Blindenwerkstatt in Berlin-Steglitz (Quelle: imago/Steinach)
Audio: Kulturradio | Carmen Gräf | 11.08.2017

Schließung wegen Verlusten - Mitarbeiter von Blindenwerkstatt verlieren ihre Jobs

Ihre Arbeit lohnt sich seit Jahren finanziell nicht mehr: Die Mitarbeiter der Blindenwerkstatt in Steglitz-Zehlendorf arbeiten als Bürstenzieher, Korb- und Stuhlflechter, doch produzieren zu teuer. Deshalb muss die Werkstatt schließen. Von Carmen Gräf

Reinhold Mupupa ist Korbflechter und arbeitet seit 25 Jahren in der Blindenwerkstatt in Steglitz-Zehlendorf. Sie war seine Rettung, als er nach dem Mauerfall aus der damaligen DDR kam. Dort hatte er gehofft, dass die Ärzte ihm helfen könnten. Eine Kriegsverletzung in Angola ließ ihn erblinden – doch die Behandlung blieb erfolglos. Mit der Schließung der Blindenwerkstatt steht ihm ein weiterer Tiefschlag bevor.

"Meine Arbeit ist weg. Ich weiß jetzt nicht, was ich als nächstes mache, keine Ahnung", sagt Mupupa. "Ob ich jetzt neue Arbeit finde, weiß ich nicht. Ich bin ja schon 55. Was kann ich jetzt noch machen, eine neue Ausbildung oder was? Es ist schwierig und traurig."

Reinhold Mupupa arbeitet seit 25 Jahren in der Blindenwerkstatt. (Quelle: rbb)
Reinhold Mupupa

Die Arbeit lohnt sich seit Jahren finanziell nicht mehr

Wie Reinhold Mupupa ergeht es auch den anderen 13 blinden und sehbehinderten Menschen, die hier als Bürstenzieher, Korb- und Stuhlflechter arbeiten. Ihre Arbeit lohnt sich seit Jahren finanziell nicht mehr. Der Verkauf der Produkte deckt die Herstellungskosten nicht. Dadurch entstehen jährliche Verluste von 350.000 Euro. Diese habe das Blindenhilfswerk bisher übernommen, sagt die Geschäftsführerin Andrea Pahl. Doch das sei nicht mehr zu stemmen.

"Das eine sind natürlich die Lohnkosten: Wir sind erster Arbeitsmarkt, wir müssen Mindestlohn zahlen seit 2015", so Pahl. Früher habe es deutliche Unterschiede in der Leistungsbezahlung gegeben. "Jetzt muss aber auch der, der nicht so leistungsstark ist, mit Mindestlohn bezahlt werden, nur können Sie diese Kosten eben nicht weitergeben über die Produkte – seien es die Besen, seien es die Auftragsarbeiten im Stuhlflechtbereich oder auch bei den Korbsachen – das ist eben nicht finanzierbar."

Warenauswahl in der Blindenwerkstatt. (Quelle: rbb)
Körbe aus der Blindenwerkstatt - handgearbeitet

Großkunden bestellen lieber billig in China

Deshalb beschloss das Blindenhilfswerk vor einem Monat die Schließung der Werkstatt. Ein weiterer Grund dafür: Großkunden sind nach und nach weggefallen und bestellen lieber billig in China. Auch die Kommunen und Bezirke kaufen nicht mehr bei der Blindenwerkstatt ein. Denn nach einem Senatsbeschluss vor zehn Jahren müssen öffentliche Einrichtungen den billigsten Anbieter nehmen. Und billig sind die Waren aus der Blindenwerkstatt nicht.

Im Laden neben der Werkstatt gibt es neben Körben, Spülbürsten, Gemüsebürsten, Schuhbürsten, Schrankbesen, Handfeger, Badewannenschrubber, Staubwedel aus Ziegenhaar und Vieles mehr. Ganz gut liefen zur Zeit Computerpinsel, Tastaturbürsten und Nagelbürsten, erzählt Andrea Pahl.

"Da müssten Sie für so ein Produkt nachher 15 Euro bezahlen, wenn Sie wirklich alles zusammenrechnen an Material, Lohnkosten, Vertriebskosten und so weiter. Und das bezahlt keiner. Wenn Sie dann 'ne Nagelbürste anbieten für fünf bis sechs Euro auf‘m Markt, was natürlich Handarbeit ist und sehr schön, dann gibt‘s auch Kunden, die sagen, ich krieg sie für 99 Cent bei Rossmann."

