger im Büro verlassen das Unternehmen nach vielen Jahren, Flugbegleiter gehen, obwohl sie immer gern für AirBerlin geflogen sind.

AirBerlin-Mitarbeiter sind eigentlich sehr treue Mitarbeiter, die immer sehr gerne für ihr Unternehmen gearbeitet haben. Es gab es auch lange keinen Streik oder größeren Protest, weil alle dachten: Wir müssen das alles mitmachen, sonst macht die Firma dicht, wir können also nicht streiken.
 Das wurde vom Vorstand geschickt genutzt, und wir haben viele Zugeständnisse gemacht. Inzwischen fühlen wir Mitarbeiter uns vom Unternehmen total verlassen.

Wortprotokoll aufgezeichnet von Sarah Mühlberger

Sendung: Abendschau | 20.04.2017

Air Berlin hat am Donnerstag mit Bezug auf die Berichte über die Lage bei Air Berlin erklärt:

"Ein Schreiben der Kabinenkollegen aus Düsseldorf liegt uns vor. Wir kennen die Themen. Sie werden nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht werden. Die Air Berlin bündelt gerade ihre Kräfte an den beiden Hauptstandorten Berlin und Düsseldorf. Dazu gehört auch, dass nun endlich der Crew-Kontakt von Düsseldorf in das integrierte Operations Control Center nach Berlin verlegt wird. 2012 ist bereits das Cockpit von Düsseldorf nach Berlin gezogen, nun folgt in diesem Jahr der Crewkontakt. Damit sind alle operativen Einheiten an einem Standort gebündelt. Dadurch wird die Air Berlin besser und die operative Steuerung der Airline wesentlich erleichtert. Wie bei Umstrukturierungen nie ganz auszuschließen, kann es leider vereinzelt zu Engpässen bei der Erreichbarkeit für die Crew kommen, aber diese Themen sind bekannt und vielfach mit der Belegschaft diskutiert. Die Kollegen und Kolleginnen werden ihr Bestes tun, damit der Umzug nach Berlin so reibungsarm wie möglich über die Bühne geht."

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13 Kommentare

  1. 13.

    Dass der Flieger bis auf den letzten Platz ausgebucht ist, kann man doch der Airline nicht verübeln. Und das Problem mit dem Handgepäck und überfüllten Handgepäckfächern hat doch jede Airline.
    Sinnloses Kommentar...

  2. 12.

    Der Rückflug von Mil.Linate am 17.4.2016 AB8747 17,10h war eine Zumutung.
    Der Flieger bis auf den letzten Platz ausgebucht, beim Check-in wurde auch das Handgepäck mit in den Frachtraum untergebracht.
    Kontrolle ==Null , wie war das noch mit den Flüssigkeiten im Platicbeutel???

    Die Handgepäckfächer über den Sitzen waren rappelvoll, wieso, wenn jeder doch nur ein Gepäckstück haben darf.
    Nie wieder AIR BERLIN !!!!

  3. 11.

    Ich würde an Ihrer Stelle umbuchen.
    Beim Umsteigen in Abu Dhabi gibt es noch den zusätzlichen Faktor, dass das ein extrem unzuverlässiger Flughafen ist. Wir sind vor ca. drei Jahren mit Air Berlin über Abu Dhabi nach Vietnam geflogen. Auf dem Hinflug war ein Sandsturm (45 Min. delay), und wir haben nur mit Müh und Not unseren Anschluss mit Etihad gekriegt. Auf dem Rückflug hatten wir acht Stunden (!) Verspätung, weil das Landesystem in Abu Dhabi ausgefallen war. Da war unser AB-Anschluss nach Berlin natürlich weg. Ca. 500 Leute versuchten gleichzeitig umzubuchen - es war der blanke Horror. So ein unglaubliches Chaos habe ich noch nie erlebt! Mit 26 Stunden Verspätung sind wir dann gelandet - in Düsseldorf zwar, aber das war uns da schon sch...egal - Hauptsache in Deutschland!
    Ach so ... Entschädigung? Null, natürlich. Etihad ist Non-EU. Da gibt's nix außer einer drögen Entschuldigungsmail.
    Nie wieder Etihad, nie wieder Abu Dhabi!

  4. 10.

    Sehr richtig!
    Letztlich verlieren alle irgendwie dabei,nur dass am Ende sich irgendein Wohlhabender 10 statt nur 9 Luxuskarossen leisten kann. Zugespitzt zur Vereinfachung.

