Ein nicht zu erkennender Mann schiebt einen Putzwagen vor sich her. (Quelle: rbb/Abendschau)
Video: Abendschau | 17.04.2017 | Andrea Everwien

Arbeiten ohne Papiere in Berlin - Wenn es den Arbeitnehmer offiziell gar nicht gibt

Martin* lebt prekärer als die meisten anderen in Berlin. Er hat keine Papiere, also auch keine Krankenversicherung oder andere Sicherheiten. Martin ist Teil einer Schattenwirtschaft. Verliert er seinen Job, verliert er auch seine Lebensgrundlage. Von Andrea Everwien

Martin* ist ein Geist in unserer Stadt. Eigentlich gibt es ihn nicht. Er ist ein "Illegaler". In Frankreich sagt man schöner: ein "Sans-papiers", einer ohne Papiere. Woher er kommt, tut nichts zur Sache, vielleicht aus Albanien oder Nordafrika, vielleicht auch aus Pakistan oder Lateinamerika. Martin ist ein Wirtschaftsflüchtling. Er sagt von sich: "Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich habe einen Job, ich gehe putzen, davon lebe ich ganz gut. Ich kann sogar meiner Familie noch Geld nach Hause schicken."

Private Agenturen vermitteln Jobs gegen Kommission

Rund 1.000 Euro bekommt er im Monat für 40 bis 45 Stunden Schufterei pro Woche. Mit rund sechs Euro pro Stunde liegt sein Verdienst weit unter dem Mindestlohn von 8,84 Euro. Obwohl seine Firma den laut Vertrag bezahlt, lässt sie ihn für das Geld länger arbeiten. Martin erzählt, dass er dann ja auch noch seinen Landsleuten Geld geben müsse. "Die haben mir den Job organisiert und darüber bin ich sehr froh. Also muss ich ihnen natürlich etwas bezahlen", sagt er.

Der Verein "Xochicuicatl" bietet Migranten mit und ohne Papieren Rat und Unterstützung, vor allem Frauen aus Lateinamerika und Südeuropa. Landsleute bezahlen, weil sie Menschen ohne Papiere einen Job vermittelt haben? Vereinskoordinatorin Claudia Tribin kennt solche Geschichten vom informellen Arbeitsmarkt. "Ich habe gehört, dass es Personen gibt, die eine Zwischenagentur zwischen den Arbeitgebern und den Landsleuten bilden. Sie vermitteln dann Jobs und an diese Leute bezahlt man dann Kommissionen." Martin beschreibt den Vorgang so: "Meine Landsleute haben eine legale Aufenthaltsgenehmigung. Die leihen sie mir, damit ich offiziell einen Vertrag mit meinem Arbeitgeber machen kann. Dafür muss ich ihnen eben Geld geben."

Keine staatlichen Leistungen, kein Asylantrag

Trotzdem ist für ihn alles gut - solange es eben gut geht. Aber was, wenn er sich doch einmal verletzen sollte? Die Hilfsorganisation "Medibüro" in Kreuzberg sieht täglich Menschen ohne Papiere, die irgendwann doch zum Arzt müssen - und es eigentlich nicht können, weil sie "Geister" sind, nicht existieren und natürlich auch keine Krankenversicherung haben.

Im "Medibüro" finden sie unentgeltlich Hilfe. Die Mitarbeiter finden, Gesundheit sei ein Menschenrecht, das nicht vom aufenthaltsrechtlichen Status abhängen sollte. "Wir haben ein Netzwerk von ungefähr 120 oder 130 Ärztinnen und Ärzten, sowie Krankenhäusern, Apothekern und Hebammen, die unentgeltlich für das Medibüro arbeiten", sagt Flaminia Bartolini, die im Medibüro arbeitet.

Diagnostik und Medikamente werden aus Spenden finanziert. Die fließen aber gerade nicht sehr reichlich, weshalb die Unterstützer auf die Einführung eines anonymen Krankenscheins für alle hoffen. Martin will aber solche staatlichen Leistungen eigentlich gar nicht in Anspruch nehmen. Genau so wenig, wie er auf die Idee käme, um Asyl  zu bitten. "Nein, das ist nichts für mich, ich bin jung, ich bin zuversichtlich und stark, ich brauche kein Geld vom Staat."

Jobverlust als größte Gefahr

Angst vor der Zukunft hat Martin nicht. Angst hat er nur davor, seine Arbeit zu verlieren und aus Not kriminell zu werden, etwa Drogen zu verkaufen: "Mit Drogen will ich nichts zu tun haben. Die machen dich fertig, die machen krank - ich kann das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren."

Damit Martin hier ohne Betrug legal von dem leben könnte, was er sich erarbeitet, bräuchte es ein neues Einwanderungsgesetz. Doch damit ist vorläufig nicht zu rechnen.

Beitrag von Andrea Everwien

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Illegaler Aufenthalt, Suche des Arbeitsplatzes mit falschen Papieren, Zahlung von Geldern an mafiöse "Landsleute". Dieser Mann wird nicht ausgebeutet sondern ist ein Verbrecher. Die Berichterstattung zeigt ihn nur als Opfer, fragt aber weder nach der Identität der "Landsleute", nennt keine Namen der Arbeitgeber, erstattet keine Anzeoge.

  2. 3.

    Was erwartet man von diesem Staat noch? Ich nichts.

  3. 2.

    So so, da werden Aufenthaltsgenehmigungen einfach mal ausgetauscht und die Landsmänner werden mit einem Bonus belohnt. Da macht sich der Arbeitgeber gleich mit strafbar! Lobenswert ist, dass der junge Mann dem Staat nicht auf der Tasche liegt, auch wenn er sich strafbar macht.

  4. 1.

    Haben doch alle nach geschrien...Fachkräfte und Arbeitnehmerfreizügigkeit für EU-Ausländer. Hat ernsthaft jemand daran gedacht, dass das ohne kriminelle Machenschaften abläuft.
    Wäre schön, wenn der Zoll und das Gewerbeaufsichtsamt endlich mal durchgreifen würde. Die Unternehmer und den Auftraggeber sollte man wegen schweren Menschenhandel verurteilen.
    Aber ich nehme an das bleibt ein Wunsch. Na dann eben weiter wie bisher...

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