Warenauswahl in der Blindenwerkstatt. (Quelle: rbb)
Bürsten aus der Blindenwerkstatt - handgemacht

Eine Dreiviertelstunde für einen halben Meter breiten Besen

Die Qualität ist nicht vergleichbar und der Preis verständlich, wenn man sieht, wie viel Arbeit dahinter steckt.

Der Bürstenmacher Ralf-Jürgen Biermann braucht eine Dreiviertelstunde für einen halben Meter breiten Besen mit etwa 300 Löchern, die Stück für Stück mit Rosshaar und Draht eingezogen werden müssen. Um seinen und die anderen Arbeitsplätze zu retten, hat die Geschäftsführerin viel versucht: die Anzahl der Produkte verkleinert, Kooperationen mit anderen Werkstätten gesucht und einen Online-Shop eröffnet.

"Wir haben einige Sachen unternommen: andere Produkte, andere Fertigungswege, andere Einkäufer, die Zwischenebene, dass man ein bisschen besser produzieren kann und ein bisschen preiswerter produzieren kann, die Arbeitsabläufe ein bisschen optimiert, aber letztendlich reicht das nicht aus", sagt Pahl.

Christiane Reuter, eine Mitarbeiterin des Blindenhilfswerks. (Quelle: rbb)
Christiane Reuter, eine Mitarbeiterin des Blindenhilfswerks

Geschäftsführerin will bei der Suche nach neuen Jobs helfen

Nun will die Geschäftsführerin ihren behinderten und den fünf sehenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern helfen, eine neue Arbeit zu finden. Die Werkstattleiterin Silvia Fröschner ist gelernte Korbmacherin. Sie würde gern in ihrem Beruf weiterarbeiten.

"Es gibt noch ganz viele kleine Betriebe, wo nur ein Chef und ein Angestellter ist, ansonsten gibt es noch die USE, die große Union Sozialer Einrichtungen, die haben auch Stuhlflechtereien und Korbmachereien, aber es sieht schwierig aus", sagt sie.

Das weiß auch der 49-jährige Bürstenzieher Ralf-Jürgen Biermann. Auch er will versuchen, in der Branche unterzukommen. Er erklärt: "Ich sage mal so, in 14 Tagen, drei Wochen, gehe ich mal zum Gespräch nach Neukölln, da ist ja auch eine Blindenwerkstatt, und da werde ich mich mal informieren und werde mich mal schlau machen, ob die da noch Leute suchen, wenn dann natürlich Vollzeit. Aber jetzt direkt, dass ich sag, ich hab schon was in der Tasche – nein, aber ein Gespräch läuft da in drei Wochen."

Noch bleibt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Zeit, sich neu zu orientieren. Die Blindenwerkstatt wird voraussichtlich in den ersten Monaten des nächsten Jahres endgültig geschlossen werden.

Beitrag von Carmen Gräf

Kommentar

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16 Kommentare

  1. 16.

    Dann haben Sie wahrscheinlich eine Klage wegen Verstoßes gegen das Wettbewerbsrecht am Hals oder einen Rüffel vom Rechnungshof zu befürchten, der einen nichtsparsamen Umgang mit öffentlichen Geldern moniert.

    Ich meine, bei dieser "Gemengelage", bei diesem "Zielkonflikt" muss das Wettbewerbsrecht zurückstehen, und es könnte bspw. analog des Rechts gehandelt werden, dass es geschützte regionale Marken auf EU-Ebene gibt. Regionale Marken, die nur in einem bestimmten Gebiet, nicht aber woanders produziert werden dürfen. Das wird als Schutz der regionalen Kultur verstanden. Hier, bei den Behindertenwerkstätten, wurde das analog als Schutz einer Sozialität verstanden werden können und als Sicherung des Nachteilsausgleichs. Einen vorhandenen (körperlichen oder psychischen) Nachteil auszugleichen, ist nicht gleichbedeutend damit, jemanden einen Vorteil zu verschaffen.

  2. 15.

    Nicht die Arbeit ist zu teuer, die Preise sind zu niedrig. Und damit die Wertschätzung für etwas.

    Ich bin keiner, der mit Geld nur so um sich werfen kann, doch ich habe mein Auskommen durch geregelte Berufsarbeit und da weiß ich eben, dass durch Dumping-Preise, durch Dumping-Löhne im Zuge dessen nur ein negativer Kreislauf der Entwertung einsetzt. Ein negativer Kreislauf, bei dem alle verlieren. Auch Menschen mit anderen Einschränkungen wie die, die wir alle irgendwo haben.

