Fischer (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Audio: Inforadio | 11.08.2017 | Annette Miersch

Potsdams letzter Berufsfischer - Einer, der den stachligen Barsch beim Schlafittchen packt

Er ist der einzige seiner Art, zumindest in Potsdam. Mario Weber ist der letzte Berufsfischer der Stadt. Annette Miersch hat ihn am frühen Morgen aufs Wasser begleitet – und dabei erfahren, wer des Fischers ärgster Feind ist.

Flatternde Schlappohren, die Schnauze in den Wind gereckt: Wie eine Gallionsfigur steht Hündin Luna vorn in der Spitze des Fischerkahns. Der röhrende Motor treibt das Boot durchs aufschäumende Havelwasser. Statt sattem Morgenrot hängen Wolken und Nebelschwaden überm Fluss. Die waldigen Ufer verschwimmen im Nieselregen.

Die vielen Regenfälle in diesem Sommer seien ein großes Glück, denn die Fischerei braucht viel Wasser, erzählt Fischer Mario Weber. Viel Reden ist nicht sein Ding. Aber was er sagt, hat Gewicht: "Fluss kommt von fließen. Und wenn der Fluss fließt, dann geht es auch den Fischen gut."

Fischer (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Hündin Luna ist beim Fischen dabei.

Scharfkantige Muscheln hängen an den Reusen

Warum das so ist? Das ist Weber eigentlich egal, behauptet er jedenfalls. Als Fluss- und Seenfischer müsse er viele Dinge einfach nehmen wie sie sind. Tiefenentspannt steuert der 56-jährige den silbernen Metallkahn Richtung Norden. Grauer Dreitagebart unter einer Baseballkappe, dazu Regensachen und Gummistiefel. Nur Gesicht und Hände sind ungeschützt - große, derbe Männerhände. Mit denen greift er wieder und wieder ins Wasser, zieht schwere Netze aus der Tiefe, wischt scharfkantige Muscheln vom feuchtschwarzen Holz der Reusenstangen – oder packt Plötze, stachligen Barsch und Zander einfach beim Schlafittchen.

Doch nicht nur Fische zieht er aus dem Wasser, sondern auch viel Müll: Flaschen, undefinierbare Fetzen von irgendwas. Besonders häufig landen Plastiktüten mit Hundekot in seinen Netzen.

Fischer (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Viel Müll landet im Netz.

Einst waren es vier Fischer

Seine Tour führt Weber heute bis zur Pfaueninsel. Die langen, ausgeblichenen Pfähle in Ufernähe kündigen schon von weitem an, dass hier Stellnetze schwimmen. Insgesamt 25 Reusen betreibt der Fischer in seinem Fanggebiet rund um Potsdam.

Das Revier hier macht ihm kein anderer Fischer streitig. Denn er ist der letzte, der diesem Handwerk in der Brandenburgischen Landeshauptstadt heute noch nachgeht.

Angefangen hat er vor gut 35 Jahren, damals noch als Mitglied der Fischereigenossenschaft Werder. Vier Fischer seien sie damals noch gewesen, die rund um Potsdam ihre Fischgründe hatten. Die anderen hätten nach und nach aufgehört. Ob aufgegeben, das wisse er nicht genau. Fakt sei, dass man als Fischer nur überlebt, wenn man sich ständig anpasst, betont der Mann.

Von 6 bis 20 Uhr dauern die Arbeitstage

Heute ist Mario Weber selbstständig und führt den "Fischerhof Potsdam". Der liegt mitten in der Stadt hinter einer hohen alten Steinmauer. Durch eine kleine Holztür geht’s in den Hof. Trocknende Netze, meterlange Reusenstangen lehnen an Bäumen. Unten im Wasser liegen Ausflugsdampfer neben Webers Fischerboot, alles Kunden der Wassertankstelle Potsdam. Oben im kleinen Fischladen wird der tägliche Fang angeboten, aber auch Seefische, wie Heilbutt und Lachs. Direkt daneben, im gleichen Flachbau, hat der Fischer Büro und Werkstatt untergebracht.

Von 6 Uhr morgens bis abends 20 Uhr dauern bei ihm die Arbeitstage. Gearbeitet wird immer, zu jeder Jahreszeit. Bei Sturm oder im Winter ist das richtig hart. Aber Weber möchte mit niemandem tauschen: "Ich möchte draußen arbeiten und nicht irgendwie in einem Büro versauern."

Fischer (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Den Fisch am Schlafittchen gepackt.

Erzfeind ist der Kormoran

Zurück auf dem Boot, mitten im schönsten Schifffahrtsvergnügen, das ein Hund wohl spüren kann, legt Luna plötzlich die Ohren an, duckt sich und fixiert einen Betonmast im tiefen Wasser. Eine Gruppe Kormorane hält von dort oben Ausschau. Das schwarze Gefieder und die hellen, leicht gebogenen Schnäbel der Fischfresser sind gut zu erkennen. "Das ist der Erzfeind", sagt Fischer Weber. "Wenn Luna die sieht, dann bellt sie, als gibt’s kein Morgen mehr." Später zieht ein ganzer Schwarm über das Boote hinweg: "Das sind 250 Tiere, jeder frisst am Tag ein halbes Kilo Fisch", wettert Mario Weber.

Immer weniger Wasser in der Havel

Doch nicht nur Kormorane machen dem Potsdamer zu schaffen. Auch Menschen graben dem Fischer wortwörtlich das Wasser ab: Seit zum Füllen der ehemaligen Lausitzer Tagebaue Wasser der Spree abgeleitet wird, sinke der Wasserstand in der Havel, kritisiert Weber. Gleichzeitig werden die Wasserstraßen für die Schifffahrt ausgebaut, breiter gebaggert. Auch das senke den Wasserstand. "So was wird ja auf ganz hoher Ebene besprochen und geplant", sagt Weber. Und wenn die Fischer mal dazu befragt würden, sei das eine Alibi-Aktion. Aber Fischern werde auch geholfen, betont Weber. Wie für Bauern gibt es auch für sie Fördergelder, zum Beispiel von der EU.

Fischer (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Die Beute aus der Havel

Hobby-Bootsführer fahren in die Reusen

Neuste Widrigkeit, mit der er zu kämpfen hat, seien immer mehr Motorboote, die man inzwischen ohne Führerschein fahren darf. Die Hobby-Nutzer hätten von den Regeln auf dem Wasser keine Ahnung – und vor seinen Reusen keinen Respekt: "Das beschäftigt mich sehr. Wir haben dadurch Tausende Euro Schaden im Jahr."

Nach drei Stunden auf der Havel springt Luna sofort auf den Steg und verschwindet bei den Nachbarn. Der Chef ist mit der zappelnden Ausbeute im Fangbecken zufrieden: schillernde Plötzen, ein paar Aale und zwei schmucke Zander: "Wir haben ein paar Fische zum Verkauf. Dann ist das schon in Ordnung."

Fischer (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Hündin Luna

Beitrag von Annette Miersch

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