
Tausende Monteure bei PCK - Ausnahmezustand in der Schwedter Raffinerie
Wenn Schwedts riesige Raffinerie alle drei Jahre vom TÜV geprüft wird, gerät die ganze Stadt in Wallung. Denn während des Großstillstands finden zahlreiche Umbauten statt – und zusätzliche 3.000 Spezialisten sind dafür in der Oderstadt.
Alle drei Jahre kommt der TÜV zur Sicherheitsprüfung in die PCK Raffinerie in Schwedt/Oder. Ein Großteil der Anlagen ist dann vier Wochen lang außer Betrieb. Die Zeit des Großstillstands nutzt die Geschäftsführung auch, um Modernisierungs- und Instandhaltungsprojekte in Höhe von 110 Millionen Euro umzusetzen. Alles zusammen nennt sich Optimix 2013. Zusätzliche 3.000 Monteure und Spezialisten sind dafür in der Oderstadt.
Mit dem Tablett in der Hand und dem Helm noch auf dem Kopf stehen hunderte Männer und einige Frauen vor dem Versorgungszelt in der Schlange: Mittagszeit. Normalerweise gehen die über 1.000 Mitarbeiter der PCK – Raffinerie in die Kantine am Hauptgebäude, aber jetzt herrscht Ausnahmezustand: dreimal mehr Menschen sind auf dem Gelände, arbeiten schwer und haben mittags Hunger. Sie sprechen Polnisch, Niederländisch, Französisch, Serbokroatisch, Bayerisch, Sächsisch - und miteinander meist Englisch. Viele von Ihnen sind nicht zum ersten Mal hier, wie die Aufkleber auf ihren Helmen zeigen, dort prangen schon abgewetzte PCK-Logos.
Großinvestition in nur vier Wochen
Denn was sich hier abspielt ist zwar etwas Besonderes, es wiederholt sich aber alle drei Jahre, wenn der TÜV kommt. Seit Ende März wurden zwei Drittel der Raffinerie heruntergefahren. Durch die große Rohöldestillationsanlange FOL3, den Reaktor FCC, der die Ölkomponenten aufspaltet, und kilometerlange Rohrleitungen fließt bis Anfang Mai kein Öl. Stattdessen wird auseinandergeschraubt, geschweißt, gereinigt, geprüft, wieder zusammengebaut und zum Schluss geröntgt.

Die PCK ist eine der führenden Raffinerien Europas. Hohe Sicherheit, Zuverlässigkeit und Effizienz sind laut Selbstbschreibung ihre Merkmale. Durchschnittlich 12 Millionen Tonnen Rohöl werden hier jährlich zu Treibstoffen, Heizöl und Bitumen verarbeitet. 90 Prozent der Autos in Berlin und Brandenburg fahren mit Benzin und Diesel aus Schwedt. Die größte Menge Öl kommt seit fast 50 Jahren aus Sibirien und Russland durch die Pipeline "Freundschaft" hierher. Die Raffinerie hat Schwedt geprägt. Auch wenn längst nicht mehr so viele Menschen hier arbeiten wie vor 30 Jahren, ist PCK noch immer der größte Arbeitgeber der Region. Das soll auch so bleiben: "Durch die Neuinvestitionen der letzten Jahre und der diesjährigen von 110 Millionen Euro, sichert sich unser Standort eine Zukunft auf Jahrzehnte", erklärt Thomas Schulze, der den Optimix 2013 leitet.
"Optimix heißt, wir wollen einen optimalen Mix aus Instandhaltung und Neuinvestitionen und damit Verbesserungen in Umweltschutz, Energieeffizienz und Flexibilität in der Produktion. So können wir schnell auf den sich verändernden Markt reagieren", ergänzt Geschäftsführer Jos van Winsen. So werde beispielsweise immer mehr Diesel und weniger Benzin nachgefragt.
Zehn "Fremde" auf einen "Einheimischen"
Moderne Anlagen teilen das Rohöl gleich zu Beginn der Verarbeitung in verschiedene Komponenten auf. Da die alte Rohöldestillationsanlage aus den 1970er und 80er Jahren ohnehin reperaturbedürftig war, hat das PCK-Management nun entschieden, gleich eine komplett neue bauen zu lassen. Diese wurde in Kleve an der niederländischen Grenze gefertigt und kam per Schiff nach Schwedt. Die vier Teile, sogenannte Kolonnen, werden nun von einem 130 Meter hohen Spezialkran ausgetauscht.
Die alten Kolonnen sehen aus wie rostige U-Boote, zahllose Luken, Schrauben und Armaturen zeugen von jahrzehntelangem Einsatz. Die neuen glänzen im Alu-Mantel, sind jeweils über 20 Meter hoch, 200 Tonnen schwer und Millionen Euro wert. Sie sind in den letzten Tagen aufgestellt worden, ragen 50 Meter in die Höhe und müssen nun noch verbunden werden. 3 Tage dauert allein das Schweißen. Und das ist nur eines von vielen Großprojekten in diesem April. 94 Kräne helfen derzeit, die vielen Teile auf dem Gelände der Raffinerie zu bewegen, das so groß ist, wie die Stadt Schwedt selbst.
An einem so gigantisch dimensionierten Arbeitsplatz ist es nicht einfach sich zurechtzufinden. Zig große und kleine Baustellen sind in den Straßen der Raffinerie zwischen Rohrleitungen und Schächten versteckt. Die bereits erwähnten zusätzlichen 3.000 Monteure und Spezialisten bekommen deshalb eine besondere Sicherheitsunterweisung – und: einen Partner an die Seite gestellt. Um je zehn "Fremde" kümmert sich ein "Einheimischer", der ihnen zeigt, wo der nächste Waschraum, Feuerlöscher oder Kaffeeautomat zu finden sind.

Unter den Firmen sind Spezialisten, die schon Atomkraftwerke in USA oder Offshore-Anlagen in Katar gebaut haben, aber auch kleinere Betriebe aus der Region. Für viele sind solche Großprojekte dennoch nicht alltäglich. Schon an der Werkspforte hängt ein Schild mit der Aufschrift: "Im Zweifelsfall hat die Sicherheit von Menschen und Umwelt unbedingten Vorrang. Keine Aktivität ist so wichtig, dass sie nicht sicher durchgeführt werden kann."
2012 ist niemand auf dem Gelände verletzt worden. Geschäftsführer Jos van Winsen möchte das auch in diesem Jahr – trotz Ausnahmebedinungen durch Optimix – wieder hinbekommen. So gibt es als Anreiz für die "Gast"-Arbeiter ein Gewinnspiel: Besonders umsichtiges Arbeiten wird belohnt. Vom Essengutschein bis zum Rasierapparat reichen die Geschenke – am Schluss entscheidet das Los, wer einen Kleinwagen mit nach Hause nehmen darf.
Bis jetzt lief alles glatt, resümiert Stillstandsleiter Thomas Schulze nach den ersten Tagen. Und auch die Region profitiert von dem Ausnahmezustand. Alle Hotelbetten und Pensionen im Umkreis von 50 km sind bis in den Mai hinein ausgebucht.