    Viel wäre gewonnen, wenn ein positiver Kreislauf einsetzen würde: Der Wertschätzung der Arbeit, dass Menschen davon in allen Situationen leben können und natürlich eine Wertschätzung hinsichtlich des Preises, der selbstverständlich höher liegen muss als der heutige. Und zwar fast durch die Bank.

    Nur bei Pharmaprodukten, bei den Mobiltelefonen und ausgesprochenen Prestigemarken aller Art herrschen Mondpreise, die Leid ausnutzen bzw. bei denen sich (fehlende) Anerkennung per Preis erkauft wird.

  3. 14.

    Was ich nicht verstehe: Warum kann (oder will) man staatliche Institutionen nicht verpflichten (!), ihren jeweiligen Bedarf hauptsächlich durch Artikel zu decken, die in Behindertenwerkstätten hergestellt werden?
    Wenn behinderte Menschen bei Einstellungen bevorzugt werden können, warum dann nur dort und nicht auch in anderer Hinsicht?

  4. 13.

    Ich muss allerdings sagen, dass ich durch diesen Artikel zum ersten Mal von der prekaeren Situation der Steglitzer Werkstaetten gehoert habe. Schade, denn vor nicht allzu langer Zeit habe ich mir in einem Bio-Supermarkt einen schoenen Handfeger aus Holz und Rosshaar gegoennt. Hersteller ist das 'Buerstenhaus Redecker' in NRW. Preislich lag der durchaus in dem im Artikel genannten Bereich.
    Ich koennte mir vorstellen, dass Biolaeden durchaus eine hoehere Zahl von Kunden haben die bereit sind, fuer gute Arbeit auch gutes Geld zu lasse - erst recht fuer regionale Ware wie die Steglitzer Feger.

  5. 12.

    Sabrina, da treffen wir uns nun tief im Westen wieder - in Steglitz-Zehlendorf.

    1) Welche "wirklich Verantwortlichen" habe ich "aussen vor" gelassen, wenn ich schreibe: "Hauptverantwortlich sind Kapitalisten, Politiker und Staatsbedienstete, die nur monetaer denken sowie viele andere Geiz-ist-Geil-Menschen" ??

    2)WIR haben durchaus Einfluss darauf, unter welchen Bedingungen von uns erworbenen Produkte hergestellt werden. Es gibt z.B. regionale und Fair-Trade-Lebensmittel und Fair-Trade-Textilien, die auch IHNEN offen stehen. Und Ihre Besen und Stuehle koennten auch SIE in Steglitz kaufen.

    3) Wie kommen Sie zu der Behauptung, Menschen mit Behinderung wuerden in den Werkstaetten mit Taschengeldern abgespeist? Der Bericht sagt aus, dass die Handwerker im ersten Arbeitsmarkt sind und also immerhin mit Mindestlohn bezahlt werden.

    Aber vielleicht wollen Sie ja unbezahlt dort arbeiten, um die Situation zu entspannen?

  6. 11.

    Mein Vorschlag:

    Die Behinderten Erhalten die Gehälter der Betreiber der Behinderten-Werkstatt und der ganzen zu tariflichen Löhnen angestellten Betreuer und anderen Mitarbeiter.

    Und die Betreiber, Betreuer und anderen Mitarbeiter erhalten die Sozialleistungen und Taschengelder der Behinderten.

    Ob die dann noch irgend ein Interesse an der Werkstatt "für" Berhinderte haben?

    Denen geht es nicht um das Wohl der Behinderten, sondern nur um ihren Job, genauer - ihr Einkommen.

  7. 10.

    Ihr WIR können Sie bitte stecken lassen.

    WIR haben nämlich in aller Regel keinen Einfluss auf diese Zustände.

    WIR können auch nicht kontrollieren, ob teure Ware, was sehr oft der Fall ist, auch mit Dumpinglöhnen hergestellt werden.

    Das kann nur der Staat, dessen Behörden und das ist auch deren Pflicht.

    Warum lassen Sie die wirklich Verantwortlichen außen vor?

  8. 9.

    Warum arbeiten in einem blindenhilfswerk mehr sehende Menschen als blinde oder sehbehinderte Menschen?????
    Warum werden erst die behinderten Menschen entlassen????

  9. 8.