    Leben um zu arbeiten und das in diesen Zeiten..

  5. 9.

    sind viele Jahre 3 bis 4 mal p.a. TXL-ALC-TXL geflogen-----

    seit dem neuen Plan--eigentlich Flug Mai 2017---nix mehr direkt
    notgedrungen evtl. mitr yanair----entsetzlich von Scönefeld aus
    sooo billig ist da garnicht, wie immer geworben--Koffer, Sitzplatz etc.

    Air Berlin hat umgehend den stornierten Flug, da Leistung nicht möglich, erstattet !!!!

  6. 8.

    habe im August einen Flug bei Air Berlin nach Abu Dhabi gebucht,wie soll ich mich verhalten ? möchte KEINEN Reinfall erleben.

  7. 6.

    Die Zeichen der Zeit erkennen: Wer kann, sollte gehen. So schnell wie möglich. Sich nicht mehr von Versprechen und Hoffnungen hinhalten lassen. Hier gibt es nur noch einen Gewinner: der völlig überteuerte Wasserkopf, der für diesen Zustand verantwortlich ist. Kunden und Mitarbeiter sind die Verlierer. Der Anfang von Ende hat längst begonnen. Diese Bedingungen muss und soll sich niemand gefallen lassen müssen. Das Geschehene ist ein "schönes" Beispiel dafür, auf wessen Kosten wirtschaftlicher Erfolg oder Misserfolg ausgetragen wird. Ein Manager wird wohl eher nicht an seinem freien Tag zum Koffer sortieren zur Arbeit kommen.

  8. 5.

    Als Vielflieger hat man schon sehr gerne seinen Vielfliegerstatus. Den Senator-Status mit Flügen in der DACH-Region zu erreichen, ist fast unmöglich (100.000 Statusmeilen erforderlich).

    Natürlich ist dies eher ein Luxusproblem ;) .

  9. 4.

    Das Problem ist überall das gleiche, in der Wirtschaft und im öffentlichen Sektor: alles wird "optimiert" und auf Kante genäht, so dass es im Normalfall gerade eben funktioniert. Reserven gibt es keine. Wenn eine Störung auftritt sollen sie die Mitarbeiter mit unbezahltem Extra-Einsatz abfangen. Wer nicht mehr kann, der darf gehen - dank dem von den Verbänden erfundenen "Fachkräftemangel" steht genug Menschenmaterial zum Verschleiß bereit. Die Kunden bleiben auch auf der Strecke, wer unzufrieden ist, kann ja woanders hingehen. Nur ein anspruchsloser Kunde bringt guten Profit, ideal ist einer der trotz Unzufriedenheit zu träge ist zu kündigen, und am besten hat man sowieso ein Monopol oder Oligopol, in der alle Mitbewerber das gleiche Spiel spielen. Profitmaximierung braucht auch keine zufriedenen Mitarbeiter. Merkt das Management dass der Krankenstand steigt, werden die Mitarbeiter zusätzlich mit bevormundenden Gesundheitsprogrammen gegängelt. Der Kapitalismus macht sich zum Witz.

  10. 3.

    So masochistisch möchte ich auch veranlagt sein. Warum geben Sie sich diese Zustände anstatt eine andere Airline zu nehmen und mit den Füßen abzustimmen? Nur dann wird sich rasch etwas ändern. Verstehe immer diese unglaubliche Leidensbereitschaft des deutschen Kunden nicht, an mangelnden Alternativen liegt es dabei nur in den seltensten Fällen.

  11. 2.

    Ich kann alle Punkte des Brandbriefes bestätigen. Ich fliege jede Woche mit airberlin von TXL aus und ich freue mich mittlerweile, wenn der Flug mal "nur" 20min Verspätung hat, was eher die Ausnahme ist. In den letzten 4 Wochen betrug die Verspätung bei den allermeisten Flügen eher 60min. Kein einziger Flug war pünktlich!

    Beim Aussteigen gibt es häufiger nur eine Treppe, unten wartet dann ein total veralteter Bus von AeroGround. Es kommt auch vor, dass gar kein Bus bereitsteht und die Crew wild herumfunken muss, damit mal jemand einen Bus auftreibt.

    Trotz allem sind die Crewmitglieder sehr freundlich zu den Passagieren. Einen großen Dank also an alle Kabinenbesatzungen von airberlin.

  12. 1.

    Ein Glück das ich nicht mehr mit dieser Airline fliege. Die Zustände sind ja chaotisch. Die Mitarbeiter können einem wirklich leid tun.

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