    Hallo Katrin,
    hier ein paar bewegte und bewegende Aufnahmen über die Schliessung der Blindenwerkstatt in Steglitz von uns auf Youtube. (Einfach Link in den Browser kopieren) https://youtu.be/HTgUIEgHZgk
    Der Beitrag "Die Blindenwerkstatt in Steglitz wird geschlossen" ist Teil unseres Videoprojektes "Wahl inklusiv" von und mit Menschen mit Behinderungen und wurde am 25. Juli von uns gedreht. Lieben Gruß Volker

  10. 7.

    @ 5: Ist 'TFG' nur ein Bot mit einem unguenstig gewaehlten Namen? Oder sind Sie ein Mensch? Leidtragende so gegeneinander auszuspielen wie in Beitrag #5 scheint mir jedenfalls eine ziemlich unmenschliche Argumentation.

    - Wieviele "Milliarden" hat Berlin und seine Bezirke vor 10 Jahren fuer Fluechtlinge ausgegeben, als beschlossen wurde, dass man immer beim Billigsten einkaufen muss?
    - Und wo holen Sie eigentlich Ihre Buersten und anderen Artikel des taeglichen Bedarfs her?

    Weltweite UND lokale Ursache vieler Armutsprobleme ist, dass wir immer alles noch billiger und bequemer haben wollen. Dumpingpreise auf dem Weltmarkt erzeugen Armut hier und anderswo. Hauptverantwortlich dafuer sind u.a. knallhart gewinnorientierte Kapitalisten, Politiker und Staatsbedienstete, die nur monetaer denken sowie viele andere Geiz-ist-Geil-Menschen. Aber wohl deutlich weniger die Gutmenschen, die daran etwas aendern wollen. Und erst recht nicht Menschen, die vor der Armut fliehen.

  11. 6.

    Hier ein paar bewegte und bewegende Bilder über die Schliessung der Blindenwerkstatt in Steglitz. Der Beitrag "Die Blindenwerkstatt in Steglitz wird geschlossen" ist Teil unseres Videoprojektes "Wahl inklusiv" von und mit Menschen mit Behinderungen und wurde am 25. Juli von uns gedreht:
    https://youtu.be/HTgUIEgHZgk
    Dass hier Leute versuchen, Menschen mit Behinderungen und geflüchtete Menschen gegeneinander auszuspielen, ist unerträglich.
    (Den Link dürft ihr vom RBB gerne auch in eurem Artikel als fremde Quelle verwenden. © 2017 Medienprojekt Berlin)

  12. 5.

    Logisch, wenn Kommunen gezwungen sind, Milliarden für Armuts-, Umwelt- und Kriegsflüchtlinge auszugeben, die sogenannte Gutmenschen weiterhin haufenweise zu uns bringen wollen, bleibt natürlich nichts mehr für die Randgruppen übrig, die hier aufgewachsen sind.

  13. 4.

    Frau Metkel, hier können Sie unser Geld ausgeben anstatt Afrika zu uns zu holen.

  14. 3.

    Bitte, liebe RBB-Filmschaffende!
    Macht zu so einem Beitrag ein VIDEO!!!
    Auch wenn die Betroffenen persönlich das nicht mögen, ihr könnt die Arbeiten zeigen etc. pp.
    Ein Video findet sehr viel mehr Aufmerksamkeit :-)

  15. 2.

    Unverständlich:
    "Meine Arbeit ist weg. Ich weiß jetzt nicht, was ich als nächstes mache, keine Ahnung", sagt Mupupa. "Ob ich jetzt neue Arbeit finde, weiß ich nicht. Ich bin ja schon 55. Was kann ich jetzt noch machen, eine neue Ausbildung oder was? Es ist schwierig und traurig."

    Arbeit, die mehr kostet als sie bringt und nur dazu da ist, den Leuten die Zeit zu stehlen, ist eine schwere Demütigung und Herabwürdigung derer, die sie für lächerliche Taschengelder ausüben müssen.

    Warum gibt die Politik das Geld zur Aufrechterhaltung des Betriebs dieser WfBs nicht den Behinderten, denen man bereits mit einem Teil dieses Geldes ein menschenwürdiges Leben ermöglichen könnte?

    Warum dürfen Behinderte nicht ihren Interessen in Computer-, Strick-., Sport-, Foto-, Garten-, Modellbahn-, Malerei- u.a. Vereinen nachgehen?

    Wozu brauchen wir eigentlich Behinderten-Beauftragte? Diese Zyniker gehören rausgeschmissen!

  16. 1.

    Klar für solche eine Einrichtung ist kein Geld da. Dafür werden aber weitere Milliarden in den BER gesteckt der nie
    fertig wird. Klasse Gesellschaft in der wir leben.

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